den schmalen Augen , die unruhig schillerten , und dem seltsam fieberroten Munde . Sie saß da , blinzelte schläfrig in das Kaminfeuer und strich mit ihrer Hand langsam an dem Bein des Kranken auf und ab . Ein Schmerz , etwas wie ein körperlicher Schmerz , schüttelte Werner bei diesem Bilde , ließ ihn blaß werden und das Gesicht leicht verziehen . Ärgerlich wandte er sich vom Fenster ab . Es war zu dumm ! Dieses Predigtmachen ließ jedesmal alles in ihm toller rumoren denn je ! Er begann wieder auf und ab zu gehen , dann blieb er vor Lene stehen . Sie hatte die Füße auf den Sessel hinaufgezogen , die Wange an die Stuhllehne gestützt . So schlief sie . Die Lippen halb geöffnet , atmete sie tief , auf dem Gesichte den ernsten , besorgten Ausdruck , den Menschen in schwerem Schlafe annehmen , als sei das Schlafen eine Arbeit . Werner betrachtete sie eine Weile . Er fühlte plötzlich ein tiefes Erbarmen mit diesem jungen schlafenden Wesen . Auch wieder die Nerven und die unnütze Weichheit ! Er konnte ja jetzt nichts mehr ansehen , ohne daß es schmerzte ! Behutsam nahm er Lene auf seine Arme und trug sie in das Schlafzimmer hinüber . Die Sakristei war voller Schneelicht . Zwischen den engen , weißen Wänden , in dem weißen Lichte , sah Pastor Werner , im schwarzen Talare , sehr groß aus . Er saß am Tisch , vor sich das aufgeschlagene Gesangbuch und das Blatt mit den Notizen zu seiner Predigt . Draußen sangen sie schon das Lied , ein Chor harter Frauenstimmen , heiserer Kinderstimmen , dazwischen das Knarren der Bässe . Sie zogen die Töne schläfrig und beruhigt . Gott ! spielte der Organist heute tolles Zeug zusammen ! Sicherlich hatte der Mann wieder die ganze Nacht durch gesoffen . Die alte Orgel stöhnte und seufzte ordentlich unter seinen rücksichtslosen Fingern . Werner sang nicht mit . Er schaute zum Fenster hinaus . Es taute und die Sonne schien . Die Bäume hingen ganz voll blanker Tropfen und das beständige Tropfen vom Dache und den Traufen legte um die Kirche ein helles Blitzen und Klingen . Sonntäglich ! Die Sonntagsstimmung war da , die kam immer , aus alter Gewohnheit , anfangs feierlich , später angenehm schläfrig . Er liebte diesen Augenblick in der Sakristei vor der Predigt , wenn er dasaß und sich voll großer Worte , voll lauter , eindringlicher Töne fühlte . Er horchte hinaus . Er kannte die Schellen der Schlitten , die heranfuhren . Das waren die Schellen von Debschen , das - der Doktor Braun , das die Schellen von Dumala . Dennoch fragte er , als der Küster eintrat : » Wer ist alles da ? « Der Küster Peterson legte sein großes , schlaues Bauerngesicht in pastorale Falten . » Die Dumalaschen sind da « , meldete er , » die Baronin und der Sekretär . « » Wer noch ? « fragte Werner ungeduldig . Warum meldete der Kerl gerade nur die Dumalaschen ? Peterson zog ergeben die Augenbrauen empor : » Der Doktor ist da , die aus Debschen . « - » Gut - gut . « Werner winkte ab . Es war doch ganz gleichgültig , ob der Doktor da war und die Alte aus Debschen ! Nun war es Zeit , auf die Kanzel zu steigen , sie sangen da drin schon den letzten Vers des Liedes . Werner freute sich , zu finden , daß die Kirche voller Licht war . Wenn die breiten , gelben Lichtbänder durch die hohen Fenster in den Raum fluteten , dann bekam seine Predigt auch anders helle Farben , als wenn die Kirche voll grauer Dämmerung war , und der Regen gegen die Fensterscheiben klopfte . Es roch nach nassen , schweren Wollkleidern , frischgewaschenen Kattuntüchern und Transtiefeln . Werner beugte sich über das Pult auf der Kanzel zum Gebet . Dieser Augenblick brachte ihm stets eine sanfte , andächtige Ekstase , so die Stirn auf das Pult zu legen , und unten wurde es still , und sie warteten , warteten auf sein Wort . Die Predigt begann . Die eigene Beredsamkeit erwärmte ihn heute besonders . Er hörte es , wie die Leute unten aufmerksam wurden , wie das Husten und Sichräuspern schwiegen . Und Werner gab seiner Stimme vollere Töne , machte große , freie Bewegungen . Er wußte es wohl , die meisten dort unten verstanden ihn nicht , aber heute drängte eine innere Erregung ihn , hinauszusagen , hinauszurufen , was ihn bewegte . » Falle vor mir nieder und bete mich an , sprach der Böse zum Sohne Gottes . Bete mich an ! Ja , das ist es , das will er . Er hat nicht genug mit unseren Sünden der Schwäche , der Nachlässigkeit , der Bosheit , des Unglaubens , nein , niederfallen sollen wir vor ihm und ihn anbeten . Er will angebetet , er will verehrt , er will geliebt werden . Danach dürstet er . Er will , daß wir zu ihm sprechen : Um dich geben wir die ewige Seligkeit und die Gotteskindschaft hin , dir opfern wir sie , um dich gehen wir mit offenen Augen in unser Verderben , weil wir dich anbeten , weil du uns groß und liebenswert erscheinst , weil wir zu dir wollen . Der Böse will , daß wir die Sünde lieben , daß wir sie anbeten . Das ist sein Triumph . Das ist das tiefe , furchtbare Geheimnis der Sünde . « Die Stimme des Pastors hatte hier einen tiefen , geheimnisvollen und leidenschaftlichen Tonfall angenommen , wie eine unheimliche Liebeserklärung an die Sünde klang es . Er hielt inne , selbst erstaunt über das , was er sagte . Es klang fremd in die Kirche hinein , und zugleich schien es ihm , als verriete er etwas , als spräche er etwas aus , das geheim