dunklen Ecke , welche das Zimmer dort bildete , befand sich ein großer , bis an die Decke reichender Schrank . Der glich einer gotischen Kapelle , war aber ein Schreibtisch , sehr schön , sehr merkwürdig und sehr unbequem - der Schreibtisch einer Person , die nicht schreibt . Um so zweckmäßiger war der niedrigere Bücherschrank , der den größten Teil der Längenwand , dem Eingange zu Agnesens Zimmer gegenüber , einnahm . Schlanke Säulen mit korinthischen Kapitälchen verzierten die Glastüren des Aufsatzes , hinter dessen blanken Scheiben eine sehr gemischte Gesellschaft friedlich beisammen wohnte . Da standen Schillers Werke in einem Bande , im allerdings ziemlich abgenützten Prunkgewand aus rotem Saffian , neben zwei kleinen dicken Büchlein in schweinsledernen Schlafröckchen , den Mémoires du Maréchal de Bassompierre . Goethes Benvenuto Cellini hatte zwei ganz unähnliche Nachbarn , Dom Jacques Martins Histoire des Gaules und ein ehrwürdiges Inkunabel : Unser lieben frawen psalter , gedruckt zu Augspurg . Von Luca Zeisselmair . Am mitwoch nach Jakobi . In dé iar als man zelet 1495 . Gibbons Geschichte des Verfalles des römischen Reiches blickte gnädig auf den Herrn Quintus Fixlein herab , Krummachers Parabeln lehnten sich mit naiver Zutraulichkeit an die Annalen des Tacitus . Lessings Laokoon war durch ein Versehen mitten hineingeraten zwischen den Barometermacher auf der Zauberinsel und die Familie von Halden ; Prinz von Gotland , der Bramarbas und Himmelstürmer , hielt sich ruhig neben dem weisen Pascal . Viele Klassiker der Weltliteratur , alte und neue , fanden sich durch irgendein Hauptwerk vertreten ; vollständig vorhanden jedoch waren alle Lehrbücher der Uhrmacherkunst . Ihre lange majestätische Reihe wurde durch Hieronymus Cardani ( 1557 ) eröffnet und schloß mit M.L. Moinets Traité général d ' Horlogerie . Kein einziges von allen diesen Büchern war seiner Eigentümerin ganz fremd , mit manchen stand sie auf dem vertrautesten Fuße , und gerade in diese vertiefte sie sich mit dem größten Vergnügen immer von neuem . Denn , meinte sie , ein schönes Buch nicht wiederlesen , weil man es schon gelesen hat , das ist , als ob man einen teuren Freund nicht wieder besuchen würde , weil man ihn schon kennt . Übrigens - ein gutes Buch , einen guten Freund , die lernt man nicht aus . Ein weises Buch ist ebenso unergründlich wie ein großes Menschenherz . Viele dieser Werke besaßen außer ihrem eigenen auch noch einen besonderen , für Lotti unschätzbaren Wert . Sie waren mit Randbemerkungen von der Hand eines Mannes versehen , der ihr unter allen Lebenden am Höchsten gestanden - ihres Vaters . Sie meinte ihn sprechen zu hören , wenn sie die kurzen zierlich geschriebenen Sätze , Früchte reiflicher Überlegung und solider Fachkenntnis , überlas . Meister Johannes Feßler hatte nicht zu den Leuten gehört , die einen Gedanken deshalb schon für gut halten , weil er in ihrem Kopf entstanden ist . Das Handwerk , das er ein halbes Jahrhundert hindurch getrieben , hatte ihn gelehrt , dreißig » vielleicht « und » ich glaube « leichter auszusprechen als ein » so ist ' s « , oder ein » das steht fest « . Ein gewissenhafter Uhrmacher , wie er gewesen , ein Mann , der so oft erfahren hatte , daß am Ende einer Reihe scheinbar richtiger Schlüsse ein Irrtum lauern kann , der hütet sich wohl , leichtsinnig Behauptungen aufzustellen . Dafür haben die seinen aber auch bei allen Leuten , die es verstehen , einen Ausspruch auf dessen Feingehalt an Wahrheit zu prüfen , ihr gehöriges Gewicht . Aus den Randglossen des Meisters ließ sich erkennen , wie ernst es ihm war mit seinem Beruf und welche Liebe er für denselben gehegt . Man sah es wohl , was er auch gelesen hatte , wie sehr ein Buch seine Aufmerksamkeit gefesselt haben mochte , seines Handwerks hatte er dabei nie vergessen . Niemals war ein bemerkenswertes Ereignis in der Geschichte der Menschen zu seiner Kenntnis gekommen , ohne daß er gesucht hätte , es mit einem ebensolchen in der Geschichte der Uhren in Verbindung zu bringen . So befand sich zum Beispiel in einem historischen Werke , an einer Stelle , wo die Rede war vom Tode Kaiser Rudolfs von Habsburg , von Feßlers Hand die Anmerkung : In demselben Jahre erhielt die Kirche von Canterbury eine Schlaguhr , für welche dreißig Pfund Sterling bezahlt wurden . Weiter , als der Goldenen Bulle Erwähnung geschah , hatte der Meister seinerseits erwähnt : Gleichzeitig ehrte die Stadt Bologna sich selbst , indem sie die erste öffentliche Uhr aufstellen ließ . - Noch weiter : Eduard III. entsagt seinen Ansprüchen auf den französischen Thron - und - fügte Feßler hinzu - erteilt dreien Uhrmachern aus den Niederlanden Schutzbriefe , damit sie nach England kommen können . Anno 1368 . In demselben Geschichtswerke war der Beiname König Karls V. , der Weise , nachdrücklich unterstrichen und daneben stand : Muß , wie der gleichnamige große deutsche Kaiser , eine besondere Freude an den Werken der Uhrmacherkunst gehabt , ja vielleicht selbst dabei Hand angelegt haben . Der berühmte Meister Jouvence hätte sich sonst schwerlich erlaubt , eine seiner Uhren mit der Inschrift zu versehen : Charles le Quint , Roi de France Me fit par Jean Jouvence . Der nämliche weise König ließ auch ( 1364 ) Herrn Heinrich von Wick nach Paris kommen , wo dieser eine Uhr für den Turm des königlichen Schlosses verfertigte . Er erhielt Wohnung in demselben Turm und eine Besoldung von sechs Sous täglich . - Noch andere Randglossen machten darauf aufmerksam , daß Luther seine Bibelübersetzung zu derselben Zeit geschrieben hat , zu welcher Peter Hele , Andreas Heinlein und Caspar Werner in Nürnberg die ersten Taschenuhren zustande brachten , daß im Jahre des Unterganges der spanischen Armada Andreas Landek , Schüler Abraham Habrechts und Verfertiger der ersten Kirchenuhr in Nancy , zu Wertheim in Franken geboren wurde ; daß Anno 1690 - glorreichen Andenkens für Deutschland wegen der Gründung der Universität