, vergeblich erwarte , mir neulich von ihrem Debüt als Erzieherin in der Raßlerschen Familie die denkwürdigsten Dinge erzählt hat . Natürlich schwebte mir sofort Dein Name auf der Zunge , und schon wollte die Apostrophe dem Gehege meiner Zähne entschlüpfen : » Ach , Fräulein Flora Kuglmeier , da hat wohl auch der Blick meines Freundes Max von Drillinger ermunternd und tröstend auf Ihnen geruht und Ihr Sinn hat sich gelabt an den weisen Sprüchen dieses beredten Hausgeistes der Raßlerschen Familie ! « - als mir noch rechtzeitig das Unschickliche eines solchen Einfalls zum Bewußtsein kam . Später merkte ich , daß die züchtige Maid , deren pädagogischen Künsten die Erziehung der Raßler ' schen Sprößlinge anvertraut war , zu einer Zeit ihres Amtes waltete , wo Du noch in der Pasinger Malzfabrik dem Gotte Merkur Deine ersten schüchternen Huldigungen darbrachtest . Und der Weg nach Pasing führte damals noch nicht durch die Quaistraße , und der dienstbare Hausarzt hatte der vor überschüssiger Gesundheit kranken Frau Raßler noch nicht die heilsam schwächenden Bäder des romantischen Würmkanals in Pasing verordnet . Nichtwahr , ich bin gut unterrichtet ? Ich bin - warum soll ich Dir ' s nicht ohne Rückhalt gestehen ? - manchmal noch so sehr in den kleinbürgerlich engen Anschauungen vom Zulässigen und Anständigen befangen , daß Du mir ' s wahrhaftig nicht übel nehmen kannst , wenn ich nicht die Flugkraft besitze , mich hinsichtlich der Moralität Deiner Beziehungen zu jener Frau aus der Enge meiner Vorurteile zu erheben . Inzwischen bin ich allerdings über Verschiedenes hinausgewachsen . Womit nicht gesagt sein soll , daß ich Deine verschiedentlichen Dummheiten als Geniestreiche preise . Erlaube , daß ich mir ' s wieder bequem mache und Rock , Weste und Hofe von mir werfe . Bei dieser wahnsinnigen Scirrokko-Temperatur wäre das adamitische Paradieskostüm das angemessenste ; die keuschen Feigenblätter wachsen hier einem zum Fenster herein , man braucht nur die Hand darnach auszustrecken . So - jetzt sitze ich wieder in Hemd und Strumpf , vor Dir . Da schreibt sich viel leichter . Die Tempera-Malerin kommt heute doch nicht mehr , was mir eigentlich lieb ist , denn ich bin jetzt einmal im Zuge , daß ich Dir gern noch einige Stunden ungestört widme . Eine Plauderei mit Dir hat große Reize , besonders so lange man allein das Wort hat . Du wirst diese Aufmerksamkeit zu schätzen wissen . Oder nicht ? Bist Du seit unserer bald einjährigen Trennung ein kühler Selbstsüchtling geworden ? Der Anfang Deines letzten Briefes könnte mich schier auf diese Vermutung bringen . Da steht nämlich in deiner steilen , schattenlosen Schlemihl-Handschrift zu lesen : » Die weite Entfernung verschuldet , daß die Briefe nur langsam und spärlich laufen . « Dabei beziehst Du die Entfernung nur auf den Raum . Sophist ! Sei aufrichtig : beziehst Du sie nicht auch ein wenig auf die Interessen ? Jawohl , und darin allein finde ich einen ausreichenden Grund für die Erkaltung Deines epistolarischen Eifers . Und nun erlaube , daß ich loslege - ich krämple erst die Ärmel auf und streife das Hemd über die Schenkel , damit ich mehr Luft kriege ( Flora Kuglmeier überrascht mich leider diesen Vormittag doch nicht mehr , vielleicht macht sie jetzt das interessante Vesuvbild mit Temperafarben an ) : Du bist im Grund Deines Herzens ein verdammter Egoist , der sich wie ein kostbarer Wurm in sein seidenes Interessengespinst verpuppt ; Du denkst ungeheuer viel , aber nicht an mich ; Du fühlst ungeheuer tief ( Beweis : was sich die Isarwellen an der Quaistraße über Deine Liaison zurauschen - ich hör ' s bis hierher ! ) aber Du fühlst nicht die süßen Schauer der Freundschaft in Deinem Mannesbusen - - Das kommt von der Weiberknechtschaft . Sünder ! Bei aller Phantasterei Deiner Gefühle bist Du doch nur ein kühler Realist - oder thue ich Dir Unrecht , mein alter Kamerad ? - während ich im Idealismus hängen geblieben bin , wie der fabelhaft langhaarige Absalon am Geäst des Eichbaums . Nun ich dahänge und zapple , rennst Du mir den Spieß Deiner Sophistik ins Herz - - Es klopft . Herein ! Donnerwetter , nein ! Mein Negligé ! - - - - Es war nichts . Also siehst Du , wie unsere Sachen stehn . Dir thut die Aufsicht eines ehrlichen großen Freundes not . Es ist Zeit , daß wir uns wieder näher rücken . Und nun laß mich auch ein wenig von mir selbst reden , nachdem ich mich so lange und liebevoll mit Dir beschäftigt . Meine italienischen Studien nahen ihrem Ende . Meine Mappen platzen von Kopieen , Skizzen , Entwürfen - ob ich jemals ausgiebigen Nutzen daraus ziehen werde ? Ich will ' s hoffen . Ich mache noch einen Abstecher nach Pästum und Sizilien , um die griechischen Tempelreste ( dies lediglich zu meinem Privatvergnügen , versteht sich ! ) zu studieren und an Land und Leuten einigen Spaß zu haben , dann rutsche ich wieder nordwärts in unsere gemäßigte Kultur- und Kunstzone , nach Biermaniens Hauptstadt an der kühlen Isar , bevor mich hier die vernichtende Hochsommerhitze vollends in Schweiß und Idealität auflöst . Ich hasse dieses Wälschland Italia , wenn ich bedenke , wie unzählig viele deutsche Künstler von Talent und hohem Streben es seit einem Jahrhundert an Leib und Seele ruiniert , wie viel deutsche Original-Anlage und Eigenart es verwüstet hat . Behaupte ich damit , daß das Vaterland eitel Güte und Vorteil für seine Künstler sei ? Keineswegs . Aber es ist patriotischer , zwar dem Ausland die Leviten zu lesen , jedoch mit der Besserung daheim anzufangen . Da wäre bei uns freilich ein greulicher Augiasstall auszumisten . Besonders bei uns in München hat die arrogante Mittelmäßigkeit in der königslosen Kunststadt eine so korrupte Wirtschaft auf die Beine gebracht , daß einem für den Ruhm Isarathens bange werden kann , tritt nicht bald eine radikale Änderung ein . Und was sonst noch im