der großstädtischen Straßen unter eine Menge geschäftlich getriebener Menschen , noch in das Gedränge der öffentlichen Verkehrsmittel ; zumeist winkte sie dann auch einem der Fiaker vor der Türe , die die Frau Professor schon kannten und sie mit lautem » Küß die Hand , Gnädige , - fahr m ' r Euer Gnaden « umdrängten , sowie sie aus dem Hause trat . Und Frau Edda fuhr dahin , Einkäufe oder Besuche zu machen , oder in einem Café mit Freunden zu plaudern , am liebsten mit literarischen Freunden . Zumeist begleitete sie eine Cousine ihres Mannes , Kathi Diamant , ein nicht mehr ganz junges Mädchen , das mit Schwärmerei an Edda hing ; überhaupt verkehrte Edda lieber mit der Familie ihres Mannes , als mit ihrer eigenen , sie liebte die besondere Färbung der jüdischen Denkweise , welche Juden untereinander oft abstößt . Die scharf angreifende , geistige Art ihres Mannes war das Lebendige , das sie immer noch mit ihm verband , - nachdem er sie in eine gefährliche Spannung gebracht hatte . Lange , nachdem sie Frau geworden , hatte sie nicht verstanden , woher ihr gegen den Mann , den sie frei gewählt hatte , wie er sie , oftmals dieses grollende Gefühl kam , dieser sprungbereite Haß , der sich in tausend kleinen Szenen entlud , - da es zur großen Aussprache zwischen ihnen niemals kam , - der hundert eingebildete und konstruierte Vorwände heftiger Entladungen erfand , - - bis der wahre Grund ihrer geheimen Feindschaft , ihrem bohrenden Spähen , ihrer wachgehetzten Weibheit klargeworden war : die Versprechungen ihres Körpers schienen für diesen Mann erfüllt . Bald wußte sie auch , daß nicht sie seine große Leidenschaft war . Er war Forscher . Seine Untersuchungen füllten ihn mit unteilbarem Interesse . War er in seinen Experimenten vergraben , so schien ihm sein Haus , sein Vermögen , seine Frau , ja selbst sein Leben gering . Die gefährlichsten bakteriologischen Untersuchungen beschäftigten ihn fortgesetzt . Edda hatte ein Grauen vor seiner Tierstation . Aber hier war die Grenze ihrer Macht . Seine drängende Werbung war ihr eine Verheißung gewesen . Wo blieb die Erfüllung ? Während am Anfang ihrer Ehe etwas , wie eine frohe Erwartung , sie morgens aufgetrieben hatte , nahm ihre Trägheit , die ihre Tage tötete , jetzt mehr und mehr zu . Sie war müde , apathisch , nur » aufgepulvert « in den Stunden im Caféhaus oder in abendlicher Geselligkeit . Die » Klappe im Gehirn « öffnete sich manchmal , aber diesem Geschehen auf die Spur zu kommen , die Mechanik dieser Tätigkeit beherrschen zu lernen , versuchte sie nicht . Immer seltener auch nahm sie sich die Mühe , ihre Ausgaben zu berechnen . Sie nahm sein Geld mit vollen Händen , sie forderte immer mehr , und er erfüllte fast demütig jeden ihrer Wünsche . Diamants erwarteten heute abend Verwandte zu Besuch . Als erste kam die gewohnte Begleitung Eddas . Kathi war offenbar schlecht gelaunt . Mürrisch warf sie den breiten , geflügelten Hut aufs Klavier , die Handschuhe dazu . » Warum hast du denn nicht draußen abgelegt , Kathi ? « fragte Edda . Sie hatte einen kleinen Sprachfehler , stieß , ein ganz klein wenig , bei den S-Lauten , mit der Zunge an die etwas zugespitzten , kurzen Vorderzähne , deren Goldplomben zwischen den Lippen glänzten ; aber ihre Sprache bekam dadurch etwas von jener » Wiener Gemütlichkeit « , deren Dialekt auch den pompös entfremdenden Eindruck ihrer Erscheinung aufhob . » Erst wann ich den Mund aufmach ' , trauen sich die Leut ' an mich heran « , pflegte sie zu sagen . Das große , überschlanke , dunkle Mädchen stand mißmutig in der Tür , zwischen Salon und Speisezimmer und betrachtete den gedeckten Tisch . Ihr von schwarzem Kraushaar umrahmtes , beinahe braunes Gesicht , hob sich in scharfem Kontrast aus dem Schneeweiß des steifleinen Herrenkragens , der die dunkelblaue seidene Hemdbluse abschloß . Unter dem knappen , fußfreien und festgegürteten blauen Tuchrock zeichnete sich die schmale Linie der Hüften nach Knabenart . » Natürlich , - das echte Damastene , - Silber aus der großen Kassette , - die Teller vom 24persönigen Service , - wann dir einer zerhaut wird , was dann ? « » Geht dich einen Schmarrn an , liebe Kathi , - einen - großen - Schmarrn . « » Edl ! « Sie warf sich ihr an den Hals , versteckte ihr Gesicht in der weißen Seide , der der Duft javanischen Puders , eines fremdartigen Parfüms , und der gepflegten Haut entströmte . Diese Duftwelle kam wie eine täuschende Beruhigung über das Mädchen . » Edl , sei nicht bös ! Aber mir is so - so , - « » Das weiß ich . « Kathi warf sich in einen breiten , englischen Klubfauteuil von rotem Leder . » Meiner Seel ' , ich weiß nimmer , was ich anfangen soll . Aus der Haut fahren möcht ich , wann ich wüßt ' , daß ich an andere find ' , die mir gut paßt . « » Ist es das Bureau ? « » Keine Idee , - ich vergiß wenigstens die paar Stunden auf mich . « » Und der Lohninger ? « Kathi verzog das Gesicht . » Vom Heiraten redet er nix . « » Dann schlag dir ihn aus ' n Kopf ! « » Ja aber - an wen soll man eigentlich denken ? « » Schau , Kathi , nimm dich zusamm ' ! Denk überhaupt nicht immer daran , daß dir ein Mann fehlt . « » Du hast leicht reden . « Ein spöttisches Lächeln zuckte , in schneller Heimlichkeit , in den Mundwinkeln Eddas auf und verschwand sofort . » Schau die Olga an « , sagte sie . » Ja , - hast es denn schriftlich , was in der steckt ? Glaubst , - damit