Tage viel nachgedacht . Heute hätte ich gerne wieder Dr. Gerhard getroffen und das neuliche Gespräch mit ihm fortgesetzt . Aber es saß diesmal eine ganze Gesellschaft mit am Tisch . Unangenehm , daß man beim Vorstellen nie die Namen versteht - das heißt , meinen haben sie natürlich alle verstanden - mein Verhängnis - er ist so deutlich und bleibt haften , weil man sich über ihn wundert . Ich habe diese junge Frau beneidet , die neben Gerhard saß , weil man sie nur Susanna oder gnädige Frau anredete . Du lieber Gott , ich werde ja nicht einmal heiraten können , wenn ich gern wollte . Wie könnte man einem Mädchen zumuten , Frau Dame zu heißen ? Und dann daneben zu sitzen , das mitanzuhören und selbst ... nein , diese Reihe von Unmöglichkeiten ist nicht auszudenken . Ich weiß nicht , wie es kam , daß ich dieser Susanna oder gnädigen Frau - wie ich sie natürlich anreden mußte , meine quälenden Vorstellungen anvertraute . Sie hat nicht einmal gelacht - doch , sie hat schon etwas gelacht , aber sie begriff auch die elende Tragik . Es kam später noch ein Herr an den Tisch , den man mir als Doktor Sendt vorstellte . Er ist Philosoph und macht einen äußerst intelligenten Eindruck . Mir schien auch , daß er eine gewisse Sympathie für mich fühlte . Man hat sich dann sehr lebhaft unterhalten . Ich konnte manchmal nicht recht folgen - Doktor Sendt merkte es jedesmal , zog dann die Augenbrauen in die Höhe , sah mich mit seinen scharfen hellblauen Augen an und erklärte mir in klarer , pointierter Ausdrucksweise , um was es sich handle . Ich möchte gerne mehr mit ihm verkehren ; mir ist , als könnte ich viel von ihm lernen . Und eben das scheint mir hier eine zwingende Notwendigkeit . Zuletzt sprachen sie viel von einem literarischen Kreise , um den es etwas ganz Besonderes sein muß . Dabei entspannen sich starke Meinungsverschiedenheiten . Bei diesem Gespräch hörte ich nur zu , ich mochte nicht immer wieder Fragen stellen , um so mehr , weil allerhand Persönliches berührt wurde und ich nicht gerne indiskret erscheinen wollte . Übrigens genierte ich mich auch etwas , weil der Dichter , der den Mittelpunkt jenes Kreises bilden soll , mir ziemlich unbekannt war . Seinen Namen kannte ich wohl , aber von seinen Werken so gut wie nichts . Da war ein junger Mensch mit etwas zu langen Haaren , auffallend hohem Kragen und violetter Krawatte , die auf ungewöhnliche , aber immerhin ganz geschmackvolle Art geschlungen war . ( Frau Susanna stieß den Philosophen an und raunte ihm zu , es sei wohl eine kultliche Krawatte - und der antwortete : Violett - natürlich ist das kultlich . ) Dieser junge Mensch also sprach von jenem Dichter ausschließlich als dem Meister . Ich hatte bisher nur gehört , daß man in Bayreuth so redet , und es befremdete mich ein wenig . Überhaupt redete er mit einem Pathos , das mir im Kaffeehaus nicht ganz angebracht schien und sicher auch jenen Meister unangenehm berühren würde , wenn er es zufällig einmal hörte - und war sichtlich verstimmt über einige Bemerkungen der anderen Herren , besonders des Philosophen , der sich etwas ironisch über Heldenverehrung und Personenkultus äußerte . Merkwürdige Dinge kamen da zur Sprache - eine ältere Dame erzählte : man ( anscheinend Mitglieder jenes Kreises ) wäre bei einer Art Wahrsager - einem sogenannten Psychometer - gewesen , und es sei unbegreiflich , wie dieser Mann durch bloßes Befühlen von Gegenständen den Charakter und das Schicksal ihrer Besitzer zu erkennen wisse - ja , bei Verstorbenen sogar die Todesart . » Es ist ganz ausgeschlossen « , so sagte sie , » daß er über irgend etwas Persönliches im voraus orientiert sein konnte und ... « - » Aber Sie müssen doch zugeben , daß er manchmal versagt « , fiel der junge Mensch mit der violetten Krawatte ihr ins Wort , » in bezug auf den Meister hat er sich schwer geirrt . Und gerade das ist sehr interessant und bedeutungsvoll , denn es zeigt deutlich , daß er die Substanz des Meisters wohl fühlte , nicht aber beurteilen konnte ... « » Wieso ? « fragte einer von den Herren , der nicht dabeigewesen war . Der junge Mensch maß ihn mit einem überlegenen Blick und wandte sich wieder an die Dame , die zuerst gesprochen hatte : » Sie haben es ja selbst gehört - er bezeichnete sie als unecht und theatralisch . Und weshalb - weil er eben nicht ahnte , um wen es sich hier handelt - weil er sich die hier verwirklichte Größe aus seinem engen Gesichtskreis heraus nicht vorstellen konnte . So half er sich mit der These des Theatralischen darüber hinweg . Für uns nur wieder eine neue Bestätigung , wie wenige der Erkenntnis des einzig und wahrhaft Großen würdig sind . « Die Dame hatte beide Ellbogen auf den Tisch gestützt und hörte mit leuchtendem Blick zu : » Ja , ja , so ist ' s , wir fühlten es ja auch alle - aber wie klar und schön Sie es jetzt ausgelegt haben . « » Es ist so klar , daß es kaum noch einer Auslegung bedurfte - zudem hatte der Meister den bewußten Ring erst seit einem Jahr getragen , und seine Substanz war zweifellos noch mit fremden , früheren Substanzen gemischt - das mußte die Beurteilung bedeutend erschweren . « Darauf entstand eine Pause , und dann sagte die Dame sehr nachdenklich : » Hören Sie , vielleicht liegt es noch einfacher - ich habe diesen Mann schon lange im Verdacht , daß er schwarze Magie treibt , und dann läge es wohl nahe , daß er alles wirklich Große und Schöne hassen - innerlich ablehnen muß . Und wiederum - daß der Meister nach jener Äußerung die Gesellschaft verließ , beweist doch