Mein Fräulein - ! « » Noch einmal - verlassen Sie mich - ich ersuche Sie dringend - oder ... « Adam war plötzlich sehr selbstbewußt und trotzig geworden . Er betippte nachlässig seinen Hut , wandte sich ab , ging einige Schritte zurück , stampfte einmal recht erbittert aufs Pflaster und lachte sehr indignirt . Was nun ? Er drehte sich noch einmal um . Und es dünkte ihn , als ob Fräulein Irmer recht langsam ginge - zudem - zudem noch gar nicht so besonders weit entfernt von ihm wäre - sollte sie doch - sollte er - - aber nein ! - nichts da ! - Unsinn ! - - - Adam schob sich entschlossen wieder um und wanderte nach Hause . Nach einer halben Stunde stieg er die Treppen zu seiner Wohnung empor . Die Glieder waren ihm schwer und die Schläfen schmerzten wieder heftiger . Und es fiel ihm ein , daß man doch im Grunde kaum Herr seiner Handlungen ist . Plötzlich , im wahren Sinne » unvorbereitet , « hatte er vor einer kleinen Weile vor Fräulein Irmer gestanden . Wie war er an ihre Seite gekommen ? Urtheil - Vorstellung - Willensimpuls - Coordinationscentren - Muskelcontraction - - - Alles Blech ! Adam wußte nur , daß man einmal ebenso » unvorbereitet « eine ... Waffe in der Hand haben könnte - - und daß man unter Umständen schon nicht mehr sein könnte , ehe man es überhaupt bewußt gewollt hatte . Aber ... aber aus dem Leben gehen , ohne ... Hedwig Irmer - hm ! - ohne ! - ja ! was denn : » ohne ? « - ohne - ohne ! ... Diese beleidigte Schöne ! Sie einmal küssen - ? » Küssen « ? Pah ! Zu geschmacklos ! Aber ah ! eigentlich stand er doch noch sehr fest im Leben , noch so mitten darin ! Und wie sicher er mit beiden Füßen noch auftrat ! Wie ihm aus der engen Zone seiner Augenblicksphantasieen heraus das Leben doch noch so ... so ... lebenswerth erschien ! Herr Gott ! Und nur , weil er heute dieses Weib - dummes Zeug ! Er hatte wahrhaftig Ernsteres zu thun , als immer wieder auf derartige U.-S.-W.-Weiblichkeiten ' reinzufallen . - Grauschwarze Dämmerungsflocken lagen im Zimmer . Es pochte . Die Wirthin erschien , die flammende Lampe in der Hand . Nach einer kleinen Frist : - » Sie sehen recht blaß aus , Herr Doctor - « » Hm ! « - II. Wie einer seiner Vorfahren eigentlich dazu gekommen war , sich schlechtweg » Mensch « zu nennen oder zu einem derartigen Besonderheitsmenschen sich ernennen zu lassen , hatte Adam wirklich nicht ergraben und ergründen können . Ja ! Er hatte sich alle Mühe gegeben , sotanes Geheimniß zu entlarven , und manche Stunde war darüber vergrübelt worden . Uebrigens gefiel ihm sein Familienname , dieser Name , der das Moment des Typischen und des Individuellen so intim vereinigte , der ebenso originell und tiefsinnig , wie gewöhnlich , oberflächlich und trivial war , gar nicht übel . Und nicht übel paßte objectiv und behagte seinem Besitzer auch subjectiv der Vorname Adam - » Adam Mensch « : eine originelle Idee seines Vaters war es doch gewesen , die Familienüberlieferung , nach welcher jeder Erstgeborene den Vornamen Gottfried erhalten sollte , zu durchbrechen und seinen Erstling » Adam « zu taufen ! Manchmal war der Name seinem Träger allerdings mehr eine Last , denn eine Lust gewesen : zu den Zeiten , da er die Volksschule seiner kleinen Vaterstadt besucht und mit Kameraden auf einer Bank hatte sitzen müssen , die an sich wohl auch so etwas Aehnliches , wie ... wie Menschen eben gewesen waren , sonst aber nur Richter , Schneider , Gernegroß , Potschappel - und zuweilen selbst Müller und Schulze geheißen hatten . Da hatte denn sein Name den Fisch abgegeben , nach dem die wühlende Bubensippschaft die Angeln ihres tölpelnden Nörgelns ausgeworfen . Das hakt sich fest in der Seele dessen , der früh von der großen , breiten Durchschnittsstraße abzubiegen beginnt ... oder , wenn in jungen Jahren auch noch nicht wirklich abbiegt , so sich doch schon mehr und mehr an die Ränder der Straße schlängelt , auf daß er dem Nebendickicht näher sei und besser und deutlicher einen schmalen Einzelpfad durch die wuchernde Wildniß für sich erspähe . Adam war in engen , drückenden , rohen Verhältnissen aufgewachsen . Sein Vater , Gottfried Mensch , hatte einen Bäckermeister vorgestellt . Ein Mann , verschwommen an Leib und Geist , eigenwillig , aufbrausend , unstät in Stimmungs- und Willensgegensätzen lebend , von schnurrigen Einfällen behaftet , nicht ohne eine gewisse Eigenart und Kraft , aber ohne die Sicherheit , ohne die Lebensgarantie der Beschränktheit . Er hatte sich in seiner Natur ausgelebt - das heißt : er hatte nach Welt und Menschen nicht viel gefragt und nur dem bunten Bündel seiner Neigungsströme gefröhnt . Dabei war das Geschäft natürlich heruntergekommen - und unbewußt , naturgemäßig-nothwendig , im Besitze des Muthes , Alles gehen zu lassen , wie es geht , und dem ökonomischen Verderbensmoloch ruhig seine Giftzähne zu lassen , hatte sich Meister Gottfried Mensch immermehr an den Alkohol angeschlossen , welcher ihm allerdings weniger Tröster war , als ein guter Kamerad , der Feuer in die Seele goß und wirbelnde Phantasie ' n gebar . Und eines Tages war dann das Delirium gekommen . Die Krämpfe und Wuthausbrüche wuchsen an Oftheit und Stärke , aber es trat auch nicht allzuspät der Gehirnschlag ein , der den Rasenden eines Abends ausblies . Adams Mutter hatte sich die Kehlkopfschwindsucht anschaffen müssen . Vier Kinder waren da : zwei Knaben und zwei Mädchen . Die Brut war nicht gesund . Adam mußte sich in späteren Jahren noch öfter sattsam wundern , daß er alle die Plackereien und Quälereien , die er hatte auf sich nehmen müssen , ausgehalten , wenigstens einigermaßen ausgehalten