: » Siehe , Vater , da ist eine Burg aus eitel Licht - eine wunderschöne Abendburg ! « Mit großen Augen sahe mich der Vater an : » Ei , Johannes , was weißest du von der Abendburg ? « » Ich weiß nichts davon , aber du hast wohl einmal von der Abendburg geredet , und nun dünket mich , das da sei solch eine Abendburg . « Schmunzelnd nickte der Vater : » Wie rotgülden Wolkengebirg mag die Abendburg allerdings ausschauen , id est in der Johannisnacht , wenn sie von ihrer Verwünschung erlöset wird . Aber für gewöhnlich ist sie nur ein wüst Felsengestein . « » Ist sie denn keine Burg ? « » Mitnichten eine Burg , sondern gänzlich wild Gestein , an die zwo Stunden entfernt von meinem heimatlichen Dorfe Schreiberhau . Raget jäh aus den Wettertannen jenes langerstreckten Gebirges , allwo der Queißfluß und der Kleine Zacken ihren Ursprung nehmen . Von der Abendburg schaust du gen Mittag über dunkle Wipfel nach den Riesenbergen . Die wogen dunkelblau , und in ihren Abgründen schimmert Schnee . « » Wahr , Vater , da kann man im Sommer Schneebälle machen ? « » Freilich ! In den hochgelegenen Felsenspalten gen Mitternacht ist es also kalt , daß der Schnee bis Ende Juli dauert . « » Wie hoch sind wohl die Riesenberge , Vater ? Etwa so hoch wie unser Dom ? « » Weit höher , Johannes ! Oft ragen sie über die Wolken hinaus . « » Ei wie denn , Vater ? Wenn sie bis über die Wolken ragen , so kann man von dorten wohl ins Himmelreich schauen , allwo die schönen Engel auf Wolken wandeln ? Ach , ich möchte über die hohen Berge gen Himmel klettern . « » Ei ja doch ! « lachte der Vater . » Wie auf einer Leiter , nicht wahr ? Nein , Johannes , das Himmelreich ist nicht an einem entlegenen Orte und kommet nicht mit äußeren Gebärden ; inwendig im Herzen tut es sich auf . « Ich war enttäuschet . » So können uns die schönen hohen Berge nicht zum Himmelreiche helfen ? Warum verlangest du alsdann immer nach deinen lieben Bergen ? « Der Vater lächelte für sich und nickte : » Ob sie zum Himmelreiche helfen ? Das können sie allerdings ! So du nämlich Liebe für sie hegest , tun sie dir das Herze auf , und also wird dein innerlich Himmelreich offenbar . Solches ist mir geschehen auf der Abendburg . Und glaube mir , so du dorten hoch vom Steine in die blauen Weiten schauest , und dein Ohr dabei keinen Menschenlaut vernimmt , sondern nur den Wind in den Nadelwipfeln harfen , einen Specht an Baumesrinde hämmern , oder einen Hirschen röhren - und tage-und mondelang immer nur diese Gestalten und Stimmen der Einöde zur Gesellschaft hast , widerfähret dir wohl ein Mirakel , ähnlich dem , was über die Abendburg gemeldet wird . « » Erzähle , Vater ! « » Die Abendburg , so sagen die Leute von Schreiberhau , ist einmal eines Königs Schloß gewesen . Ward aber verwunschen und in wüst Gestein verwandelt . Zuweilen nur , je nach langem Raume , in Sankt Johannis heiliger Nacht , erscheinet es wieder in alter Pracht . Aufgetan ist dann ein Tor , und wer eintritt , findet wohl Mulden voll Gold und bunten Edelsteinen . Aber man muß des Sonntags geboren und anoch unschuldig sein , sonsten kann man den Schatz nicht heben , kriegt auch die entzauberte Abendburg nimmer zu schauen ... « » Aber du , Vater , hast sie zu schauen gekriegt . « » Ach nein , ich bin kein Sonntagskind . « » Aber sagtest du nicht , dir sei das Mirakel widerfahren ? « » Ein ander Mirakel meine ich und auch eine andere Abendburg . Doch solches zu verstehen , bist du noch zu jung , lieber Johannes . « » Ach , Vater , so erkläre es mir - vielleichte , daß auch mir solch Mirakel widerfahren mag . « » Nun wohl , mein Kind , « sagte der Vater , und seine Augen waren leuchtend aufgetan . » Die Abendburg , die ich jetzo meine , ist das Menschenherz . Verwunschen ist es von einem bösen Geiste - demselbigen , so die schwarzen Männer angestiftet , das Mägdlein einzumauern . Dieser Geist kann die ewige Seele also verstören , daß sie einer Wüstenei gleichet , dem düstern Felsen der Abendburg . Doch einen Johannistag gibt es , der den Zauber lösen kann . Das ist die Sonnenwende des Menschenherzens , da es spüret , wie nun die Tage kürzer werden , und wie alles Leben vergehen muß gleich Heu . Nun seufzet es : Ach komm doch endlich , du mein ewig Heil , denn ich bin müde , leibeigen zu dienen dieser unwerten Welt ! Da auf einmal ist ausgesprochen das heilige Wort . Die Abendburg , so nichts anderes ist denn der innere Mensch , wird erlöset und strahlet nun als eines Königs Schloß . Auf springet die heimliche Pforte , da gleißet in den tiefen Kammern der Schatz des Menschensohnes , und nimmer fressen den die Motten und der Rost . O mein Johannes , siehe zu , daß selbige Abendburg dereinst dir nimmer verwunschen und verschlossen bleibet . « Ich hatte aufmerksam gelauschet , zwar nicht verstanden , was ich jetzo weiß , doch eine Ahnung verspüret von dem Heiligtum tief im Menschen . Und wie mein staunend Auge auf dem Vater ruhte , hatte ich gedacht : Also muß ein Prophete aussehen ! Nach einer Weile fragte ich : » Aber wie ist es denn mit der richtigen Abendburg , so bei Schreiberhau gelegen ? Hat die jemals einer zu schauen gekriegt ? « » Die Mär vermeldet , in einer Johannisnacht sei eine arme Frau mit ihrem Kindlein zur Abendburg gekommen . Da