sie Tschun als in der menschlichen Hierarchie weit über ihm stehend . Bald aber war er ihnen zu ebensolcher Höhe nachgewachsen , und als er sechs Jahre alt war , begann auch er eine vom Petang abhängige Schule zu besuchen . Er war stolz darauf , denn abergläubische Ehrfurcht vor den Wissenschaften war ihm , wie jedem Chinesen , angeboren . Alle Morgen , nachdem zu Hause von der ganzen Familie der Frühtee und die beim vorüberziehenden Straßenhändler gekauften Kuchen verzehrt worden waren , wobei Tschun als Jüngster , wie sich ' s schickt , zuletzt an die Reihe kam , wanderte er nun brav durch die schmutzigen Straßen zur Schule , ohne sich durch die Lockungen all dessen , was es unterwegs zu begaffen gab , verleiten zu lassen . » Der Weg zur Gelehrsamkeit ist lang « , hatte Tschun sagen hören , da durfte man nicht gleich bei den ersten Schritten säumen . In dem Schulzimmer kauerte Tschun mit den kleinsten Schülern auf dem Kang , während die größeren auf Bänken an Tischen saßen . Chinesische Lehrer , die selbst von den fremden Priestern ausgebildet worden waren , unterrichteten die Knaben im Lesen und Schreiben der , ach so schwierigen , chinesischen Schriftzüge , vor allem aber im Katechismus und der biblischen Geschichte . Den Methoden des chinesischen klassischen Unterrichts sich weise anpassend , bestanden die Aufgaben auch hier hauptsächlich nur im mechanischen Auswendiglernen . Dabei ging es aber sehr lebhaft her , denn all die Kinder lernten gleichzeitig und mit möglichst laut erhobener Stimme ihr Pensum und überhörten sich gegenseitig , ehe sie dem Lehrer aufsagten ; gegen den verwirrenden Lärm , der hierdurch auf der langen Straße zur Gelehrsamkeit herrschte , waren Lehrer und Schüler gleich unempfindlich . Am besten gefielen Tschun die Stunden in der biblischen Geschichte . Die Patriarchen erschienen ihm bald wie alte Bekannte , chinesischen Familienchefs gleichend , waren sie Hohepriester und Herrscher zugleich . Abraham , den Isaak schlachtend , war Tschun ein geläufiger Begriff , denn Väter waren ja nun mal allgewaltige Wesen , Herren über Tod und Leben , auch in China - besonders in China . Und ebenso erschien es ihm nichts gar zu Absonderliches , daß sich Brüder fanden , die einen der Ihren , den jungen Joseph , wie ein kleines , lästig gewordenes Haustier verkauften . Denn wenn zwar das Christentum seiner eigenen Familie Kindertötung oder Verkauf ausschloß , so war es doch eben nur ein Christentum weniger Jahre . Dahinter aber lagen die Jahrtausende chinesischer Vergangenheit mit all ihren aufgespeicherten Anschauungen und Sitten . Und das hatte ja Tschun häufig erwähnen hören , daß bei den stets wiederkehrenden Hungersnöten noch heute alljährlich Tausende von Kindern in dem einen oder anderen Teil Chinas ausgesetzt , verkauft oder gar von den Ihrigen getötet wurden . - Wenn Isaak statt eines Sohnes eine Tochter gewesen wäre , so hätte Tschun den Vorgang freilich für noch viel begreiflicher gefunden , und dann wäre der Tientschu auch wohl schwerlich dem Abraham noch im letzten Augenblick hindernd in den Arm gefallen , denn das weiß ja ein jeder , daß kleine Mädchen minderwertige Geschöpfe sind , um deren Rettung sich sicher kein Himmelsherr sonderlich bemühen würde , und daß Väter sie als » Besitz , an dem Geld verloren wird « bezeichnen , da sie ihnen ja zur Heirat eine Aussteuer geben müssen , die dann samt ihrer Arbeitskraft an die Familie des Ehemannes verloren geht . Im Petang dachte man über solche Dinge freilich anders . Unter den kleinen Waisenmädchen , die dort von den Nonnen aufgezogen und unterwiesen wurden , gab es manche , die verlassen und hungernd von Missionaren in Ueberschwemmungsgebieten aufgefunden und dann gerettet worden waren . » Gerettet « an Körper und Seele , denn außer der leiblichen Nahrung hatte man ihnen vor allem gleich die Taufe gespendet . - Ja , was taten diese fremden Menschen nicht alles , um solch armes Seelchen aus dem großen Meere des Verderbens herauszufischen und für ein seliges Jenseits zu gewinnen ! um » den Himmel zu bevölkern « , wie sie es nannten ! Allmählich erfuhr Tschun mehr darüber . Es sollte Nonnen geben , die ihnen völlig fremde Pest- und Cholerakranke pflegten , andere , die es sich sogar zur Aufgabe gestellt hatten , die doch unrettbar verlorenen Aussätzigen aus ihren jämmerlichen Schlupfwinkeln hervorzuholen und diesen Allerelendesten und Allereinsamsten , deren schwärende Körper wie morsches Zeug auseinander fielen , in besonderen Anstalten wenigstens das Lebensende zu erleichtern . Von einem Priester hörte Tschun erzählen , der in einer fernen chinesischen Stadt lebte , wo ein besonders böser Mandarin die ihm unbequemen Leute , falls sie zu arm waren , um sich durch Lösegeld freizukaufen , ins Hungergefängnis werfen ließ . Alle Morgen ging der Priester zu dieser Stätte des Grauens . Sobald die Gefangenen ihn draußen an der stark vergitterten Tür erblickten , durch die allein Licht und Luft in ihr niederes , finsteres Gelaß drang , krochen und wankten sie zu ihm heran . Halb nackte , skeletthafte Gestalten , alle an eine Kette angeschlossen . Und durch das Gitter , in den von verpesteter Fäulnis angefüllten Raum hinein , beim unheimlichen Stöhnen der vor Hunger Verschmachtenden und dem Röcheln der Sterbenden sprach ihnen der Priester von einem lichten Jenseits , von Auferstehung und Leben . Durch das Gitter auch taufte er sie , und da gab es keinen dieser in Finsternis und dem Schatten des Todes Sitzenden , der nicht allzugern einen Glauben angenommen hätte , der ihm für die hier erduldeten Qualen eine die Ewigkeit währende Seligkeit im Himmel verhieß . Es dünkte Tschun sehr seltsam , daß die fremden Männer und Frauen , die doch ruhig daheim hätten bleiben können , über das große Meer gefahren waren , um sich hier gerade solche Aufgaben zu suchen . Und wenn sie denn schon durchaus Armen und Kranken helfen wollten , was dem Chinesentum in Tschun durchaus nicht als ein unabweisbares angeborenes Bedürfnis