Verlegenheit bereiten würde . Helle Freudentränen , welche über die männlichen Wangen des Vaters und über die zarten Wangen der Mutter liefen , belohnten die Spenderin einer so ehrenhaften Anerkennung . Durch den Anblick der hervorgebrachten Wirkung berauscht , ließ sich die Rednerin zu einem uneingeschränkten Lobe der opferfreudigen Unterstützung , welche ihren pädagogischen Bestrebungen von seiten des edlen Elternpaares stets zuteil geworden sei , hinreißen . Die Erschütterung aller Gemüter wurde dadurch noch erhöht ; und als Fräulein Nannette mit den Worten schloß , es bleibe ihr nun nichts mehr zu tun übrig , als zu scheiden und die Erinnerung an all das genossene Gute mit sich zu nehmen , baten der Graf und die Gräfin , sie möge ihnen das Herz nicht zerreißen . O schöne Stunde ! unvergeßlicher Anblick ! Alle Anwesenden umschlangen Fräulein Nannette in einer Umarmung und küßten sie auf ihren Mausmund . Der Herr Graf aber begab sich stracks in sein Zimmer und ließ aus der Kanzlei Tinte und Papier holen . Er setzte unter dem Beistande seiner Gemahlin und des Gutsverwalters ein Diplom in die Welt , das ein Wunder war an Auffassung , Stil und pompöser Sprache . Es ließ sich kein einziger Schlußpunkt darin erblicken , die Sätze flossen ineinander und auseinander , ein Redestrom so breit , wie die Aufzählung der Tugenden , Verdienste , Vorzüge und Talente Fräulein Nannettens ihn erforderte . Und so gestaltete sich die Abreise der plötzlich allen teuer gewordenen Hausgenossin zu einem wahren Familienfeste . Die heiligsten Schwüre ewiger Liebe und Dankbarkeit wurden ausgetauscht , und Vater , Mutter und Töchter einerseits , Fräulein Nannette andrerseits brachten es im Taumel ihrer Gefühle so weit , nicht nur zu sagen , nein , auch zu glauben , die Zeit ihres Zusammenlebens sei eine schöne und glückliche gewesen . Die Erzieherin hatte beschlossen , ehe sie daran ging , sich einen neuen Wirkungskreis zu schaffen , einige alte Verwandte zu besuchen , die ihr im heimatlichen Städtchen noch lebten . Sie kehrte denn nach Weinberg zurück an der Spitze ihres großen Ruhmes , ihrer kleinen Pension und einiger Ersparnisse . Der Nimbus , den der jahrelang gepflogene Umgang mit vornehmen Leuten ihr verlieh , umstrahlte sie mit schier unheimlichem Glanze und imponierte besonders denen unter ihren Mitbürgern die sich für eingefleischte Demokraten hielten . Schon einige Tage nach Nannettens Ankunft - und etwa drei Vierteljahre nach Frau Heißensteins Tode - begegneten einander auf der Promenade der reichste Sohn und die gebildetste Tochter der Stadt . Sie drückte ihm ihre Teilnahme an seinem Verluste in Worten aus , die man so geschmackvoll gewählt noch nie vernommen hatte unter den Kastanienbäumen der städtischen Anlagen . Sie gedachte auch mit Wehmut der freundschaftlichen Beziehungen , in welchen sie in schönen Jugendtagen zu der edlen Verklärten gestanden . Ihr größtes Mitgefühl jedoch erregte die Sorge , die dem » alleinstehenden Witwer « aus dem Dasein einer Tochter erwuchs . » O Herr Heißenstein , welche Aufgabe für Sie , dieses Dasein ! Eine Aufgabe , deshalb so groß für einen Mann , weil sie eigentlich zu klein für ihn ist . Wie soll er dem erziehlichen Momente gerecht werden , das alles ist , Herr Heißenstein , alles ! « Sie legte auf dieses letzte Wort ein Gewicht , das zusammengeballt schien aus der Überzeugungskraft von tausend fanatischen Seelen , empfahl sich mit bescheidener Würde und enteilte mit so gleichmäßigen kleinen Schritten , daß es war , als rolle sie auf unsichtbaren Rädern über den Kies des Weges dahin . Herr Heißenstein blickte ihr eine geraume Weile nach und dachte : Das erziehliche Moment , ja ja - das erziehliche Moment ! Er wußte freilich nicht , was sie darunter gemeint hatte , aber die Worte prägten sich seinem Gedächtnis ein , und zugleich erwachte in ihm ein gewisser Respekt vor dem erstaunlichen Frauenzimmer , das solche Ausdrücke mir nichts , dir nichts gebrauchte , wie gewöhnliche Menschen Wasser oder Brot sagen . Er sah sie wieder , er besuchte sie ab und zu bei ihren alten Verwandten . Die Ehrfurcht , welche von diesen dem Fräulein gezollt wurde , und die demütige Liebenswürdigkeit , mit der die Verehrte ihn behandelte , taten seinem stolzen Herzen wohl . Er gewann die Überzeugung , daß er sich im Notfalle an Nannettens spitzes Gesicht würde gewöhnen können . Leicht wurde ihm der Entschluß , sich ein zweitesmal zu verheiraten , nicht , aber er faßte ihn doch , dem Hause , dem anzuhoffenden Erben zu Ehren , dessen Mutter zu werden die über alles Lob erhabene Dame Nannette ihm gerade gut genug schien . Feierlich trug er ihr denn eines Tages seine breite Rechte an , und sie legte ihr Pfötchen mit einer Eile hinein , die ihn fast bestürzt machte ob seines raschen Glückes . Sein Wort war kaum verpfändet , als er sich von der Ahnung ergriffen fühlte , er habe der Erhaltung seines Stammes ein schweres Opfer gebracht . Die nächste Zukunft rechtfertigte diese Befürchtung ; es war ein unseliger Ehebund , den Herr Leopold mit Frau Heißenstein II. schloß . Der Mann , starr , unbeugsam , von dem Glauben an sich selbst durchdrungen ; die Frau , von dem Teufel der Hofmeisterei besessen , hätte leichter auf das Atemholen als auf das Spenden guter Lehren verzichtet . Sie unterzog das Benehmen ihres Gatten , seine Art , zu gehen , zu grüßen , zu sprechen , zu essen , einer beständigen Kritik und suchte ihn in allen diesen Beziehungen durch ihre Ratschläge auf das gründlichste zu reformieren . Der erstaunte Herr Heißenstein ließ sich dies alles eine Zeitlang ruhig gefallen , er begriff nach und nach , was sie damals gemeint haben mochte , als sie von dem » erziehlichen Momente « sprach , das » alles « sei . Er schwieg lange , plötzlich jedoch fuhr er empor und war im Zorne so fürchterlich , daß Frau Nannette sich von dem Schrecken , den er ihr in