Ich muß gestehen , daß diese Äußerung mich verdroß und daß ich augenblicklich so unangenehm wurde , wie gutmütige Leute zu werden pflegen , wenn man ihnen eine Gelegenheit verdirbt , sich nützlich zu erweisen . Eine lange Kontroverse begann . Ich geriet in Eifer , mir scheint sogar , daß ich Bosheiten sagte . Die Hofrätin bemühte sich , mich zu beschwichtigen . » Ärgern Sie sich nicht « , sprach sie . » Was kommt dabei heraus ? - Daß Sie jedes Ihrer Worte bereuen werden und daß ich meine Weigerung doch nicht zurücknehme . Ich habe meine Gründe dafür . Wenn Sie wüßten ! - Gute Gründe , aus einer eigenen Erfahrung geschöpft . « Ich bat sie , mir dieselben mitzuteilen , und sie wollte im Anfang nichts davon wissen . Sie hatte » von dieser Geschichte « nur einmal in ihrem Leben gesprochen , und zwar mit ihrem seligen Mann , am Tage vor der Verlobung . Sie konnte sich nur schwer entschließen , die alten , schlummernden Erinnerungen wiederzuerwecken . Endlich jedoch gab sie meinem Flehen und Drängen nach und begann : 2 » Ich muß im Gegensatz zu so vielen meiner ehemaligen Standesgenossinnen sagen , daß mir die Gouvernante an der Wiege gesungen worden ist . Von Kindheit an hörte ich : Lerne , damit du lehren kannst ; gehe den rechten Weg , um ihn andern weisen zu können . Der Wohlstand , den du jetzt genießest , erlischt , sobald sich die Augen deines Vaters schließen . Dann heißt es , selbst für dein Brot sorgen . Die Erinnerung an die Ratschläge und an das Beispiel deiner Eltern ist der ganze Reichtum , den du auf deinen Lebensweg mitbekommst . Ich war achtzehn Jahre alt , als meine Mutter starb ; bald darauf folgte der Vater ihr nach , und ich stand vereinsamt in der Welt . Ich bin eine uralte Frau , mein Gedächtnis fängt an mir untreu zu werden , aber die Empfindung , mit der ich nach dem Begräbnis meines Vaters unsere verlassene Wohnung wieder betrat , gehört zu den Dingen , die ich heute noch nicht vergessen habe . « Ich blickte zu ihr hinüber . Sie hatte nicht aufgehört zu stricken , fleißig und lautlos wie immer . Kerzengerade , die Arme fest an den Leib geschlossen , saß sie da in ihrem eng anliegenden schwarzen Kleide , mit ihrer hohen , weißen Haube und den Locken an beiden Seiten der Stirn , die sich nur durch den Silberschimmer , der auf ihnen lag , von ihrer schneeigen Umrahmung unterschieden . » Man ließ mir keine Zeit , meinem Schmerze nachzuhängen « , fuhr sie fort . » Wenige Wochen nach dem Tode meines Vaters brachte mich der Vormund , der mir bestellt worden war , als Erzieherin in eines unserer vornehmsten Häuser . Die Stellung war in jeder Hinsicht glänzend . Nur ein Zögling , ein siebenjähriges Mädchen , unumschränkte Herrschaft in meinem Gouvernantendepartement , äußerst vorteilhafte Bedingungen in der Gegenwart und - wenn ich meine Aufgabe zu Ende geführt hätte - eine gesicherte Zukunft . Die Eltern meiner kleinen Anka hatten auf mich , als ich ihnen vorgestellt wurde , einen ungemein günstigen Eindruck gemacht . Beide jung , schön , liebenswürdig . Beide von der gewinnenden Höflichkeit , die sich von selbst versteht , sich wenigstens damals in der feinen Welt von selbst verstand . Sie erschienen mir einfachem Bürgerkind inmitten ihres Luxus , der alles überstieg , wovon ich je gehört oder geträumt hatte , ein wenig halbgottmäßig . Ich fand es ganz natürlich , daß ein Wesen , das so völlig einem Engel glich wie meine Gräfin , nur im Fluge an uns vorüberrauschen könne , daß man einer so himmlischen Erscheinung nicht zurufen dürfe : Verweile , laß dich ansehen , recht nach Herzenslust . Es wäre mir gar nicht eingefallen , ihr zuzumuten , daß sie sich in die Kinderstube setzen möge und Puppenkleider zuschneiden , einen Kreisel peitschen oder nach der Schreiblektion ein tintig gewordenes Fingerchen abwischen . Sie schien mir zu dergleichen viel zuwenig irdisch . « » Ich bitte Sie ! « erlaubte ich mir einzuwenden , » das war jugendliche Schwärmerei . Wenn man irdisch genug ist , um ein Kind in die Welt zu setzen , ist man ' s auch , um das Kind zu betreuen ... Und was die Schönheit betrifft , ich wette darauf , daß Sie mindestens ebenso schön gewesen sind wie Ihre Gräfin . « » Nein ! « entgegnete die Hofrätin . » Es ist gewiß so manches minder hübsche Gesicht , als das meine damals war , bewundert worden , aber mit der Gräfin ließ sich überhaupt niemand vergleichen - Märchenprinzessinnen und Engel ausgenommen . Dennoch war etwas , das mir die Freude an ihrem Anblick trübte : eine kränkliche Blässe , ein Ausdruck von Müdigkeit , der sich täglich deutlicher in ihren Zügen aussprach . Freilich war diese Müdigkeit eine natürliche Folge des Lebens , das die Gräfin führte . Eine angespannte , aufreibende Tätigkeit , wirkliche Arbeit schwerster Art hätten die junge Frau nicht mehr in Anspruch genommen als die Vergnügungen , denen sie sich hingab . Es war das Jahr der Vermählung des Kaisers Franz mit der Erzherzogin Luise von Este . Ein Taumel der Lust hatte das leichtsinnige Wien ergriffen . Die gute Stadt entschädigte sich für die Trauer , in welche sie durch die Schicksalsschläge versetzt worden war , die kurz vorher das Reich getroffen hatten . Meine Gräfin durfte bei keinem Feste fehlen ; sie war im höchsten Grade , was man zu jener Zeit in der Gesellschaft répandiert nannte , und ich dachte oft mit stiller Erbitterung : Du wirst dich so lange répandieren , bis dein letzter Lebensatem im Dienste nichtiger Zerstreuungen verhaucht sein wird . Niemals rollte der Wagen , der die Herrschaften nach Hause brachte , vor drei oder vier Uhr morgens in die Einfahrt . Das