in den Tälern drunten zu tragen pflegten ; fast sah er aus wie ein verzärteltes Herrenkind , das man durch schmuckes Gewand für die Mißgestalt seiner Glieder entschädigen wollte . In der einen Hand hielt er ein kurzes , gebogenes Messer , in der andern ein Stück weißen Lindenholzes , aus dem eine fliegende Schwalbe halb herausgeschnitten war . Die Hirtin ging mit dem Sattel auf eine hölzerne Hütte zu und machte dem Krüppel , der sich hinter einem Felsblock verbergen wollte , rasche Zeichen mit der Hand . Er schien zu verstehen , schien ruhiger zu werden , nickte , sah hinüber , wo der Fremde stand , und schnitt von dem Lindenholz einen Span herunter . Dann legte er Holz und Messer auf einen Fels , näherte sich mit gaukelndem Säbelgang dem fremden Jüngling und begann , ihm , ohne ein Wort zu sagen , mit der Spankante den grauen Schlamm von den Kleidern herunterzuschaben . Der Fremde ließ sich das eine Weile lachend gefallen . Dann fragte er : » Wer bist du ? « Und weil er keine Antwort bekam , faßte er den Krüppel an der Schulter . » Du ! Red doch ein Wort ! Wer bist du ? « Das Gesicht erhebend , lallte der Krüppel mit schwerer Zunge ein paar sinnlose Laute und machte mit dem graugewordenen Span ein Zeichen gegen Mund und Ohr . Dann fing er wieder zu schaben an . Ein Taubstummer ? Schweigend betrachtete der Fremde den kleinen , fleißigen Kobold , und weil er an ihm diese blauen Augen sah , wandte er in fragendem Verwundern das Gesicht zur Hütte hinüber . Da drüben stand die Hirtin und reinigte am Brunnentrog den Sattel und das Riemenzeug . Dann ging sie auf den grasenden Moorle zu , streckte die Hand und lockte mit leisen Lauten . Das Pferd streckte den Hals und schnupperte , ließ sich an der Mähne fassen , folgte der Hirtin willig zum Brunnentrog und hielt verständig unter den Wassergüssen aus , mit denen ihm die Hirtin den Schlamm von Leib und Gliedern spülte . Und ließ sich trocknen mit einem Tuche , ließ sich satteln und zäumen . Die Hirtin schien die Tiere liebzuhaben , auch dieses fremde . Unter leisem Schwatzen faßte sie den Moorle an der Schnauze , und in ihrem stillen , strengen Gesicht erwachte eine warme Herzlichkeit , während sie dem Pferd die Nüstern streichelte und ihm die Büschel des dicken Stirnhaars aus den Augen strich . Dann hängte sie die Zügel über den Brunnenstock , gab dem Pferd einen leichten , zärtlichen Schlag auf den schwarzglänzenden Hals und trat in die Hütte . Moorle sah der Hirtin nach und wieherte . Sie kam aus der Türe , zwischen den Händen eine hölzerne Schale , die mit Milch gefüllt war , und ging zu der Stelle hinüber , wo der Fremde sich schaben ließ . Bei seinem Anblick mußte sie ein bißchen schmunzeln . Aber dieses leichte Gekräusel ihrer Lippen war schon wieder verschwunden , als sie die Milchschale auf eine Steinplatte stellte mit den Worten : » Wenn dich dürsten tät ? « Sie deutete gegen das Waldtal hinunter . » Dort geht der Karrenweg . Da kannst du nimmer fehlen . Jetzt muß ich zur Arbeit . Gottes Gruß ! « Sie wollte gehen . » Du ! « sagte er mit raschem Laut . Ruhig wandte sie das Gesicht . » Laß dir Vergeltsgott sagen für alle Treuung an mir und meinem Gaul . « » Ist gern geschehen . In der Einöd müssen die Leut einander helfen . Wo viel beinander sind , müßten sie ' s auch . Aber da tun sie ' s nit . Und keifen und beißen wie die hungrigen Hund bei der Schüssel . « Er sah sie mit wachsendem Staunen an . Diese seltsamen Worte ! Aus dem Mund einer Zweiundzwanzigjährigen ! Aber es war in diesen Worten weder Groll noch Bitterkeit . Ganz ruhig hatte sie das gesagt . Und wieder , weil sie gehen wollte , rief er hastig : » Du ! « Er hätte noch gern geschwatzt mit ihr . In diese blauen , ruhigen Augen war ein gutes Schauen . Sie lächelte ein wenig . » Jetzt muß ich schaffen . « » Da muß ich dich gehen lassen , freilich . Man wär bei dir gut aufgehoben . Der arme , kranke Bub da , der ist wohl bei dir in Pfleg ? « Die Hirtin schüttelte den Kopf , während sie mit einem Blick voll heißer Liebe an dem Krüppel hing . » Das ist mein Bruder . « Dann ging sie davon . Er blickte auf den eifrig schabenden Krüppel hinunter und sah der Hirtin nach . Wie ist das möglich ? Daß aus dem Schoß der gleichen Mutter solch eine Mißform ins Leben fallen kann ? Und solch ein festes , helles und aufrechtes Menschenkind ? Freundlich fuhr seine Hand über das Schwarzhaar des Krüppels hin . Er schob den Buben , der immer noch zu schaben hatte , von sich fort und ging , mit einem violetten und einem grauen Bein , zu der hölzernen Milchschale hinüber , tat den Trank eines Durstigen und legte eine Silbermünze neben die Schale . Der Krüppel lallte einen zornigen Laut , griff nach der Münze , schob sie in die Gürteltasche des Fremden und säbelte mit den kurzen Beinen zu dem Stein hinüber , auf dem sein Messer neben der geschnitzten Schwalbe lag . » Guck nur , wie stolz ! « Es war wie Ärger in diesen Worten . Das lange , lichte Braunhaar aus dem erhitzten Gesicht schüttelnd , schritt der Fremde zum Brunnen hinüber und stieg in den Sattel . Moorle benahm sich ein bißchen ungebärdig , mußte aber flink dieser kräftigen Faust und dem Druck dieser festen Schenkel gehorchen . Bei der Hütte bückte sich der Reiter , um durch die Türe schauen zu können . Er sah einen