gerade so , wie ich es an den Festtagen auf dem Kirchplatz von Sonnenreuth gesehen und gehört hatte . Die Wallfahrt Zu meiner Kinderzeit hat man in Sonnenreuth den Schulzwang noch nicht gekannt ; daher auch der Weidhofer , mein Kostvater , seine Pfleglinge , um an Schulgeld zu sparen , kaum sie ein paar Tafeln zerschlagen hatten , wieder von dieser gelehrten Stätte hinwegholte und an die Arbeit spannte . Da mußte denn ein jedes , sei es nun im Stall oder draußen in Feld und Wald gewesen , aus sich selber die Bildung des Verstandes und der Seele vollenden . Zum besseren Gedeihen dieses Werkes gab mir die Ziehmutter eine zerschlissene Fibel , eine alte Legende und das Evangeliumbuch mit auf die Alm , daraus ich dann oftmals meinen hölzernen Freunden in der Höhle vorgelesen und gepredigt habe . Da geschah es wohl bisweilen , daß das Vieh , während ich in dem Verstecke mit mir selber Jahrmarkt oder Christenlehre hielt , auf und davon ging , so daß ich großen Fleiß brauchen mußte , es wieder zusammenzubringen . Dabei ist es auch einmal geschehen , daß sich eine Kalbin , die vielleicht aus irgendwelcher Ursache erschreckt geflüchtet war , so sehr verstiegen hatte , daß ich nimmer glaubte , sie lebend wieder zu erlangen . Sie stand blökend auf einem kaum armbreiten Felsvorsprung des Schwarzenbergs und konnte nicht vor noch zurück ; ich weiß beim Himmel nicht , wie sie dahin gekommen . In meiner Not fiel mir ein , ich könnte mich zu unserer lieben Frau vom Birkenstein verloben , und ich versprach ihr sechs von meinen alten Silbergroschen , wenn ich meine Kalbin heil und unverletzt herunterbrächte . Ich weiß aber nicht , wie es kam , oder ob sie half : In diesem Augenblick kamen ein paar fremde Gesellen aus einer Felsenrinne hervor und halfen mir das Vieh herunterschaffen . Es waren aber Pascher oder Schmuggler , die das Revier auskundschafteten ; und sie fragten mich des langen und breiten um alle Weg und Steg . Gern und willig gab ich ihnen über alles Aufschluß , froh , daß ich die Kalbin wieder hatte ; denn mein Ziehvater , der Meßmer , war ein strenger , jäher Mann , der in der ersten Hitze oft manches tat , was ihn nachher gereute . Also hatte unsere liebe Frau von mir ein Gelöbnis erhalten , und mich dünkte , daß ich es nun auch alsobald ausführen müsse , wenn ich ihr gefällig sein wollte . Und ich begann alsbald , mein Felsloch auszuräumen und die Schätze im Sonnenlicht auszubreiten ; es war ein gerechtes Häuflein . Aber es wurde mir nicht leicht , mich so ohne weiteres von den schönen , funkelnden Silberstücken zu trennen ; immer wieder drehte ich sie zwischen den Fingern , legte sechs in die linke Hand , wog sie , schüttelte sie und schob sie endlich schnell wieder in den Sack , indem ich halblaut vor mich hin sagte : » Nein , diese nicht ! Ich suche andere aus ! « Doch auch mit diesen ging es mir nicht besser , bis ich endlich unvermittelt das ganze Häuflein zusammenraffte und wieder in die Höhle steckte . So trieb ich es acht Tage lang ; da kam das Fest Mariä Himmelfahrt . Für diesen Tag hatte ich mir von der Weidhoferin Urlaub zur Wallfahrt erbeten , und sie schickte mir den langen Ambros , daß er für mich zwei Tage den Viehhüter mache . Der brachte mir in einem Bündel ein Stück Käse , Brot und die Nagelschuhe , dazu mein gutes Jöpplein und den Rosenkranz . Auch ein Wachs und eine dicke Silberkette legte er mir hin und sagte : » Das sollst unserer lieben Frau mitnehmen von der Weidhoferin . Und du sollst ein paar Vaterunser für sie beten und die Meinung machen , daß dies nur grad eine Drangab ist zu der Verlöbnis , die sie getan hat . Und sie kommt schon noch selber , dies Jahr , und tut ihren Dankgott ! « Da gab es mir einen Riß . Meine Kostmutter hatte mir hier ihren kostbarsten Schmuck , ihre Brautkette , für die liebe Frau geschickt , weil sie kurz zuvor bei dem scharfen Hagelschauer ihre Felder wunderbar beschützt hatte ; wie durfte ihr nun ich , dem sie nicht weniger wunderbar geholfen hatte , meine paar Silbergroschen verweigern ! So eilte ich denn in die Höhle , steckte eine Hand voll Münzen in meine lederne Hose , schob die übrigen in die dunkelste Ecke und dachte , daß die Himmelmutter wohl mächtig genug sei , mir das Opfer , welches ich ihr hiedurch brachte , hundertfach zu vergelten . In diesen Gedanken legte ich die Schuhe an , hing die Joppe über die Achsel und sagte : » Ambros , jetzt geh i halt in Gotts Nam . Pfüate Gott ! « Und zum Vieh sagte ich noch , daß ich ihnen einen besonders großen , kräftigen Segen mitbringen wolle und daß ich sie schon einschließen würde in die Andacht . Dann nahm ich das bunte Sacktuch , in welches das Opfer der Meßmerin eingewickelt war , hing es an meinen Stecken , lupfte mein Hütl und machte mich auf den Weg . Obgleich ich erst etwa zwölf Jahre zählte und noch nicht über unsere Alm hinausgekommen war , fehlte es mir nicht an Schneid ; es war mir genug , daß die Nandl , unsere Schwaigerin , einmal mit der Hand gegen den Wendelstein gewiesen und dabei gesagt hatte : » Siehst Mathiasl , dort hint is unsa liebe Frau vom Birknstoa . Grad unterhalb vom Wendlstoa ! « Darum wandte ich mich sogleich gegen diesen , suchte mir einen Weg , der in der Richtung führte , und trabte frisch dahin , indem ich wohlgemut ein Frauenlied ums andere hinaussang . Dabei schaute ich immer wieder hinter mich , ob mir keine Kuh oder Geiß nachkäme , und horchte auf das