ergriffen hatte , sich zwei hochgeborenen Herren anzuschließen . Der Abend bei Ronacher mit Grace und dem jungen Labinski , der sich vier Tage darauf erschossen , man hatte nie recht erfahren , ob wegen Grace , wegen Schulden , aus Lebensüberdruß , oder ausschließlich aus Affektation . Das seltsame glühend-kalte Gespräch mit Grace auf dem Friedhof im schmelzenden Feberschnee , zwei Tage nach Labinskis Begräbnis . Der Abend im heißen , hochgewölbten Fechtsaal , wo Felicians Degen die gefährliche Waffe des italienischen Meisters kreuzte . Der nächtliche Spaziergang nach dem Paderewski-Konzert , auf dem der Vater ihm so vertraut wie nie zuvor von jenem fernen Abend sprach , da die verstorbene Mutter in dem gleichen Saal , aus dem sie eben kamen , in der Missa solemnis gesungen hatte . Und endlich erschien ihm Anna Rosners hohe , ruhige Gestalt , am Klaviere lehnend , das Notenblatt in der Hand , die blauen , lächelnden Augen auf die Tasten gerichtet ; und er hörte sogar ihre Stimme in seiner Seele klingen . Während er so am Fenster stand und in den Park hinunterschaute , der sich allmählich belebte , empfand er es wie beruhigend , daß er zu keinem menschlichen Wesen in engerer Beziehung stand , und daß es doch manche gab , mit denen er wieder anknüpfen , in deren Kreis er wieder eintreten durfte , sobald es ihm nur beliebte . Zugleich fühlte er sich wunderbar ausgeruht , für Arbeit und Glück bereit wie niemals zuvor . Er war voll guter und kühner Vorsätze , seiner Jugend und Unabhängigkeit sich mit Freuden bewußt . Zwar fühlte er mit einiger Beschämung , daß , in diesem Augenblick wenigstens , seine Trauer um den hingeschiedenen Vater sehr gemildert war ; doch fand er für diese Gleichgültigkeit einen Trost in sich , da er des quallosen Endes gedachte , das dem teuren Mann beschieden war . Im Garten , heiter mit den beiden Söhnen plaudernd , war er auf und abgegangen , hatte mit einem Mal um sich geschaut , als hörte er ferne Stimmen , hatte dann aufgeblickt , zum Himmel empor , und war plötzlich tot auf die Wiese hingesunken , ohne Schmerzenslaut , ja ohne Zucken der Lippen . Georg trat ins Zimmer zurück , machte sich zum Fortgehen fertig und verließ das Haus . Seine Absicht war es , ein paar Stunden herumzuspazieren , wohin der Zufall ihn führen mochte , und abends endlich wieder an seinem Quintett weiterzuarbeiten , wofür ihm nun die rechte Stimmung gekommen schien . Er überschritt die Straße und betrat den Park . Die Schwüle hatte nachgelassen . Noch immer saß die alte Frau mit der Mantille auf der Bank und starrte vor sich hin . Auf dem sandigen Rund um die Bäume spielten Kinder . Um den Kiosk waren alle Stühle besetzt . Im Wetterhäuschen saß ein glattrasierter Herr , den Georg vom Sehen kannte , und der ihm durch seine Ähnlichkeit mit dem alten Grillparzer aufgefallen war . Am Teich kam Georg eine Gouvernante entgegen , mit zwei schön gekleideten Kindern und betrachtete ihn mit leuchtendem Blick . Als er aus dem Park auf die Ringstraße trat , begegnete ihm Willy Eißler in langem dunkelgestreiften Herbstpaletot und sprach ihn an : » Guten Tag , Baron , sind Sie auch schon wieder in Wien eingerückt ? « » Ich bin schon lange zurück « , erwiderte Georg . » Nach dem Begräbnis meines Vaters hab ' ich Wien nicht mehr verlassen . « » Ja , ja , natürlich ... Gestatten Sie , daß ich Ihnen nochmals ... « Und Willy drückte Georg die Hand . » Und was haben Sie denn heuer im Sommer getrieben ? « fragte Georg . » Allerlei . Tennis gespielt , gemalt , Zeit vertrödelt , einige amüsante und noch mehr langweilige Stunden verlebt ... « Willy sprach äußerst rasch , wie mit einer absichtlichen leisen Heiserkeit , scharf , salopp , mit ungarischen , französischen , wienerischen , jüdischen Akzenten . » Übrigens , wie Sie mich da sehen « , fuhr er fort , » bin ich heute früh aus Przemysl gekommen . « » Waffenübung ? « » Jawohl , letzte . Ich sag ' s mit Wehmut . So sehr ich mich dem Greisenalter nähere , es hat mir doch noch immer Spaß gemacht , so mit den gelben Aufschlägen umherzuwandeln , Sporen klirrend , Säbel scheppernd , eine Ahnung drohender Gefahr verbreitend , und von mangelhaften Lavaters für einen bessern Grafen gehalten zu werden . « Sie spazierten weiter , dem Gitter des Stadtparks entlang . » Gehen Sie vielleicht zu Ehrenbergs ? « fragte Willy . » Nein , ich denke gar nicht daran . « » Weil ' s der Weg ist . Haben Sie übrigens gehört , Fräulein Else soll verlobt sein . « » So ? « fragte Georg gedehnt . » Mit wem denn ? « » Raten S ' Baron . « » Am Ende Hofrat Wilt ? « » O fröhlich ! « rief Willy . » Der denkt wohl nicht daran ! Die Verschwägerung mit S. Ehrenberg könnte ihm doch am Ende die Ministerkarriere erschweren heutzutage « » Rittmeister Ladisc ? « riet Georg weiter . » Ah dazu ist Fräulein Else doch zu gescheit , daß sie dem hineinfällt . « Jetzt erinnerte sich Georg , daß sich Willy vor ein paar Jahren mit Ladisc geschlagen hatte . Willy fühlte Georgs Blick , zwirbelte den blonden , in polnischer Art herabhängenden Schnurrbart mit etwas nervösen Fingern hin und her und sprach rasch und beiläufig : » Der Umstand , daß ich mit dem Rittmeister Ladisc einmal eine Differenz gehabt hab ' , kann mich nicht hindern , in loyaler Weise anzuerkennen , daß er immer ein versoffenes Schwein gewesen ist . Ich hab ' nämlich eine unüberwindliche , auch durch Blut nicht abzuwaschende Abneigung gegen die Leute , die sich bei den Juden anfressen und schon auf der Treppe