Schildjungfrau . Sechs Mann Militär werden mit scharfgeladenem Gewehre auf sie schießen , und sie wird mit einem Hiebe ihres Schwertes die sechs Kugeln in der Luft zerhauen . « Die Bewohner von X. waren hauptsächlich gekommen , um sich von der Wahrheit dieses Wunders überzeugen zu lassen . Die schöne , junge Frau hatte das allgemeine Interesse geweckt , und jeder mochte gern wissen , wie sie wohl aussehe , wenn sie die Feuerrohre auf sich gerichtet wüßte ... Es gelang übrigens auch dem Taschenspieler , die Aufmerksamkeit des Publikums für seine Kunstleistungen zu gewinnen . Er war , was die Frauen einen interessanten Mann zu nennen pflegen . Mittelgroß , von schlanker , biegsamer Gestalt , mit regelmäßigen , aber bleichen Zügen , braunen Locken und ausdrucksvollen Augen , zeigte er sehr elegante Manieren , und sein eigentümlich klingendes Deutsch , das ihn als den Sohn jenes unglücklichen , auseinander gerissenen Volkes kennzeichnete , machte ihn noch anziehender ... Das alles war aber sofort vergessen , als die annoncierten sechs Soldaten unter Kommando eines Unteroffiziers aufmarschierten . Ein Geräusch entstand im Publikum , wie das Tosen einer Brandung - dann folgte plötzlich bängliche Stille . Der Pole trat an einen Tisch und machte die Patronen angesichts des Publikums . Mit einem Hammer klopfte er auf jede einzelne Kugel , um die atemlosen Zuschauer durch den Klang zu überzeugen , daß es wirkliche , zweilötige Gewehrkugeln seien . Dann gab er jedem der Soldaten eine Patrone und ließ vor den Augen des Publikums laden ... Der Taschenspieler klingelte . Gleich darauf trat die Frau hinter einem breiten Schirme hervor . Sie schritt langsam seitwärts und stellte sich den Soldaten gegenüber . Es war eine wundervolle Erscheinung , den linken Arm deckte der Schild und in der Rechten hielt sie das Schwert . Ein weißes Gewand floß in reichen Falten auf die Füße nieder ; um die Hüften legten sich silberglänzende Schuppen , und ein strahlender Harnisch deckte die herrliche Büste ... Was war aber all dieser Glanz gegen den matten Goldschimmer der Haarwellen , die unter dem Helme hervorquollen und fast bis auf den Saum des Gewandes herabfielen ! Das bleiche , schwermütige Gesicht richtete den traurigen Blick auf die Mündungen der todbringenden Waffen , die hinüber starrten . Keine Wimper zuckte . Nicht die leiseste Bewegung war an dem leicht wallenden Gewande zu bemerken - sie stand dort wie ein Steinbild ... Das letzte Kommando schallte durch den totenstillen Saal ; die sechs Schüsse krachten wie aus einem Rohre - sausend durchschnitt das Schwert die Luft , und zwölf halbe Kugeln rasselten auf den Boden . Einen Augenblick noch sah man die hohe Gestalt der Schildjungfrau unbeweglich stehen - der Pulverdampf verwischte ihre Züge , und nur matt schimmerte die Rüstung durch die Wolke ... dann schwankte sie plötzlich , Schild und Schwert sanken klirrend zu Boden , mit der Rechten griff sie , wie nach einem Halt suchend , krampfhaft zuckend in die Luft und taumelte mit dem herzzerreißenden Schrei : » O Gott , ich bin getroffen ! « in die Arme ihres herbeieilenden Mannes ... Er trug sie hinter den Schirm und stürzte gleich darauf wie ein Rasender auf die Soldaten zu . Sie hatten sämtlich die Weisung erhalten , beim Laden der Gewehre die Kugeln abzubeißen und im Munde zu behalten , das war das ganze Wunder . Einer derselben jedoch , ein ungelenkes Bauernkind , hatte , völlig verwirrt durch den Anblick der versammelten Menschenmenge , in jenem verhängnisvollen Momente den Kopf verloren - als die fünf anderen auf den leidenschaftlich herausgestoßenen Befehl des Taschenspielers die Kugeln sofort aus dem Munde holten , da brachte er zu seinem eigenen Entsetzen ein wenig Pulver zum Vorschein - seine Kugel hatte die unglückliche Frau durchbohrt . Die Züge des Polen verzerrten sich bei diesem Ergebnis in Schmerz und Verzweiflung , und er schlug , ganz außer sich , den unfreiwilligen Verbrecher ins Gesicht . Augenblicklich entstand eine unglaubliche Verwirrung im Saale . Mehrere Damen wurden ohnmächtig , und zahllose Stimmen schrieen nach einem Arzte . Doktor Böhm aber , der den Vorfall schneller begriffen hatte , als alle anderen , war schon längst hinter dem Schirme bei der Verwundeten . Als er endlich mit erblaßtem Gesichte wieder hervortrat , sagte er leise zu Hellwig : » Muß ohne Gnade sterben , das arme , prächtige Weib ! « Eine Stunde später lag die Frau des Taschenspielers auf einem Bette im Gasthofe » zum Löwen « . Man hatte sie auf einem Sofa aus dem Saale getragen ; Heinrich war einer der Träger gewesen . » Na , Herr Hellwig , habe ich recht oder unrecht mit dem Unglücksvieh , dem Rappen ? « hatte er seinen Herrn im Vorübergehen gefragt , und dabei waren ihm dicke Thränen über die Backen gelaufen . Die Frau lag still , mit geschlossenen Augen da . Ihre entfesselten Haare fielen in einzelnen Strähnen über die weißen Kissen und den Bettrand hinab , und die goldigen Spitzen ringelten sich auf dem dunklen Fußteppich ... Vor dem Bette kniete der Taschenspieler ; die Hand der Verwundeten ruhte auf seinem Kopfe , den er tief eingewühlt hatte in die Bettdecke . » Schläft Fee ? « flüsterte die Frau fast unhörbar , während sie mühsam die Lider öffnete . Der Taschenspieler hob den Kopf und nahm die bleiche Hand zwischen die seinigen . » Ja , « murmelte er mit schmerzverzogenen Lippen . » Die Tochter des Hauses hat sie mitgenommen in ihr Schlafzimmer ; sie liegt dort in einem weißen Bettchen - unser Kind ist gut aufgehoben , Meta , mein süßes Leben ! « Die Frau blickte mit einem unaussprechlichen Ausdrucke innerer Leiden auf ihren Mann , dem die Verzweiflung aus den Augen glühte . » Jasko - ich sterbe ! « seufzte sie . Der Taschenspieler sank auf den Teppich zurück und wand sich wie in den heftigsten körperlichen Schmerzen . » Meta , Meta , gehe nicht von