auf der untersten Stufe des Altars stand eine kleine Hauslaterne . Als er näher trat , sah er , daß Frauenhände hier eben noch beschäftigt gewesen sein mußten . Ein Handfeger lag da , daneben eine kurze Stehleiter , die beiden Seitenhölzer oben mit Tüchern umwunden . Das Licht der Laterne fiel auf zwei Grabsteine , die vor dem Altar in die Fliesen eingelegt waren ; der eine zur Linken enthielt nur Namen und Datum , der andere zur Rechten aber zeigte Bild und Spruch . Zwei Lindenbäume neigten ihre Wipfel einander zu , und darunter standen Verse , zehn oder zwölf Zeilen . Nur die Zeilen der zweiten Strophe waren noch deutlich erkennbar und lauteten : Sie sieht nun tausend Lichter ; Der Engel Angesichter Ihr treu zu Diensten stehn ; Sie schwingt die Siegesfahne Auf güldnem Himmelsplane Und kann auf Sternen gehn . Lewin las zwei- , dreimal , bis er die Strophe auswendig wußte ; die letzte Zeile namentlich hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht , von dem er sich keine Rechenschaft geben konnte . Dann sah er sich noch einmal in der seltsam erleuchteten Kirche um , deren Pfeiler und Chorstühle ihn schattenhaft umstanden , und kehrte , die Türe leise wieder anlehnend , erst auf den Kirchhof , dann , mit raschem Sprung über die Mauer , auf die Dorfstraße zurück . Der Krug hatte indessen ein verändertes Ansehen gewonnen . In der Gaststube war Licht ; Krist stand am Schenktisch im eifrigen Gespräch mit dem Krüger , während die Frau , aus der Küche kommend , ein Glas Kirschpunsch auf den Tisch stellte . Sie plauderten noch eine Weile auch über den alten Küster drüben , der , seitdem er Witmann geworden , seinen Heiligen Abend mit Orgelspiel zu feiern pflege ; dann , unter Händeschütteln und Wünschen für ein frohes Fest , wurde Abschied genommen , und an den stillen Dorfhütten vorbei ging es weiter in die Nacht hinein . Lewin sprach von den Krügersleuten ; Krist war ihres Lobes voll . Weniger wollt er vom Bohlsdorfer Amtmann wissen , am wenigsten vom Petershagener Müller , an dessen abgebrannter Bockmühle sie eben vorüberfuhren . Aus allem ging hervor , daß Krist , der allwöchentlich dieses Weges kam , den Klatsch der Bierbänke zwischen Berlin und Hohen-Vietz in treuem Gedächtnis trug . Er wußte alles und schwieg erst , als Lewin immer stiller zu werden begann . Nur kurze Ansprachen an die Ponies belebten noch den Weg . Die regelmäßige Wiederkehr dieser Anrufe , das monotone Schellengeläut , das alsbald wie von weit her zu klingen schien , legte sich mehr und mehr mit einschläfernder Gewalt um die Sinne unseres Helden . Allerhand Gestalten zogen an seinem halb geschlossenen Auge vorüber ; aber eine dieser Gestalten , die glänzendste , nahm er mit in seinen Traum . Er saß vor ihr auf einem niedrigen Tabouret ; sie lachte ihn an und schlug ihn leise mit dem Fächer , als er nach ihrer Hand haschte , um sie zu küssen . Hundert Lichter , die sich in schmalen Spiegeln spiegelten , brannten um sie her , und vor ihnen lag ein großer Teppich , auf dem Göttin Venus in ihrem Taubengespann durch die Lüfte zog . Dann war es plötzlich , als löschten alle diese Lichter aus ; nur zwei Stümpfchen brannten noch ; es war wie eine schattendurchhuschte Kirche , und an der Stelle , wo der Teppich gelegen hatte , lag ein Grabstein , auf dem die Worte standen : Sie schwingt die Siegesfahne Auf güldnem Himmelsplane Und kann auf Sternen gehn . Süß und schmerzlich , wie kurz vorher bei wachen Sinnen ihn diese Worte berührt hatten , berührten sie ihn jetzt im Traum . Er wachte auf . » Noch eine halbe Meile , junger Herr « , sagte Krist . » Dann sind wir in Dolgelin ? « » Nein , in Hohen-Vietz . « » Da hab ich fest geschlafen . « » Dritthalb Stunn . « Das erste , was Lewin wahrnahm , war die Sorglichkeit , mit der sich der alte Kutscher mittlerweile um ihn bemüht hatte . Der Futtersack war ihm unter die Füße geschoben , die beiden Pferdedecken lagen ausgebreitet über seinen Knien . Nicht lange , und der Hohen-Vietzer Kirchturm wurde sichtbar . An oberster Stelle eines Höhenzuges , der nach Osten hin die Landschaft schloß , stand die graue Masse , schattenhaft im funkelnden Nachthimmel . Dem Sohne des Hauses schlug das Herz immer höher , sooft er dieses Wahrzeichens seiner Heimat ansichtig wurde . Aber er hatte heute nicht lange Zeit , sich der Eigentümlichkeit des Bildes zu freuen . Die beschneiten Parkbäume traten zwischen ihn und die Kirche , und einige Minuten später schlugen die Hunde an , und zwischen zwei Torpfeilern hindurch beschrieb der Schlitten eine Kurve und hielt vor der portalartigen Glastüre , zu der zwei breite Sandsteinstufen hinaufführten . Lewin , der sich schon vorher erhoben hatte , sprang hinaus und schritt auf die Stufen zu . » Guten Abend , junger Herr « , empfing ihn ein alter Diener in Gamaschen und Frackrock , an dem nur die großen blanken Knöpfe verrieten , daß es eine Livree sein sollte . » Guten Abend , Jeetze ; wie geht es ? « Aber über diesen Gruß kam Lewin nicht hinaus , denn im selben Augenblick richtete sich ein prächtiger Neufundländer vor ihm auf und überfiel ihn , die Vorderpfoten auf seine Schultern legend , mit den allerstürmischsten Liebkosungen . » Hektor , laß gut sein , du bringst mich um . « Damit trat unser Held in die Halle seines väterlichen Hauses . Ein paar Scheite , die im Kamin verglühten , warfen ihr Licht auf die alten Bilder an der Wand gegenüber . Lewin sah sich um , nicht ohne einen Anflug freudigen Stolzes , auf der Scholle seiner Väter zu stehen . Dann leuchtete ihm der alte Diener die schwere doppelarmige Treppe hinauf , während