! Da hörte ich ein Geräusch . Ich schaute mich um und sah den Ustad , welcher bei mir eingetreten war . Er bemerkte , daß ich mich auf dem Vorplatze befand , und kam heraus . Ich lehnte an der Brüstung . Er sagte nichts . Die Hände auf die Steine vor uns legend , schaute er still auf den See hinab . Ich hörte seinen Atem leise gehen . Da , nach einer kleinen Weile wendete er sich mir halb zu und sprach , nach unten deutend : » Der See denkt jetzt in tiefer Andacht nach , Was er vom Herrn wohl mit der Sonne sprach . Sie schaute ihm dabei ins Herz hinein . Woher mag wohl der Blick gewesen sein ? Und sieht er , daß in seiner klaren Flut Das Bild des ganzen , ganzen Himmels ruht , So sendet er der Sonne Blick und Licht Auch mir ins Herz als Lob- und Dankgedicht . « Wie seltsam ! Soeben waren ganz ähnliche Gedanken in mir aufgestiegen ! Doch sagte ich nichts . Ich konnte kein Wort finden , welches wert gewesen wäre , jetzt gesprochen zu werden . Dieses Gedicht war im jetzigen Augenblick in ihm entstanden . Daß er es sofort in laute Worte gefaßt hatte , war mir ganz selbstverständlich . Jeder Dichter pflegt das zu thun . Er wendete sich wieder ab und sagte nach kurzer Pause , an seine letzten Worte anknüpfend : » Es war ja heut ein Tag des Lobes und des Dankes . Er ist für mich noch nicht vorüber ; er hallt noch in mir nach . Du warst dem leiblichen Sterben nahe , bist aber noch vor dem Tode wieder auferstanden . Darum zogen wir hinauf zu unserm Haus des Herrn . « » So laß mich dafür danken , daß auch du jetzt wieder lebst , « sagte ich . » Ich ? « fragte er schnell . » Ja . Ich war dem Tode nahe ; du aber bist gestorben . « » Wer hat es gesagt ? Wer hat es dir gesagt ? « » Pekala . Durfte sie es nicht ? « » Sie weiß , daß ich vor dir kein Geheimnis haben will . Aber sie hat dich falsch berichtet . « » Hast du ihr nicht gesagt , daß dein Sterbetag gewesen sei ? Hast du nicht auch zu mir vorhin von deiner Gruft gesprochen ? « » Allerdings . Aber ich bin von euch beiden falsch verstanden worden . Meine Gruft ist nicht mein Grab . Nur das , was in mir abgestorben ist , liegt da begraben . Mein Sterbetag war der , an dem es starb . « » So wünsche ich dir von ganzem Herzen , daß du recht haben mögest ! Ist es schon so traurig , Liebes in sich sterben zu fühlen , so muß es ja entsetzlich sein , sich zwar körperlich noch am Leben , aber als geistig vollendete Individualität bereits gestorben und begraben zu wissen ! « Er schaute mir in das Gesicht , längere Zeit . Dann strich er sich mit der Hand über die Stirn , als ob er etwas von dort zu entfernen habe , und sprach : » Ich kann mir allerdings nichts Furchtbareres denken , als das , was du soeben sagtest . Aber trotz allem , was in mir gestorben ist , ich selbst bin mit dem , was du meine geistige Individualität nennst , noch heut bei vollem Leben . « » Gott gebe es ! « Der Ton , den ich unwillkürlich diesen drei Worten gab , machte , daß der Ustad sein Gesicht mir abermals zukehrte . Der Ausdruck desselben war fast der eines milden Erstaunens . Dann fragte er : » Hältst du den Tod einer vollen , vielleicht bedeutenden oder sogar großen geistigen Persönlichkeit überhaupt für möglich ? « » Ja . « » Woran soll sie sterben ? « » An einem plötzlichen , scheinbar wohlbegründeten Entschlusse . Oder auch an einer selbstverschuldeten , langsamen Verzehrung . In beiden Fällen liegt Selbstmord vor , falls der Geist vorher gesund gewesen ist . « » Effendi weißt du , wie hart du sprichst ? « » Wir sprechen vom Geiste . Darum mag der Geist zum Geiste reden . Der Geist aber ist hart , vielleicht härter als alles , was wir hart zu nennen pflegen . Du wolltest meine Ansicht über den Tod hören ; diese ist nicht Herzenssache . Sobald du mein Herz fragst , wird es sprechen , und zwar so gern , so gern ! « Da faltete er die Hände , hob die Augen empor und sagte : » Sollte ich ein Selbstmörder sein ? ! Chodeh , ich bitte dich , verhüte es ! « » Chodeh ist allmächtig ; aber selbst seiner Allmacht ist es nicht möglich , etwas zu verhüten , was bereits geschehen ist . « » So will ich mich prüfen . Ich will wissen , was ich gethan habe und ob ich etwa anders hätte handeln können oder handeln sollen . « » Hältst du dich für einen unparteiischen Richter über dich ? « » Nein . Aber du sollst mich richten . « » Ich ? Das ist unmöglich , denn ich liebe dich . « » So wollen wir beide es vereinigt sein . Wir wollen einander beaufsichtigen , damit das Urteil ein gerechtes werde . Ich will anfangs der Dritte sein , der Zeuge , der dir und mir der vollen Wahrheit gemäß erzählt , wie es zugegangen ist , daß die Hand des Todes mir in mein Inneres griff . Ich sage dir aufrichtig , daß ich dich hier heraufgeführt habe , um dir eine Liebe zu erweisen . Vielleicht bist du es , der sie mir erweist . Ich glaubte , dich nicht nur von dem einen , sondern auch noch von dem andern Tode erretten zu müssen . Nun werde ich