. Ich glaube , das ist alles so eingerostet in den Geisteswissenschaften , weil sie sich nicht um die Natur bekümmern . Wir wären gewiß viel weiter ! Und ich sitze hier an der Quelle , dürste und dürste ! « rief sie voll Eifer und Trauer . » Können Sie nicht umsatteln ? « » Nein , das geht nicht . Das ist meine heilige Sache , das Recht ; das ist meine Fahne , die will ich tragen lernen oder sterben ! « Sie sprach jetzt so laut und unbekümmert , daß die Vorübergehenden sie ansahen . Ihr Wesen hätte etwas Exaltiertes gehabt ohne diese gesunden roten Wangen und das stets bereite Lächeln . Bei ihr erschien die Erregung als der natürliche Zustand eines lebensvollen Geschöpfes . Ich bat sie , mich zu besuchen , aber sie lehnte zögernd ab . » Ich darf mich nicht zerstreuen , und mit Ihnen könnte ich tagelang sprechen . Ich hab ' Ihnen schon gesagt , wie weit zurück ich bin ! Da ist diese Mathematik , die mich ganz unglücklich macht , weil ich immer etwas hinter ihr suche , was gar nicht da ist ! Sie scheint mir noch heute wie eine Geheimschrift , lauter Symbole und so prachtvolle , aber mein Lehrer sagt immer wieder , das sei die Sache selbst ! Ich muß so fleißig sein ! « » Ja , dann komm auch ich zu Ihnen nicht , « sagte ich bedauernd . » Adieu , also , träumen Sie von dem dritten Auge . « » Ach , nein , « rief sie kopfschüttelnd , » wünschen Sie mir Besseres ! Ich darf nicht träumen . Jeder Augenblick ist kostbar . Lernen ! Lernen ! « Damit lief sie wie gejagt den Weg zurück , den wir schlendernd im Gespräch gegangen . Ich blickte ihr in Gedanken nach , nicht ohne Bedauern . Wie lange würde diese kindliche Frische noch vorhalten , die sie auszeichnete . Schon hatte sie die Sprache der Studentinnen , die mir wohl bekannt war , diesen Ton der immer Unruhigen , immer Gehetzten , Nimmerfertigen , Zweifelnden und Verzweifelnden . Der Trupp lustiger blutjunger Studenten mit dem rotweißen Band und Cerevis der Zofinger , der in lässigem Schritt und mit lautem Lachen mir entgegenkam , vertiefte die gedrückte Stimmung . Die Glücklichen , sagte ich mir , die sich bei aller Arbeit so munter ihrer Jugend freuen dürfen ! Sie haben keine Eile , sie haben keine Anspannung aller Kräfte von Tag zu Tage , sie gehen behaglich im Schritt . Ihre Promotion , ihre Aemter und zukünftigen Würden - all das ist ihnen sicher wie der Tod , denn » reif sein ist alles ! « Wann kommt der Tag , wo auch die Studentinnen jung und unbekümmert wie die dahin leben dürfen , getragen von der Billigung , ja Bewunderung der Ihrigen daheim ! Wo man auch in ihnen die Blüte , die weibliche Blüte der Intelligenz , den Stolz der Nation sieht . Wo man nicht wie heut in den Linien eurer Gesichter verfolgen kann , was alles ihr schon gelitten und durchgekämpft habt ! Wo ihr keine Narben des Lebens mehr tragt , und keine Stacheln , die schnöde Notwehr auf eurer glatten Haut hat wachsen lassen ! Wo man euch rechtzeitig vorbereitet , rechtzeitig euch hinausziehen läßt an die Hochstätten der Wissenschaft und nicht der Herbstwind eurer unwillig vergeudeten Jahre hinter euch drein bläst : » Eilt ! eilt ! schneller ! schneller ! schneller ! « Nach wie vor saß die kleine rotwangige Studentin mittags auf ihrem schlechten Platz , wo man sie stieß und vernachlässigte , und wenn wir uns sahen , so grüßten wir uns mit dem erkennenden Lächeln . Aber obwohl das täglich geschah , so schien es mir doch unverkennbar , daß die Wangenröte verblaßte , daß die weiche Rundung des Gesichts abnahm . Oft schien mir selbst das stille Sternenfunkeln der Augen getrübt . Einst , in der Garderobe , berührte ich leicht ihre Schulter . » Fräulein , was haben Sie mit sich gemacht ? Sie sind blaß . « Sie zuckte mit ihrem gewohnten liebenswürdigen Lächeln die Achseln . » Sie arbeiten zu viel ! Kommen Sie mit auf den Zürichberg . « » Gehn Sie spazieren ? « ein sehnsüchtiger Ausdruck trat in ihre Augen . » Kommen Sie mit ! « wiederholte ich dringender , » sehn Sie , die Sonne ! « Sie blickte auf die Uhr : » Ich kann nicht ! Wirklich nicht . Ich habe unmenschlich viel zu thun . « » Aber wenn Sie Ihre Gesundheit ruinieren ? « Sie senkte den Kopf . » Das ist es nicht , « sagte sie leise , » ich bin stark . « Wir waren nun doch zusammen bis auf die Straße gekommen , wo die Sonne vom wolkenlosen Himmel auf eine ganz leichte Schneedecke schien . Die Luft hatte etwas Balsamisches , Veilchenduftiges , obgleich wir in den letzten Novembertagen waren . Die schwarzblauen Berge mit den weiß bepuderten Bäumen und Sträuchern schienen ganz nahe gerückt , die Meisen zwitscherten fröhlich . » Was für ein schöner Tag ! « rief ich meiner Gefährtin ermunternd zu . Aber sie sah hier draußen noch bleicher und matter aus , als im Zimmer . » Kann ich Ihnen irgendwie helfen , so sagen Sie es mir , « bat ich . Ihre Lippen zogen sich zusammen , sie drückte stumm meine Hand . » Haben Sie Kummer ? Wollen Sie nicht darüber reden ? « Sie bewegte verneinend den Kopf . » Sie sind sehr gütig . Es geht nicht « - wieder drückte sie meine Hand . » Sie leben so einsam « , begann ich noch einmal , » das ist nicht gut . « » Ja , - ich bin einsam . « Und plötzlich senkte sie den Kopf ganz und flüsterte : » Sie wissen nicht , wie einsam