umgeben wird . Wohl wissend , daß über jenen alten Hallen stets Glück und Segen geschwebt hat und diese unleugbare Thatsache genau erwägend , halte ich es demnach für völlig überflüssig , diesem meinem Geschenke noch etwas beizufügen ... Sollte jedoch Anna Maria Ferber den Wert meiner Gabe nicht einsehend , dieselbe verkaufen oder auf irgend welche Art veräußern wollen , so erlischt sofort ihr Anspruch an das Erbe , und das Waisenhaus in L. tritt an ihre Stelle . « Herr Wolf von Gnadewitz hatte sich sonach mit Hinterlassung einer beißenden Satire auf sein schwarzbehangenes Paradebett gelegt . Ferber und seine Frau hatten zwar nie das alte Schloß gesehen , allein es war weltbekannt als ein zusammensinkender Trümmerhaufen , den seit wenigstens fünfzig Jahren keine ausbessernde Hand berührt hatte , und der bei der Einrichtung des neuen Schlosses im Thale sämtlicher Hausgeräte , Wandbekleidung , ja sogar des Kupferdaches auf dem Hauptgebäude beraubt worden war . Seitdem lagen die schweren Riegel und Vorlegeschlösser eingestäubt und eingerostet vor dem mächtigen eichenen Hauptthore . Die ungeheuren Waldbäume , die sich dicht um den grauen Bau scharten , woben ungestört ihre breiten Aeste in das üppige Gestrüpp zu ihren Füßen , und bald lag das verlassene Schloß hinter der grünen , undurchdringlichen Wand , wie eine eingesargte Mumie . Der glückliche Universalerbe , dem der fremde Besitz inmitten seines Waldes sehr lästig war , hätte gern für eine ansehnliche Summe das alte Haus zurückgekauft , allein die vorsichtig ausgedachte Klausel am Schlusse des Vermächtnisses schnitt jede Unterhandlung ohne weiteres ab . Frau Ferber legte die ihr zugesandte Abschrift des Testamentes , auf die einige Thränen fielen , stillschweigend auf den Schreibtisch ihres Mannes und nahm dann mit doppeltem , beinahe fieberhaftem Eifer ihre Arbeit , eine Stickerei , wieder auf . Ferber hatte trotz aller Bemühungen keine Anstellung wieder erhalten und sah sich nun genötigt , durch schlecht bezahlte Uebersetzungen , und wenn es an diesen mangelte , mittels Akten- und Notenschreibens sein und seiner Familie Leben zu fristen , wobei ihn seine Frau durch den Erlös für Handarbeiten nach Kräften unterstützte . So trübe nun auch Ferbers Lebenshimmel umzogen war , ein Stern tauchte allmählich auf unter den Wolkenmassen und schien die fehlenden äußeren Gnadenbezeigungen des wetterwendischen Glückes ersetzen zu wollen . Eine Ahnung von diesem milden Strahle , welcher dereinst in ein dunkles Leben fallen sollte , überkam Ferber schon , als er zum erstenmal an der Wiege seines erstgeborenen Töchterchens stand und in die prächtigen Augen sah , die aus dem feinen Kinderköpfchen ihn anlachten . Sämtliche Freundinnen der Frau Ferber waren einstimmig der Ansicht , der kleine Ankömmling sei ein reizendes Wesen , ein eigentümlich bevorzugtes Kind , ja es sähe so ganz und gar nicht aus , wie das gewöhnliche Menschenkind , wenn es krebsrot zum erstenmal die Welt anschreie , daß - hier brachen sie stets ab , und es steht zu vermuten , daß nur das märchenfeindliche neunzehnte Jahrhundert und die sarkastischen Mienen ihrer Ehemänner die stille , aber untrügliche Ahnung hinter ihre Lippen verschloß , es habe hier die geheimnisvolle Macht irgend einer gütigen Fee obgewaltet . Sie hielten in corpore das kleine Weltwunder über die Taufe , stritten sich dabei , welche wohl die meiste Zärtlichkeit für das Patchen hege , und schwuren , dieser Tag werde ihnen unvergeßlich bleiben - ohne Zweifel eine zu hohe und voreilige Anforderung an ihr Erinnerungsvermögen , denn als Ferbers in mißliche Verhältnisse gerieten , da wischte der Egoismus mit hartem Finger über die Denkschrift , und siehe da , es blieb keine Spur zurück , daß sie je gewesen . Diese alte Erfahrung , welche die kleine Elisabeth schon in ihrem neunten Lebensjahre machen mußte , beunruhigte sie übrigens sehr wenig . Die vermeintliche Fee hatte ihr zu den anderen reichen Gaben auch einen unzerstörbaren Frohsinn und sehr viel Willenskraft in die Wiege gelegt ; deshalb nahm sie fortan das dürftige Vesperbrot ebenso dankbar und fröhlich aus der mütterlichen Hand , wie ehemals die unerschöpflichen Leckerbissen der zärtlichen Paten , und als am Weihnachtsabend ein lichterarmer Baum nur einige Aepfel und vergoldete Nüsse bot , da schien ihr gar nicht einzufallen , daß sich früher stets eine ehrenwerte , stattliche Gesellschaft aller möglichen guten und wünschenswerten Dinge auf seinen Zweigen eingefunden hatte . Ferber unterrichtete seine Tochter selbst . Nie hatte sie eine Schule oder ein Institut besucht , ein Mangel , den man leider heutzutage in vielen Fällen einen Vorzug nennen möchte , wenn man bedenkt , daß manche junge Mädchen bei weitem erfahrener die Schule verlassen , als der sorgsamen Mutter lieb sein dürfte , die daheim die Reinheit der jungen Seele streng behütet und nicht ahnt , daß sie durch die täglich sich mehrenden räudigen Schafe im Schulzimmer Eindrücke empfängt , deren nachteilige Folgen sich in allen Phasen des späteren Lebens geltend machen . Elisabeths bildsamer Geist entfaltete sich herrlich unter der Leitung der selbst so reich begabten Eltern . Sie trieb die ihr auferlegten Studien mit tiefem Ernste und dem rastlosen Drange , alles , was sie in sich aufnahm , gründlich zu wissen , damit es ein unveräußerliches , lückenloses Eigentum ihrer Seele bleibe ; das war ihr strenge Gewissenssache und gehörte in das Reich der Pflichten . Der Musik aber gab sie sich mit einer Inbrunst hin , mit welcher der menschliche Geist das umfaßt , was er als seine spezielle Sendung auf der Welt erkennt . Bald hatte sie ihre Mutter , die ihre Lehrerin war , weit überflügelt , und wie sie als kleines Kind ihr Spielwinkelchen verließ , wenn sie Wolken auf des Vaters Stirn bemerkte , sich auf seinen Schoß setzte und ihm selbsterfundene goldglänzende Märchen erzählte , so beschwichtigte sie später mit wundervollen Melodieen , die wie klare Perlen in ihrer Seele aufstiegen , und die vorher noch nie ein menschliches Ohr berührt hatten , den Dämon finsteren Grames , der oft Ferbers Gemüt umnachtete . Aber nicht allein dieser Segen erwuchs aus dem seltenen