da hörte man den schweren Tritt des Vaters vor dem Hause . Die Mutter eilte , die Haustür aufzuschließen . Er trat ein , bot die Zeit , hängte die Flinte an die Wand und setzte sich an den Tisch . Sie brachte ihm das Essen ; der Hund ging still zu seinem Lager , denn nur in Abwesenheit seines Herrn wagte er vor dem Ofen zu liegen , drehte sich im Kreis , legte sich und schlief scheinbar ein , indem er doch aufmerksam das Gespräch verfolgte . Es war ein Schreiben von der gräflichen Güterverwaltung gekommen , in dem ihm mitgeteilt wurde , daß der Bocksklee abgetrieben werden solle . Der Förster wurde tief erregt und sprang auf . Er hatte immer verlangt , daß der Bocksklee ungestört bliebe , weil er den Westwind abfing und dadurch ein großes Gebiet vor Windbruch schützte . Aber der Herr hatte Geld nötig , und da war es ihm gleichgültig , was geschehen mochte . Der Graf war ein sehr freundlicher und liebenswürdiger Herr ; er gab dem Förster die Hand und sagte zu ihm : » Guten Tag , mein lieber Werther « ; er fragte nach seiner Frau und dem Jungen und lobte ihn wegen seines Eifers . Aber der Förster hatte keine Achtung vor ihm , weil er leichtfertig war in Worten und Werken und sein Gut vertat , anstatt zu sparen und zu wirtschaften . Deshalb wollte er den kleinen Hans später auch nicht in Herrendienst geben , wiewohl ihm das Herz blutete , wenn er dachte , daß sein Junge einmal nicht das grüne Tuch tragen sollte , in dem Großvater und Urgroßvater stolz gewesen waren ; aber er sollte einmal ein freier Mann werden , daß er seinem Gewissen folgen durfte und nicht gehorsamen mußte , wenn ihm unkluge Befehle gegeben wurden ; deshalb wollte er ihn studieren lassen , denn er dachte , ein Studierter brauche niemandem zu dienen und könne immer tun , was recht ist . Abends , wenn er einmal ein Halbstündchen Zeit hatte , nahm er das Kind zuweilen auf den Schoß und sprach mit ihm , daß er fleißig sein müsse und lernen , dann müsse er einmal nicht mit krummem Rücken dastehen in der Welt , sondern könne seinen geraden Weg gehen als ein aufrechter Mann . Der Graf war nicht böse , aber er hatte keine langen Gedanken . Auf der Jagd war er so einfach wie einer von seinen Leuten ; aber wenn er in der Stadt lebte , so hätte er sich geschämt , wenn er es nicht andern hätte gleich tun sollen , die reicher waren wie er . Einmal hatte er im Försterhause eingesprochen und mit der Frau Werther geredet über Haushalt , Wirtschaft und Kindererziehung ; da schienen seine Meinungen so verständig und ordentlich , daß die Frau sich immer noch wunderte , wie so ein Herr solche Einsichten haben konnte in Dinge , die ihm doch ganz fern lagen ; aber in seinem Hause bekümmerte er sich nicht um Einteilung , Ordnung und Einrichtung . Er nahm nur aus den Kassen das Geld , das er brauchte , ohne sich zu überlegen , ob er Einnahmen verzehrte oder Vermögen . Seine Kinder wuchsen auf , ohne daß er sich klar machte , zu welchem Ende und unter welchen Einflüssen , denn auch seine Frau hatte keine Hausgedanken . Deshalb trieben sich die beiden Söhne am liebsten in den Ställen und Küchen herum und lernten wenig trotz teurer Hofmeister ; und die Tochter , die einen besonderen Trieb zum Lernen hatte und ganz unpassende Lehrer bekam , wie sie eben für ein ganz gewöhnliches Mädchen geeignet gewesen wären , suchte verstohlen in der vernachlässigten Bibliothek Bücher für sich und bat den alten Pfarrer , bis er sie im Lateinischen unterrichtete . Einmal nahmen ihr die Brüder heimlich ihre lateinischen Bücher fort und bauten sie auf ihrem Platz am Kaffeetisch auf ; da hörte der Vater zuerst von ihren Studien , schüttelte den Kopf und sagte , daß ihm ihre Wege nicht gefielen . Sie preßte die Lippen zusammen und fuhr fort in ihrer Weise , und bekümmerte sich niemand darum . Es ging dem Grafen , wie es heute vielen reichen und vornehmen Leuten geht ; er hatte weder Amt noch Dienst , sorgte nicht für seine Angelegenheiten , noch für seine Familie , fand kaum einmal ein wirkliches Vergnügen , und doch hatte er nie Zeit ; sein Leben zerfloß ihm zwischen den Fingern , wie wenn ein Kind eine Handvoll Sand vom Boden hebt . Die Söhne kamen schon frühzeitig auf schlimme Wege . Da war ein Bursche im Stall , an den hingen sich die Jungen ; der war ein tüchtiger Knecht , machte seine Arbeit sauber und ordentlich und hielt sein Geschirr gut , aber war ein Schürzenjäger ; durch den lernten sie frühzeitig viel , und weil ihnen das Gegengewicht der harten Arbeit wie sauren und einfachen Pflicht fehlte , so wurde das Unkraut in ihrer Seele üppiger , wie es bei dem Verführer gewesen , der später ein ordentliches Weib kriegte , das ihn gehörig in die Kandare nahm und zu einem braven Manne machte . Noch ärger war es , daß die Knechte zum Scherz ihnen von ihrem Branntwein gaben und lachten , wenn sich die Jungen schüttelten nach dem Trunk und doch wieder von neuem begehrten ; und wie sich einmal die Leute untereinander rühmten , welcher den schärfsten Schnaps getrunken habe , und allerhand beizende Mittel erzählten , gestoßenen Pfeffer , Schwefelsäure , die den Branntwein perlen macht , und Tabaksbrühe , krähten die Jungen auch dazwischen und verredeten sich , daß ihnen das Schärfste das Wohlschmeckendste sei , tranken auch von dem gepfefferten Branntwein . Endlich fand sich ein uralter Mann , der früher Taglöhner gewesen war und nun aus Gnaden auf dem Hofe erhalten wurde , wofür er die Gänse hüten mußte , der war schon in jungen Jahren ein schlechter