, bis sie ihr eigenes beziehen . Tochter eines adeligen Hauses zu sein ist ein Beruf , der ebenso wichtig ist , wie jeder andre Beruf . « Und noch letzthin , als die zweite Tochter der Ports nach Dresden ging , um ihre Stimme auszubilden , hatte der Baron das eine Desertion genannt . Und nun desertierte seine einzige Tochter , ließ die beiden alten Leute allein . Was war geschehen ? In Paduren schwieg man darüber wie immer . Man glaubte zu bemerken , daß der Baron nach der Abreise seiner Tochter strenger und unnachsichtiger in seinen Urteilen war , daß er ungeduldig wurde , wenn man ihm widersprach , aber sonst war keine Veränderung bemerkbar . Große Jagden wurden in Paduren abgehalten , bei denen er nervös die Jugend zur Heiterkeit aufmunterte . Ja , er selbst bemühte sich , heiter zu sein , sprach viel von Bolko , von dem Studentenleben , erzählte aus der eigenen Studentenzeit verschollene Studentenstreiche , über die nur er und der Baron Port lachen konnten . An einem Novemberabend trat die Baronesse Arabella in das Arbeitszimmer ihres Bruders , sie fand ihn in seinem Sessel sitzend , den Kopf zurückgelehnt , das Gesicht grau und wie zerfallen , die Augen geschlossen , in der Hand hielt er ein Telegramm . » Mein Gott ! Siegwart ! « rief die Baronesse . Matt reichte er ihr mit der einen Hand das Telegramm , mit der anderen winkte er . Er wollte allein sein . Das Telegramm meldete , Bolko sei im Duell gefallen . Die Baronesse ging , um sich in ihr Zimmer zu verschließen und zu weinen . Im Schlosse wurde es eine Weile ganz still , als die Nacht aber hereingebrochen war , begannen Schritte unablässig durch die lange Zimmerflucht zu irren , und wenn sie an der Tür der Baronesse vorüberkamen , glaubte diese etwas wie ein leises Wimmern zu hören . Den nächsten Morgen war der Baron bleich und gefaßt , traf die Vorbereitungen für die Bestattung seines Sohnes und empfing die Trauerbesuche . Er war feierlich und würdevoll wie immer , nur schien es zuweilen , als gerieten diese Feierlichkeit und diese Würde ins Schwanken , als müßte er sie gewaltsam festhalten wie einen schweren Mantel , der von den Schultern herabzugleiten droht . Nach dem harten Schlage , der sie getroffen , zeigten die Einwohner von Paduren sich nicht in der Nachbarschaft . Sie blieben zu Hause und gingen recht schweigsam in den großen Räumen nebeneinander her . Einmal sagte die Baronesse Arabella zu ihrem Bruder : » Unsere Fastrade , soll unsere Fastrade nicht kommen ? « Er aber winkte ärgerlich ab . Die Nachbarn trauten sich nicht recht in das so still gewordene Schloß , nur der Baron Port besuchte seinen Freund . Dann saßen sie beide wie sonst am Kamin bei der Nachmittagszigarre , und der Baron von der Warthe sprach von seinen Grundsätzen und den falschen Ansichten der jungen Leute , er wollte sich wieder an den eigenen schönen und vernünftigen Worten erfreuen , aber es war , als schmeckten sie ihm nicht mehr , die Stimme begann zu zittern , wurde kleinlaut und mutlos und versiegte endlich ganz . Dann beugte sich der Baron Port vor und klopfte seinem alten Freunde sanft auf das Knie . - » Der Warthe ist nicht mehr der alte , « berichtete Baron Port seiner Frau , » er hält sich , er hält sich , aber das mit dem Sohn ist für ihn doch zu stark gewesen . « Ja , es war für ihn zu stark gewesen . Als Christoph eines Nachmittags in das Arbeitszimmer seines Herrn trat , wo dieser auf einem großen Sessel seine Nachmittagsruhe zu halten pflegte , fand er ihn auf dem Fußboden liegend . Der kleine Herr lag da , Hände und Füße hilflos von sich gestreckt , das Gesicht grau und wie von einer Qual verzerrt inmitten des silbernen Heiligenscheines der Haare und des Backenbartes . Ein Schlaganfall hatte ihn getroffen , hatte den armen Baron » Mißbilligung « in einem Augenblick all seiner Feierlichkeit und seiner schönen Haltung entkleidet und ihn zu einem hilflosen alten Manne gemacht . Zweites Kapitel Die Baronesse Arabella hatte sich entschlossen , am Nachmittage einen Besuch bei der Baronin Port zu machen . Die Krankenstubenstille des Schlosses quälte sie wie eine Krankheit . Sie wollte Menschen sehen und sprechen , vor allem sprechen . So fuhr Mahling sie in der großen Kalesche nach Witzow hinüber . Die Herbstwege waren schlecht , das Wetter feucht und kalt unter einem niedrigen grauen Himmel , der Wind wühlte im feinen Gezweige der Hängebirken wie in feuchtem roten Haar . Zwischen den Schollen der aufgepflügten Äcker lag hier und da schon ein wenig Schnee . Alles sah unreinlich aus und als ob es friere . Aber die alte Dame blickte mit einem liebenswürdigen und angeregten Lächeln auf die Landschaft hinaus . Sie machte schon jetzt ihr Besuchsgesicht , denn sie freute sich wirklich herzlich auf ihren Nachmittag . Das weiße Witzowlandhaus mit der niedrigen Treppe , vor dem sie jetzt hielten , erschien ihr heute besonders anheimelnd , auch der große Flur , der stets nach feuchtem Kalk roch und in dem die Baronesse jedesmal dachte : Die gute Karoline kann sagen , was sie will , das Haus ist doch feucht . Sylvia , die älteste Tochter des Hauses , ein schlankes , ältliches Mädchen mit einem bleichen Gesicht und einem gefühlvollen , ein wenig mitleidigen Lächeln , empfing die Baronesse . Sylvia hatte eine Art , die Leute zu begrüßen , als seien sie krank und bedürften der Teilnahme und der Schonung . Und das tat der alten Dame heute wohl . Im Wohnzimmer auf dem großen Sofa mit der zu steifen Rücklehne saß die Baronin Port , eine sehr starke Dame , das Gesicht stets rot und erhitzt unter der weißen Blondenhaube . » Nun , meine gute Arabella , « sagte