Vorurteil des Weibes stärker ist als seine Liebe . Freilich bereut sie , aber die Reue kommt zu spät . Ich schrieb die Geschichte binnen drei Tagen , im halben Fieber . Unwillkürlich , ohne nachzusinnen , verlegte ich den Schauplatz in mein heimatliches Czortkow und ließ auch sonst Jugenderinnerungen hineinspielen . An den Druck dachte ich nicht . Ein Zufall bestimmte mich , das Manuskript ein halbes Jahr später an die damals verbreitetste deutsche Revue zu senden , die » Westermannschen Monatshefte « . Die Redaktion nahm es sofort an und verlangte eine neue Arbeit aus » diesem interessanten Stoffkreise « . Ich war darüber ebenso erfreut wie erstaunt ; daß der Stoffkreis » interessant « sei , daran hatte ich nicht gedacht . Aber ebensowenig daran , dieser ersten Novelle eine weitere folgen zu lassen . Ich wollte ja Jurist werden . Nun fing ich aber doch an , über den » interessanten Stoffkreis « zu grübeln . Die Gestalten der Heimat wurden mir lebendig . Ich hatte sie einst , als sie leibhaftig vor mir gestanden , sehr nüchternen Blutes angesehen . Nun aber verklärte sie ein Zauber , der Zauber der Ferne . Ich studierte an der Universität Graz , war der einzige Jude an der Hochschule , ja in der Stadt , sah das ganze Jahr lang keinen Juden . Und während ich so grübelte , war eine zweite Novelle fertig : » Der Shylock von Barnow « . Nun folgte eine lange Pause . Ich geriet , weil ich während des deutsch-französischen Krieges in einer Kommersrede meiner Sympathie für die Deutschen kräftigeren Ausdruck gab , als der neutralen österreichischen Regierung recht schien , in einen politischen Prozeß , dann nahm mich der Abschluß meiner Studien in Anspruch . Als ich fertig war , da fühlte ich , daß ich zum Advokaten nicht taugte , nur der Richterberuf zog mich an . Aber ich war ein Jude - Man errät leicht , daß auch dieser Gedankenstrich ein Taufbecken bedeutet . Aber wenn ich schon als Jüngling nicht geschwankt , so noch weniger als Mann . Aber leben mußte ich ja , und so wurde ich Journalist , schrieb politische Artikel und schnitt mit der Schere die schönsten » Vermischten Notizen « zusammen . In meinen Freistunden aber schrieb ich Novellen . Bald solche aus dem jüdischen Leben , bald solche aus dem deutschen Leben . Es war derselbe Drang , der mich zu beiden führte : ein künstlerischer Drang . Ich wollte darstellen , was ich empfand , dachte , erfand . Aber nicht ins Blaue hinein . Ich konnte nur ein Leben schildern , das ich gesehen . Und so spielen meine ersten Novellen entweder in Graz oder in Czortkow , dem » Barnow « meiner Novellen . Es ist nicht meines Amtes , darüber zu sprechen , was meinen Büchern zu ihrem Erfolg verholfen hat . Nur eins darf ich darüber bemerken , ohne den guten Geschmack zu verletzen : es waren Bücher , die nicht bloß den Juden , sondern auch den Christen aller Länder gleich verständlich waren . Nun aber glaubte ich , meiner eigenen künstlerischen Entwicklung etwas anderes , etwas Neues schuldig zu sein : einen Roman aus dem östlichen Ghetto . Dieser Roman liegt hier vor . Der Plan dazu ist sehr alt , über zwanzig Jahre . Aber ich zögerte immer wieder , ihn auszuführen . Ich fühlte mich aus verschiedenen Gründen noch nicht reif dazu . Endlich glaubte ich , nicht länger zögern zu sollen . Warum ich so lange zögerte ? Erstlich deshalb , weil es sich eben um einen Roman handelt , während ich bisher aus diesem Stoffkreis nur Novellen geschrieben . Das ist aber nicht bloß bezüglich des äußeren Umfanges , sondern auch bezüglich des inneren Wesens der Arbeit ein Unterschied . Die Novelle schildert einen eng begrenzten , und zwar nicht bloß durch den Raum , sondern auch durch das Problem begrenzten Ausschnitt aus einem bestimmten Leben ; der Roman aber soll , sofern er diesen Namen verdient , ein Spiegelbild dieses gesamten bestimmten Lebens sein . Wer einen Ausschnitt schildert , braucht nur diesen zu kennen , zu einem Gesamtbild gehört Beherrschung des gesamten zu schildernden Lebens in seinen sämtlichen oder doch wichtigsten Beziehungen . Ich zögerte , bis ich mir sagen konnte , daß ich genug vom äußeren und inneren Leben des Judentums wüßte , um an dieses Werk schreiten zu können . Oder mit einem Worte : ich wollte die jüdische Volksseele tiefer als bisher ergründen lernen . Das also ist der erste Unterschied dieser Arbeit von meinen bisherigen . Ein zweiter betrifft die Tonart dieses Werkes . Ich möchte mich als Künstler nicht selbst analysieren . Das ist Sache der Kritiker , die ja auch ihre Arbeit eifrig genug verrichten und noch ferner tun werden , einige vivisezieren mich sogar . Ich will daher nicht eingehend erörtern , daß und warum die Tonart meiner früheren Schriften sich zwischen Tragik und Komik bewegte . Dieser Roman schlägt eine andere Tonart an : die humoristische . Warum erst dieses Werk ? Nun , vielleicht muß man älter geworden sein , mehr erfahren und mehr gelitten haben , um das » Lächeln unter Tränen « zu erlernen ... Aber auch nach anderer Richtung , nicht bloß der subjektiven meiner Darstellung , sondern auch der objektiven des Inhaltes , darf ich diesen Roman einen humoristischen nennen . Er sucht dem Leser die Fülle jenes eigentümlichen Witzes und Humors nahe zu bringen , der im Ghetto des Ostens zu finden ist , und darf darum keine der Formen vermeiden , in denen sich dieser Witz bewegt , also auch in Formen des Wortspiels nicht . Und nun ein dritter , vielleicht der größte Unterschied : die Tendenz . Ich glaube , auch in meinen ersten Schriften meine Pflicht gegen meine Stammesgenossen erfüllt , nicht gegen , sondern für sie , nicht zu ihrem Schaden , sondern zu ihrem Heil gewirkt zu haben . In