. « Mit vielen Hm ' s und Ha ' s hatte der Polizeirat dieser Erzählung gehorcht . Mit seltsamem Ausdruck leuchteten die Augen des alten Schreibers über die Haufen von Akten und Registern auf seinem Pulte . Der Hauptmann Faber strich den vollen Bart und murmelte : » ' s ist wenigstens der Bericht eines klaren Kopfes . Armer Teufel ! « Er nickte dem Inkulpaten ermunternd zu , und der Schreiber räusperte sich ebenfalls zur Ermunterung Robert Wolfs . Es trat in dem Büro dreizehn eine Stille von einigen Augenblicken ein , in welchen man deutlich das Picken der großen Uhr draußen in der Halle vernahm . Schon manche unbekannte Tragödie und Komödie war über den schmutziggrauen Fußboden des Büros Nummer dreizehn weggeschritten ; eine rührendere Elegie hatte aber die langnäsige Büste eines verdienstvollen früheren Polizeipräsidenten , welche zwischen den beiden Fenstern von einer Konsole herabblickte , selten vernommen . Der Mann schien sich jedoch durchaus nichts daraus zu machen . Er behielt jedenfalls die Nase oben . Dagegen hatte eine andere Büste auf einer andern Konsole einen recht wehmütigen Ausdruck : sei es , daß der Künstler ihr denselben gab , sei es , daß die dämmerige Beleuchtung schuld daran war . Seine Majestät der König schien es auch in Gips in Nummer dreizehn im Zentralpolizeihause sehr ungemütlich zu finden . Seiner Stellung gemäß unterbrach der Rat Tröster zuerst wieder das Schweigen und fragte , das glattrasierte Kinn streichelnd : » Also der Pastor Tanne zu Poppenhagen hat Euch erzogen ? Was habt Ihr gelernt , Wolf ? Was seid Ihr eigentlich ? « Robert Wolf zuckte die Achseln und sagte : » Als mein Pflegevater starb , mußte ich zurück in den Wald zu meinem eigentlichen Vater ; denn damals war mein Bruder schon in die weite Welt gegangen , und mein Vater war immer krüppelhafter geworden ; er hatte die Gicht in den Knochen vom Liegen im Walde und hatte meine Hülfe nötig . Ich kann schießen , die Geige spielen , ein wenig lateinische Grammatik . Ich gewöhnte mich recht gut wieder an den Wald ; es kann einem schon drin gefallen , Winter und Sommer , und es gefiel mir die letzten zwei Jahre durch ; wäre auch gern Forstwart geworden , wenn - - wenn nicht - « » Nun , heraus damit ! Wenn nicht ? « Robert Wolf wandte sich ab , biß die Zähne aufeinander und antwortete nicht . » Ich frage , weshalb Ihr nicht in Eurer Stellung geblieben seid . Ich erwarte Antwort , junger Mann ! « sagte der Polizeirat , soviel amtsmäßige Rauhigkeit als möglich in Ton und Gestus legend . Der Hauptmann auf der Armensünderbank stand auf , klopfte den Knaben aus dem Walde auf die Schulter und sagte : » Sperren Sie sich nicht , Robert ; geben Sie dem Herrn offen Nachricht von Ihrem Leben . Es sind Freunde hier . « Der Schreiber Friedrich Fiebiger aus Poppenhagen nickte über sein Pult weg höchst energisch . Es war gleich einem elektrischen Schlag durch diese Schreiberseele gegangen , als vor einigen Tagen die Namen Poppenhagen , Eulenbruch , Winzelwald zum erstenmal auf dem Zentralpolizeihause genannt wurden , in dem Vorgehen gegen Robert Wolf wegen Hausfriedensbruch . Hätte der Rat Tröster sich plötzlich auf den Kopf gestellt und seinen Untergebenen aufgefordert , dasselbe zu tun , so würde das nicht solchen überwältigenden Eindruck auf das Gemüt des letztern gemacht haben . Wäre auf dem langen unheimlichen Korridor plötzlich der Klang eines Waldhorns erschollen , so hätte dem alten Dintenmenschen das Herz sich nicht mehr darob geregt . Mit diesen Namen drang Sonnenschein . Waldluft , Lust der Jugend und des Lebens in das Büro Nummer dreizehn . Durch die Papiere rauschte es wie durch die Zweige der Buchen und Tannen , der Aktenstaub verwandelte sich in das Gestäube des Waldbachs , wie er nahe dem Dorf Poppenhagen über die moosigen Steine stürzt und eine Mühle treibt , welche der kleine Fritz Fiebiger gebaut hat . Besagte Mühle wurde aber noch im achtzehnten Jahrhundert errichtet ; ' s ist lange her , und der Polizeischreiber muß sich zusammenraffen , um keine Böcke zu schießen in dem Protokoll , welches ihm über den bleichen wildblickenden Jungen . Robert Wolf aus dem Winzelwalde , in die Feder diktiert wird . Die Feder kritzelt über das Papier , aber vor den Augen des Schreibers flimmert ' s ; seine Schriftzüge sind bei weitem nicht so fest und sicher wie sonst ; - sein Vorgesetzter fragt ihn , was ihm sei , ob er Kopfweh habe . Friedrich Fiebiger schüttelt nur den grauen Kopf und murmelt etwas Unverständliches . Robert Wolf wendete nun die zornigen , tränenvollen Augen dem Polizeirat zu ; aber noch immer vermochte er nicht , ein Wort hervorzubringen . Man sah , wie es in ihm stürmte und wie er sich zwingen mußte , daß kein leidenschaftlicher Ausbruch erfolge . Noch einen forschenden Blick warf der Rat auf den Inkulpaten ; dann wandte er sich gegen den Schreiber . » Fiebiger , nehmen Sie doch einmal das Register D zur Hand und geben Sie uns die Notizen über den Namen Dornbluth - Eva Dornbluth , Fräulein Eva Dornbluth . Wir müssen den Knaben überzeugen , daß die Sicherheitsbehörde offene Augen und scharfe Ohren hat . Lesen Sie , Fiebiger ! « Der Schreiber schlug einen umfangreichen Folianten auf , blätterte einige Augenblicke darin und las dann mit einer Stimme , die von Natur recht scharf und schneidend war , in diesem Moment aber etwas gemildert klang : » Eva Sophie Dornbluth . Tochter des weiland Kantors und Opfermanns Otto Friedrich Karl Dornbluth zu Poppenhagen . Alter zwanzig Jahre . Ankunft in hiesiger Stadt am vierzehnten Mai 184- . Rubrikatin hielt sich anfangs im Hause der Frau Baronin Viktorine von Poppen , Kronenstraße Nummer fünfzig , auf , trat dann durch Verwendung des Barons Leon von Poppen am hiesigen Königlichen Theater ein und wohnt jetzt Lilienstraße