polizeilichen Protokollen , der Kreisregierung überschickt . « » Ich verstehe : Akten , Akten « , sagte Daumer spöttisch lächelnd . Der Bürgermeister legte ihm die Hand auf die Schulter und erwiderte gutmütig : » Seien Sie nicht so überlegen , Verehrter ; unsre Welt schmeckt nun einmal nach Tinte , und daran habt ihr Bücherwürmer doch wahrlich nicht die wenigste Schuld . Übrigens « , er griff in die Rockbrust und brachte ein zusammengefaltetes Stück Papier zum Vorschein , » als Mitglied der Kommission werden Sie gebeten , Einblick in ein wichtiges Dokument zu nehmen . Es ist der Brief , den unser Gefangener beim Rittmeister Wessenig abgegeben hat . Lesen , Sie . « Das mit keiner Namensunterschrift versehene Schreiben lautete : » Ich schicke Ihnen hier einen Burschen , Herr Rittmeister , der möchte seinem König getreu dienen und will unter die Soldaten . Der Knabe ist mir gelegt worden im Jahre 1815 , in einer Winternacht , da lag er an meiner Tür . Hab selber Kinder , bin arm , kann mich selber kaum durchbringen , er ist ein Findling , und seine Mutter hab ich nicht erfragen können . Hab ihn nie einen Schritt aus dem Haus gelassen , kein Mensch weiß von ihm , er weiß nicht , wie mein Haus heißt , und den Ort weiß er auch nicht Sie dürfen ihn schon fragen , er kann es aber nicht sagen , denn mit der Sprache ist es noch schlecht bei ihm bestellt . Wenn er Eltern hätte , wie er keine hat , wär was Tüchtiges aus ihm geworden . Sie brauchen ihm nur etwas zu zeigen , da kann er es gleich . Mitten in der Nacht hab ich ihn fortgeführt , und er hat kein Geld bei sich , und wenn Sie ihn nicht behalten wollen müssen Sie ihn erschlagen und in den Rauchfang hängen . « Als Daumer gelesen hatte , gab er dem Bürgermeister das Schriftstück zurück und ging mit ernster Miene auf und ab . » Nun , was halten Sie davon ? « forschte Binder ; » einige unsrer Herren sind der Ansicht , der Unbekannte selbst könne den Brief geschrieben haben . « Daumer hielt mit einem Ruck in seiner Wanderung inne schlug die Hände zusammen und rief : » Ach , du himmlische Gnade ! « » Dazu ist natürlich gar kein Grund vorhanden « , beeilte sich der Bürgermeister hinzuzufügen . » Daß bei der Abfassung des Schreibens eine zweckvolle Tücke gewaltet hat , daß es dazu bestimmt ist , Nachforschungen zu erschweren und irrezuführen , ist offenbar . Es ist eine schnöde Kaltherzigkeit im Ton , die mir von Anfang an den Verdacht erregt hat , daß der Jüngling das unschuldige Opfer eines Verbrechens ist . « Eine mutige Meinung , in welcher der Bürgermeister durch einen Vorgang sehr bestärkt wurde , der sich ereignete , kurz nachdem die Herren von der Kommission am folgenden Morgen das Gefängnis Caspar Hausers betreten hatten . Während der Wärter damit beschäftigt war , den Knaben zu entkleiden , ließ sich drunten in einer Gasse am Burgberg eine Bauernmusik hören und zog mit klingendem Spiel an der Mauer vorüber . Da lief ein grauenhaft anzuschauendes Zittern über den Körper Hausers , sein Gesicht , ja sogar seine Hände bedeckten sich mit Schweiß , seine Augen verdrehten sich , alle Fibern lauschten dem Schrecken entgegen , dann stieß er einen tierischen Schrei aus , stürzte zu Boden und blieb zuckend und schluchzend liegen . Die Männer erbleichten und sahen einander ratlos an . Nach einer Weile näherte sich Daumer dem Unglücklichen , legte die Hand auf sein Haupt und sprach ein paar tröstende Worte . Dies wirkte beruhigend auf den Jüngling , und er wurde stille ; nichtsdestoweniger schien der ungeheure Eindruck des gehörten Schalls seinen Leib von innen und von außen verwundet zu haben . Tagelang nachher zeigte sein Wesen noch die Spuren der empfundenen Erschütterung ; er lag fiebernd auf dem Strohsack , und seine Haut war zitronengelb . Teilnahmsvollen Fragen gegenüber war er allerdings herzlich bewegt , und er suchte nach Worten , um seine Erkenntlichkeit zu beweisen , wobei sein sonst so klarer Blick sich in dunkler Pein trübte , besonders für den Professor Daumer , der zwei- bis dreimal täglich zu ihm kam , legte er eine zärtliche Dankbarkeit , schweigend oder stammelnd , dar . Bei einem dieser Besuche war Daumer mit dem Knaben ganz allein , und das zum erstenmal ; der Wärter hatte auf seine Bitte das untere Tor abgesperrt Er saß dicht neben dem Gefangenen , er redete fragte , forschte , alles mit einem vergeblichen Aufwand von Innigkeit , Geduld und List . Zum Schluß beschränkte er sich darauf , das Tun und Lassen des Jünglings voll Spannung zu beobachten . Plötzlich stieß Caspar Hauser seine verworrenen Laute aus : er schien etwas zu fordern und spähte suchend herum . Daumer erriet bald und reichte ihm den gefüllten Wasserkrug , den Hill auf die Ofenbank gestellt hatte - Caspar nahm den Krug , setzte ihn an die Lippen und trank . Er trank in langen Schlücken , mit beseligter Gelöstheit und einem begeisterten Aufleuchten der Augen , wie wenn er für den kurzen Zeitraum des Genusses vergessen hätte , daß das dämonisch Unbekannte auf allen Seiten ihn bedrängte . Daumer geriet in eine seltsame Aufregung . Als er nach Hause kam , durchmaß er länger als eine halbe Stunde mit großen Schritten sein Studierzimmer . Gegen acht Uhr pochte es an der Tür , seine Schwester trat ein und rief ihn zum Abendessen . » Was glaubst du , Anna « , rief er ihr lebhaft und mit beziehungsvollem Ton zu , » zwei mal zwei ist vier , wie ? « » Es scheint so « , erwiderte das junge Mädchen , verwundert lachend , » alle Leute behaupten es . Hast du denn entdeckt , daß es anders ist ? Das sähe dir