Pension hinauswuchsen , die den eisernen Einnahmebestand der Familie bildete . Sämtliche drei junge Damen vergaben sich dabei nicht das geringste , waren vielmehr ( besonders die zwei jüngeren ) ebenso leichtlebig wie dankbar , vermieden es taktvoll , in geschmacklose Huldigungen oder gar in Schmeichelei zu verfallen , und standen überall in Achtung und Ansehen , weil ihr Tun , und das war die Hauptsache , von einer großen persönlichen Selbstlosigkeit begleitet war . Sie brauchten wenig , wußten sich , zumal auf dem Gebiete der Toilette - was aber ein gefälliges Erscheinen nicht hinderte - , mit einem Minimum zu behelfen und lebten in ihren Gedanken und Hoffnungen eigentlich nur für die » zwei Jungens « , ihre Brüder , Wendelin und Leo , von denen jener schon ein älterer Premier über dreißig , dieser ein junger Dachs von kaum zweiundzwanzig war . Beide , wie sich das von selbst verstand , waren in das hinterpommersche , neuerdings übrigens nach Westpreußen verlegte Regiment eingetreten , drin schon ihr Vater seine Laufbahn begonnen und am denkwürdigen 18. August in Ruhm und Ehre beschlossen hatte . Diesen Ruhm der Familie womöglich noch zu steigern war das , was die schwesterliche Trias mit allen Mitteln anstrebte . Hinsichtlich Wendelins , der ihrem eigenen Bemühen in allen Stücken entgegenkam , besonders auch darin , daß er zu sparen verstand , hinsichtlich dieses älteren Bruders unterlag das Erreichen höchster Ziele kaum einem Zweifel . Er war klug , nüchtern , ehrgeizig , und soviel durch Aufhorchen in dem militärexzellenzlichen Hause zur Kenntnis Theresens gekommen war , konnte sich ' s bei Wendelin eigentlich nur noch darum handeln , ob er demnächst in das Kriegsministerium oder in den Generalstab abkommandiert werden würde . Nicht so glücklich stand es mit Leo , der , weniger beanlagt als der ältere Bruder , nur der » Schneidigkeit « zustrebte . Zwei Duelle , von denen das eine einem Gerichtsreferendarius einen Schuß durch beide Backen und den Verlust etlicher Oberzähne eingetragen hatte , schienen ein rasches Sichnähern an sein Schneidigkeitsideal zu verbürgen und hätten ebensogut wie Wendelins Talente zu großen Hoffnungen berechtigen dürfen , wenn nicht das Gespenst der Entlassung wegen beständig anwachsender Schulden immer nebenher geschritten wäre . Leo , der Liebling aller , war zugleich das Angstkind , und immer wieder zu helfen und ihn vor einer Katastrophe zu bewahren , darauf war alles Dichten und Trachten gerichtet . Kein Opfer erschien zu groß , und wenn die Mutter auch gelegentlich den Kopf schüttelte , für die Töchter unterlag es keinem Zweifel , daß Leo , » wenn es nur möglich war , ihn bis zu dem entsprechenden Zeitpunkt zu halten « , die nächste große Russenschlacht , das Zorndorf der Zukunft , durch entscheidendes Eingreifen gewinnen würde . » Aber er ist ja nicht Garde du Corps « , sagte die Mama . » Nein . Aber das ist auch gleichgültig . Die nächste Schlacht bei Zorndorf wird durch Infanterie gewonnen werden . « Zweites Kapitel Es war ein Wintertag , der dritte Januar . Eben kam Friederike von ihrem regelmäßigen Morgeneinkauf zurück , einen Korb mit Frühstückssemmeln in der einen , einen Topf mit Milch in der andern Hand , beides , Semmeln und Milch , aus dem Keller gegenüber . Die Finger , trotz wollener Handschuhe , waren ihr bei der Kälte klamm geworden , und so nahm sie denn beim Eintreten in ihre Küche den Teekessel aus dem Kochloch und wärmte sich an der Glut . Aber nicht lange , denn sie hatte sich , weil sie gegen Morgen noch einmal eingeschlafen war , um eine halbe Stunde verspätet , was natürlich wieder eingebracht werden mußte . So machte sie sich denn eifrig an ihre vom Brett genommene Kaffeemühle , schüttete , so daß sie nachher nur noch aufzugießen brauchte , das braune Pulver in den Beutel und ging nun , nachdem sie schließlich noch den Teekessel wieder in die Glut gestellt hatte , mit ihrem Holzkorb ( dessen Boden übrigens jeden Augenblick herauszufallen drohte ) nach vorn , um da das einfensterige Wohnzimmer zu heizen . Hier kniete sie vor dem Ofen nieder und baute Holz und Preßkohlen so kunstgerecht auf , daß es nur eines einzigen Schwefelholzes , allerdings unter Zutat eines aus Zeitungspapier zusammengedrehten Zopfes , bedurfte , den künstlichen Bau in Brand zu setzen . Keine halbe Minute verging , so begann es im Ofen auch wirklich zu knacken und zu knistern , und als Friederike nun wußte , daß es brennen würde , stand sie von ihrem Ofenplatz wieder auf , um sich ihrer zweiten Morgenaufgabe , dem Staubabwischen , zu unterziehen . Hierbei , weil das , was sie leistete , die drei Fräuleins doch nie zufriedenstellte , verfuhr sie , so gewissenhaft sie sonst war , ziemlich obenhin und beschränkte sich darauf , eine über dem Sofa hängende Bilderreihe , die Leo , trotzdem es Zeitgenossen waren , die » Ahnengalerie des Hauses Poggenpuhl « zu nennen pflegte , leidlich blank zu putzen . Drei oder vier dieser Bilder waren Photographien in Kabinettformat ; die älteren aber gehörten noch der Daguerreotypzeit an und waren so verblichen , daß sie nur bei besonders günstiger Beleuchtung noch auf ihren Kunstwert hin geprüft werden konnten . Aber diese » Ahnengalerie « war doch nicht alles , was hier hing . Unmittelbar über ihr präsentierte sich noch ein Ölbild von einigem Umfang , eine Kunstschöpfung dritten oder vierten Ranges , die den historisch bedeutendsten Moment aus dem Leben der Familie darstellte . Das meiste , was man darauf sehen konnte , war freilich nur Pulverqualm , aber inmitten desselben erkannte man doch ziemlich deutlich noch eine Kirche samt Kirchhof , auf welch letzterem ein verzweifelter Nachtkampf zu toben schien . Es war der Überfall von Hochkirch , die Österreicher bestens » ajustiert « , die armen Preußen in einem pitoyablen Bekleidungszustande . Ganz in Front aber stand ein älterer Offizier in Unterkleid und Weste , von Stiefeln keine Rede