immer mehr Menschen zu einem Begriff wird , in den sie sich nur mühsam und mit Aufbietung von Nachdenken und Überdenken von allerlei behaglicher Lektüre hineinzufinden wissen . Unsereinem , der noch eine Nachbarschaft hatte , geht immer ein Schauder über , wenn er hört oder liest , daß wieder eine Stadt im deutschen Volk das erste Hunderttausend ihrer Einwohnerzahl überschritten habe , somit eine Großstadt und aller Ehren und Vorzüge einer solchen teilhaftig geworden sei , um das Nachbarschaftsgefühl dafür hinzugeben . Wir zu unserer Kinderzeit hatten es noch , dieses Gefühl des nachbarschaftlichen Zusammenwohnens und Anteilnehmens . Wir kannten einander noch im » Vogelsang « und wußten voneinander , und wenn wir uns auch sehr häufig sehr übereinander ärgerten , so nahmen wir doch zu anderen Zeiten auch wieder sehr Anteil im guten Sinne an des Nachbars und der Nachbarin Wohl und Wehe . Auch Gärten , die aneinandergrenzten und ihre Obstbaumzweige einander zureichten und ihre Zwetschen , Kirschen , Pflaumen , Äpfel und Birnen über lebendige Hecken weg nachbarschaftlich austeilten , gab es da noch zu unserer Zeit , als die Stadt noch nicht das » erste Hunderttausend « überschritten hatte und wir , Helene Trotzendorff , Velten Andres und Karl Krumhardt , Nachbarkinder im Vogelsang unter dem Osterberge waren . Bauschutt , Fabrikaschenwege , Kanalisationsarbeiten und dergleichen gab es auch noch nicht zu unserer Zeit in der Vorstadt , genannt » Zum Vogelsang « . Die Vögel hatten dort wirklich noch nicht ihr Recht verloren , der Erde Loblied zu singen ; sie brauchten noch nicht ihre Baupläne dem Stadtbauamt zur Begutachtung vorzulegen . Wir hatten von ihren Nestern unsere Hecken , Büsche und Bäume voll und unsere Freude dran , trugen aber dessenungeachtet nicht auf eine » Katzensteuer « an und schlugen oder schossen jeden wackern Kater tot , der nach seinem Rechte mal im Bauplan der guten Mutter Natur mit einem » Immer und ewig Mäuse ? « herumstieg und von der sämtlichen Käfer- , Fliegen- , Raupen- , Schmetterlings- und Würmerwelt nicht nur als ein Wohltäter , sondern auch als ein Rächer geachtet wurde . Wohin reißt mich dieses Rückgedenken ? Bedenke dich , Oberregierungsrat Doctor juris K. Krumhardt , und bleibe bei der Sache ! Bei der Stange ! würde dein Freund Velten zu jener Zeit unserer Zeit gesagt haben . Mein Vater , Oberregierungssekretär Krumhardt , hatte sein Haus im Vogelsang von seinem Vater geerbt und der wieder von seinem Vater . Darüber hinaus verlor sich unsere Kenntnis des Besitzstandes in der Nacht der Zeiten . Es war jedenfalls ein altes Haus , das nicht nur die drei Schlesischen Kriege , sondern auch den Spanischen Erbfolgekrieg miterlebt hatte als Zeitengenosse . Das Nachbarhäuschen , das seiner äußern Erscheinung nach etwas jünger war , hatte Dr. med . Andres erst bei seiner Niederlassung in der Stadt und der Vorstadt Vogelsang käuflich an sich gebracht . Seine Witwe und sein Junge gründeten ihre Wohnorts- und ( möglicherweise ) auch ihre Unterstützungsberechtigung auf diesen , der Zeit nach noch ziemlich naheliegenden » Eintrag « im Hypothekenbuch ; aber auch sie fühlten sich ihres Besitztums sicher und gehörten vom Anfang an dazu - nämlich zur Nachbarschaft im alten , echten Sinne , und mein Vater war nach dem Tode des Doktors ganz selbstverständlich von der Obervormundschaft der Witwe als » Familienfreund « beigegeben worden . Zugezogen war nur , jenseits der Grünen Gasse , Mrs. Trotzendorff from New York , in eine Mietwohnung . Wie aber deren Kind sein Bürgerrecht unter dem Osterberge im Vogelsang erwarb und es aufgab , darüber mögen denn diese Akten mit allen dazugehörigen Dokumenten das Nähere berichten . Ich werde mir die möglichste Mühe geben , nur als Protokollist des Falls aufzutreten . Wenn ich dann und wann an dem Federhalter nage , meiner Privatgefühle , Stimmungen , Meinungen und so weiter wegen , so bitte ich die geehrten Herren und Damen auf dem Richterstuhle des Erdenlebens , hier , in Sachen Trotzendorff gegen Andres , oder Velten Andres contra Witwe Mungo , nicht darauf zu achten . Meine Frau sagte seinerzeit : » Guter Gott , wie dankbar können wir doch sein , daß du nicht so warest wie die beiden anderen von euch . So haben wir doch wenigstens unser geregeltes Dasein und unsere Kinder um uns . Aber auf deren vernünftige , ordentliche Erziehung wollen wir auch recht Achtung geben . Es wäre mir zu entsetzlich , wenn eines von ihnen auch so ins Wilde wüchse ! « - Dr. med . Valentin Andres , der Vater unseres Freundes Velten Andres , war ein echter und gerechter Vorstadtdoktor , ein gutmütiger Mensch und ein guter Arzt , welchem letztern nur die Berge und die übrige schöne Natur für seine Liebhaberei , die Insektenkunde , oft zu nahe lagen . Er war recht häufig nicht zu finden , wenn er an einem Krankenbette , bei einem Unglücksfall oder sonst in seinem Beruf höchst nötig war . Seine Abhandlung über Cynips scutellaris , die Gallapfelwespe , machte seinerzeit in den betreffenden Kreisen Aufsehen und ist auch heute noch von den Fachgenossen geschätzt . Zum Sanitätsrat aber brachte er es nicht durch dieselbe , und das geringe Vermögen , welches er bei seinem Tode seiner Witwe und seinem Sohn zu dem kleinen Hause und Garten im Vogelsang hinterließ , stammte weniger von ihm als von seinem Vater und Großvater her . Letzterer soll ein nach unseren Begriffen sehr wohlhabender Mann gewesen sein ; aber wie verkrümelt sich die Wohlhabenheit , der Reichtum in der Folge der Geschlechter ! - Ich für mein Teil habe nur eine ganz dunkle Erinnerung an den Doktor Andres . Mein Nachbarschaftsleben war nur mit seinem Jungen und der » Frau Doktern « ; aber seine Käfer- und Schmetterlingssammlungen in den Glaskästen an den Wänden haben doch einen Einfluß auf mich gehabt und behalten ihn heute noch , und sein freundliches Bild gleitet mir noch manchmal auf einem Waldwege um unsere jetzige » Großstadt « entgegen