Schmetterlingsflügel durcheinander geschüttelt . Es sind aber keine Flügel , denn alles scheint sehr dick zu sein . Die blauen und roten Töne sind so verschiedenartig wie die violetten und gelben . Und sie sind gleissend hell wie durchsichtiges Email , das ich so liebe . Und die Muster sind zierlich verschnörkelt mit krummen Hörnern und gekräuselten Bändern . Goldene Riesenkäfer kriechen über die Emailwälder . Die Käfer kriechen bloss nicht . » Suchst du immer noch ? « Also fragt neben mir die Liwûna . Und ich weiss nicht , ob ich noch suche . Mir ist wie in einem wirren Traume . Ich habe so viel vergessen , und ich möchte doch so viel behalten . Liwûna ruft drohend : » Kaidôh ! Kaidôh ! « Ich schrecke zusammen und taste mit den Händen um mich , doch ich fühle nichts . Auch der schwarze Stein lässt sich nicht anfühlen ; die Hände gehen ohne Empfindung durch . Ich kehre der Glanzwelt den Rücken , bewege wieder die Zehen und schiesse in die Höhe - immer höher - aber aus der schwarzen Felsenschlucht komme ich nicht raus . Plötzlich giebts einen Krach , und auf allen Seiten fällt was runter , und ich habe das Gefühl , dass alle schwarzen Felsen in die Tiefe fallen . Und ich blicke in eine Spiegelwelt . Lauter Spiegelwände ! Grade und krumme Spiegel - in verschiedenen Winkeln stehen sie zu einander . Oben sind auch Spiegel kantenreich durcheinander gestellt - unten nicht . Ich sehe Liwûna in den Spiegeln viele tausendmal . Sie hat noch ihr Elfenbeingesicht - grüne Augen funkeln darin . Sie starrt mich an allen Ecken und Enden wie eine richtige Medusa an . Neben der Liwûna erblicke ich ein anderes Wesen . » Das ist Kaidôh ! « sagt sie neben mir . Kaidôh sieht ernst aus und hat eingefallene Augen , die grau sind , vergrämt und ruhelos umherschweifen wie die Augen der Diebe . Kaidôh nickt der Liwûna zu und spricht zu ihr in all den tausend Spiegeln . Was spricht Kaidôh ? Seine Stimme tönt hell und splitternd - es ist aber nur eine einzige Stimme . Er sagt langsam und hört sich dabei : » Das Glück ist stets in dem Andern . Deswegen müssen wir der Andre werden . Wir müssen nach dem Andern suchen . Wenn wir suchen , ohne zu wissen , was wir wollen , so suchen wir immer ein Andres - das ist das Unbekannte - das Fremde - das ist es , was wir herbeisehnen . Und wir sehnen uns nach der grossen Ueberführung . Für gewöhnlich verstehen wir uns nicht . Es ist jedoch kein einfaches Hinübergehen - wir müssen hinübergeführt werden - ins Andre hinübergeführt werden - von dem Geist , der uns immer begleitet . Das Eigene müssen wir vergessen - aus uns herauskommen - nur dadurch kommen wir in uns hinein . Eine sehr drollige Geschichte - aber auch eine sehr ernste - so schauerlich ernst wie der Unsinn , der uns als Wahrheit erscheint . In den Spiegelwelten sehen wir die Wahrheit im Unsinn und auch den Unsinn in der Wahrheit . Alles ist verzerrt und verschoben - Fratzenreich ! Aber so ist immer die Welt , wenn sie sich uns von sehr vielen Seiten zeigt . Wir müssen sie im ganzen fühlen - fühlen im ganzen . « Liwûna führt den Kaidôh fort , streichelt seinen Kopf , der ihm weh thut - so furchtbar weh . Kaidôh weint - weint . Liwûna weint mit - in allen Spiegeln . Und sie führt ihren Kaidôh weiter durch die schwarze Schlucht , die wieder da ist - durch die schwarze Felsenschlucht , in der keine Sterne leben - in der nur ein graues Dämmerlicht heraufdringt aus der Tiefe - aus den Nebeln , die da leuchten . Und die Liwûna führt ihren Kaidôh hinunter in das stille Nebelreich , in dem die grossen Schläfer träumend schlafen . Das Reich der Schläfer ist sehr , sehr gross . Sie liegen unten unter den Nebeln mitten in der freien Luft - umhüllt von feinen , perlgrauen Schleiern . Die Nebel bilden den Himmel der Schläfer . Sie liegen neben-und untereinander - aber berühren thun sie sich nicht . Die Luft ist ihr Bettzeug . Die feinen , perlgrauen Schleier hängen schlaff wie die Zweige der Trauerbirken , einige Schleier zittern und bewegen sich , als würden die Körper von tiefen Seufzern durchzogen . Es schlafen da Riesen und Zwerge und Wesen mit seltsamen Gliedern , Tiere mit tausend Köpfen und Kinder mit einem Kopf , der grösser ist , als ihr Leib . Alle schlafen und träumen - einzelne schnarchen ein bischen - doch nicht zu laut . Zuweilen bewegt sich ein Fuss oder ein Arm . Lange Haare hängen an manchem Haupt - und die Haare bewegen sich - ganz wenig im Takte , wie die langen Perpendikel alter Uhren . Es ist so still im Reiche der Schläfer . Und die Liwûna erzählt ihrem Kaidôh von den Träumen der Schläfer , und sie führt ihn dorthin , wo Kinder und Knaben träumen . Und die Beiden legen sich über den Träumenden genau so in die Luft wie die Kinder und Knaben . Und leise flüstert die Liwûna : » Alle , die hier im Nebelreiche liegen , hatten soviel geträumt - ihr ganzes Leben hindurch . Im Traume schwebten sie durch viele Sonnen , Monde und Sterne . Dann aber kam eine Nacht , in der sie nicht mehr von all den Glanzwelten träumten . Ihre Freude am Traumleben war zerstört - von einer unsichtbaren Hand . Und die Nacht wurde finster . Sie lagen da in banger Pein , und ihnen wurde so schwer . Sie fürchteten sich auf einmal vor einer schweren Stunde ; ihnen war so , als käme das grosse Schweigen heran . Und sie hatten Angst vor dem grossen Schweigen - Angst vor dem grossen Sterben .