ersten Faschingssaison nicht gar zu schüchtern und ungelenk auftreten möge . Doch was geschah auf der ersten » Reunion « , die ich besuchte ? Ein großes sterbliches Verlieben . Natürlich war ' s ein Husarenlieutenant . Die im Saale anwesenden Civilisten schienen mir neben den Militärs wie Maikäfer neben Schmetterlingen . Und unter den anwesenden Uniformträgern waren die Husaren jedenfalls die glänzendsten ; unter den Husaren schließlich war Graf Arno Dotzky der blendendste . Über sechs Fuß groß , schwarzes Kraushaar , aufgezwirbeltes Schnurrbärtchen , weißglitzernde Zähne , dunkle Augen , welche so durchdringend und zärtlich schauen konnten - kurz , auf seine Frage : » Haben Sie den Cotillon noch frei , Gräfin ? « fühlte ich , daß es noch andere , ebenso erhebende Triumphe geben kann , wie das Bannerschwingen der Jungfrau von Orleans , oder das Szepterschwingen der großen Katharina . Und er , der Zweiundzwanzigjährige , hat wohl ähnliches empfunden , als er mit dem hübschesten Mädchen des Balles ( nach dreißig Jahren kann man schon so etwas konstatieren ) im Walzertakt durch den Saal flog ; da dachte er wohl auch : Dich besitzen , du süßes Ding , das wöge alle Marschallsstäbe auf . » Aber Martha - aber Martha ! « brummte die Tante , als ich atemlos auf meinen Sessel an ihrer Seite zurückfiel , ihr mit den schwingenden Tüllwolken meines Kleides um den Kopf wirbelnd . » O pardon , pardon , Tanti ! « bat ich und setzte mich zurecht . » Ich kann nichts dafür .... « » Davon ist auch nicht die Rede - mein Vorwurf galt Deinem Benehmen mit diesem Husaren - Du darfst Dich beim Tanzen nicht so anschmiegen ... und schaut man denn einem Herrn so in die Augen ? « Ich errötete tief . Hatte ich etwas Unmädchenhaftes verbrochen ? Mochte der Unvergleichliche etwa eine schlechte Meinung von mir gefaßt haben ? ... Von diesen bangen Zweifeln wurde ich noch im Verlauf des Balles befreit , denn während des Souperwalzers flüsterte mir der Unvergleichliche zu : » Hören Sie mich an - ich kann nicht anders - Sie müssen es erfahren - heute noch : ich liebe Sie . « Das klang ein bischen anders angenehm , als Johannas famose » Stimmen « .... Aber so im Weitertanzen konnte ich doch nichts antworten . Das mochte er einsehen , denn jetzt hielt er inne . Wir standen in einer leeren Ecke des Saales und konnten die Unterhaltung unbelauscht fortführen : » Sprechen Sie , Gräfin , was habe ich zu hoffen ? « » Ich verstehe Sie nicht , « log ich . » Glauben Sie vielleicht nicht an Liebe auf den ersten Blick ? Bis jetzt hielt ich es selber für eine Fabel , aber heute habe ich die Wahrheit davon erprobt . « Wie mir das Herz klopfte ! Aber ich schwieg . » Ich stürze mich kopfüber in mein Schicksal , « fuhr er fort .... » Sie oder keine ! Entscheiden Sie über mein Glück oder über meinen Tod ... denn ohne Sie kann und will ich nicht leben .... Wollen Sie die Meine werden ? « Auf eine so direkte Frage mußte ich doch etwas erwidern . Ich suchte nach einer recht diplomatischen Phrase , die - ohne jegliche Hoffnung abzuschneiden - meiner Würde nichts vergäbe , brachte aber weiter nichts hervor , als ein zitternd gehauchtes » Ja « . » So darf ich morgen bei Ihrer Tante um Ihre Hand anhalten und dem Grafen Althaus schreiben ? « Wieder » ja « - diesmal schon etwas fester . » O , ich Glücklicher ! Also auch auf den ersten Blick ? - Du liebst mich ? « Jetzt antwortete ich nur mit den Augen - doch diese , glaub ' ich , sprachen das allerdeutlichste » Ja « . An meinem achtzehnten Geburtstage wurde ich getraut , nachdem ich zuvor in die » Welt « eingeführt und der Kaiserin » als Braut « vorgestellt worden war . Nach unserer Hochzeit unternahmen wir eine Italienreise . Zu diesem Zweck hatte Arno einen längeren Urlaub genommen . Von einem Austritt aus dem Militärdienste war niemals die Rede gewesen . Zwar besaßen wir beide ziemlich ansehnliches Vermögen - aber mein Mann liebte seinen Stand und ich mit ihm . Ich war stolz auf meinen schmucken Husarenoffizier und sah mit Befriedigung der Zeit entgegen , da er zum Rittmeister - zum Obersten - und einst zum Generalgouverneur vorrücken würde .... Wer weiß , vielleicht war er zu noch höheren Geschicken bestimmt : vielleicht sollte er als großer Feldherr in der vaterländischen Ruhmesgeschichte glänzen .... Daß die roten Hefte gerade in der seligen Brautzeit und während der Flitterwochen eine Lücke aufweisen , thut mir jetzt sehr leid . Verflogen , verweht , in Nichts verflattert wären die Wonnen jener Tage freilich ebenso , wenn ich sie auch eingetragen hätte , aber wenigstens wäre ein Abglanz davon zwischen den Blättern festgebannt . Aber nein : für meinen Gram und meine Schmerzen fand ich nicht genug Klagen , Gedankenstriche und Ausrufungszeichen ; die jammervollen Dinge mußten der Mit- und Nachwelt sorgfältig vorgeheult werden , aber die schönen Stunden , die habe ich schweigend genossen . - Ich war nicht stolz auf mein Glücklichsein und gab es daher niemand - nicht einmal mir selber im Tagebuche - kund und zu wissen ; nur das Leiden und Sehnen empfand ich als eine Art Verdienst , daher das viele Großthun damit . Wie doch diese roten Hefte alle meine traurigen Lagen getreulich spiegeln , während zu frohen Zeiten die Blätter ganz unbeschrieben blieben . Zu dumm ! Das ist , als sammelte Einer während eines Spazierganges - um Andenken daran nach Hause zu bringen - als sammelte er von den Dingen , die er auf dem Wege findet , nur das Häßliche ; als füllte er seine Botanisierbüchse nur mit Dornen , Disteln , Würmern , Kröten und ließe alle Blumen und Falter weg .