Hunger mehr im Lande gab . Von köstlichen Spielen , an denen alle , auch die keinen Reichtum besaßen , teilnehmen durften . Von Kraft , Schönheit , Gesundheit , die Jeder haben konnte , der sie begehrte . Sie las und las , und weinte warme , junge Thränen über diese Welt voll herrlicher Güte , die der edle Dichter den Armen schenken wollte , und auch schenkte , wenn auch nur auf den - Buchseiten . Johanne küßte den Namen des Autors und saß , die Hände im Schooß gefaltet , lange Stunden in seligem Rausche da . Was mußte das für ein Mensch sein , der so Herrliches schrieb ? Eine Art Christus , ein ganz Großartiger . Und schön mußte er sein , der so dichten konnte ! Gleich einem Menschen der Vorzeit , mit Schultern stark wie aus Marmor , die mitleidig das ganze Leid der Menschheit auf sich laden wollten ; mit Händen die vor Gnade tropften , mit Augen , leuchtend und groß und blau wie die Südsee . Der stand auf der Höhe seiner Zeit . Wer doch seine Hand berühren , ihm ins begeisterte Auge schauen durfte . Mit ihm sprechen , Geist von seinem Geist empfangen ! ..... Johanne suchte schauernd und glühend ihr Schlafstübchen auf ..... Im Sommer glich Sienenthal einem blühenden Garten , in dem sich die kleinen Häuser wie Lusthäuschen ausnahmen . Auch die » Hauptstraße « , die lange Gasse , in der Johanne wohnte , war voll vom Dufte der Linden , dem Gezwitscher der Vögel . Man konnte sich sehr wohl fühlen in diesen Gäßlein , auf diesen Plätzen wo das Gras zwischen den Steinen wucherte , und Gänse , Enten und gackernde Hühner umherstiegen . Aber im Winter ! Als ob alles ausgestorben wäre ! Selbst der Klang der alten Orgel drang nur spärlich herüber und besaß nicht die Macht , den dicken eisigen Nebel zu durchbrechen , der über der Gegend lagerte . Dann schlichen die Leute in große , grobe Tücher gehüllt umher , und nur ihre vor Kälte bläulichen Nasen guckten aus den Hüllen . Und jeder hielt sich soviel wie möglich im Innern seiner Wohnung auf , und draußen war alles voll unbetretnen Schnees und voll Einsamkeit . Johanne erschienen diese leeren langen Tage und Abende an der Seite der tauben Großmutter unbeschreiblich traurig . Sie saßen dann einander gegenüber , die Alte nickte und die Junge beschäftigte sich mit irgend einer Handarbeit und beobachtete dabei das Gesicht der Greisin . Und dann dachte sie : so werde auch ich einst aussehen wenn ich alt bin ; und sie konnte nicht genug staunen , wie diese Frau mit dem eingetrockneten , fahlen Gesichte einmal rund und rosig und schön war und Liebe und Gefallen erregt hatte . Und doch war ihr oft genug erzählt worden , daß ihre Großmutter die schönste Frau in Sienenthal gewesen sei und ehe sie ihren Mann , den Gemeindeschreiber , geheiratet hatte , von Freiern umlagert war . Einmal sagte der Pfarrer zu Johanne : » Du müßtest frömmer sein , Kind , dann vergingen auch deine schwermütigen Gedanken . Siehst du , wer einen liebenden Vater über sich im Himmel weiß , und ein reines Herz hat , wen keine Sorgen und Krankheiten plagen , der ist doch thöricht , wenn er sich nicht glücklich und zufrieden fühlt « . Der gute Pfarrer ! Das war alles schön und wahr , aber - Wenn doch der liebe Vater im Himmel ein wenig näher gewohnt oder sich manchmal herab bemüht hätte , daß man den Kopf auf seine Füße drücken und ihm hätte sagen können , wie lieb man ihn habe . Johanne sehnte sich leidenschaftlich nach einer blutvollen Wirklichkeit . Und da sie durch ihr beständiges Denken und Grübeln , und durch das viele Lesen über die Interessen junger Mädchen ihres Alters hinausgewachsen war , so blieb ihr nur ein Mensch , mit dem sie sich leidlich unterhalten konnte : das Ladenfräulein an der Ecke . Fast jeden Abend saß Johanne ein Stündchen dort und hörte mit glänzenden Augen den wahren und erdichteten Geschichten zu , die Betty Wewerka ihr erzählte . Manchmal brachte sie auch konfuses Zeug vor , daß das junge Mädchen an ihrem gesunden Menschenverstand zu zweifeln begann . Dann rötete sich ihre spitze Nase und die kleinen schwarzen Augen nahmen einen irren unbestimmten Ausdruck an . Aber sie fand sich meist wieder zurecht und ging dann schnell über ihren seltsamen Zustand hinweg . Natürlich bildete die große Stadt den Schauplatz ihrer Erzählungen , und ihr Bruder , der berühmte Schriftsteller war der Held . Johanne kannte bereits jede Straße , jeden Platz , jedes größere Gebäude dieser gerühmten Stadt . Einmal erzählte ihr Betty von den köstlichen Gartenanlagen , die sich dort befänden . » Das muß ja das reine Ninive sein « rief Johanne , die eben einen exotischen Roman las , in dem Frau Semiramis vorkam . Und seit dieser Zeit nannte sie den Schauplatz von Bettys Geschichten scherzend : Ninive . Man wird unwillkürlich zu Uebertreibungen geneigt , wenn man seine Lieblingsstätten jemandem schildert , umsomehr , wenn dieser Jemand gar so wenig mit seiner Verwunderung und naiven Freude geizt wie Johanne . Sie hetzte die Andere förmlich , die Wunder der Großstadt noch wunderbarer zu schildern als sie waren . Und jemehr Johanne mit ihrer Phantasie sich in die Ferne hineinlebte und wünschte , um so entfremdeter wurde ihr die Nähe . Der Ort , wo man nichts erfahren hat , läßt einen kalt , sei er auch noch so schön . Erst das Erlebnis giebt ihm die Weihe , macht ihn lieb , interessant . Johanne hatte hier nichts durchlebt als eine Schulzeit , die ihr heute sehr langweilig erschien , viele , viele mit Handarbeit ausgefüllte Stunden , Nächte , in denen ihr nichts träumte , und Tage , die kein Ende zu nehmen schienen . Ihr war es , als ob drüben