. In dem Bette unter der goldenen Uhr lag ein Knabe von vielleicht vierzehn Jahren , mit blondem , schlichtem Haar und einem schmalen , feinen Gesicht , das in diesem Augenblick durch den halb geöffneten Mund etwas Albernes hatte ; in dem Bette unter der silbernen Uhr ein Knabe , der wohl nur ein Jahr älter sein mochte , als der erste , aber mindestens um drei Jahre älter aussah und überhaupt mit jenem den sonderbarsten Contrast bildete . Während die Arme Jenes schlaff auf der Decke lagen , hatte Dieser die seinen über der Brust verschränkt . Der fest geschlossene Mund , und die in diesem Augenblick , wo ihn ein Traumbild herausfordern mochte , leise zusammengezogenen dunklen Brauen , gaben dem blassen Gesicht mit den unregelmäßigen , aber nicht unschönen Zügen einen Ausdruck von finsterem Trotz und Stolz , der einem gefangenen Königssohn wohl angestanden haben würde . Armer Knabe , sagte Oswald bei sich , als er mit unendlichem Interesse in das räthselhafte junge Antlitz sah , Dir hat der Lenz des Lebens auch schon Thränen gebracht , wenn Du überhaupt von einem Lenze sprechen kannst . Er fühlte sich seltsam ergriffen , er wußte selbst kaum weßhalb ; aber er beugte sich über den Schlummernden und küßte ihn auf die Stirn . Da regte sich der Knabe im Schlaf , die Arme lösten sich , er schlug die großen , tiefblauen Augen auf und sah durch die Nebel des Traumes zu Oswald empor . Und da zuckte es wie ein sonniger Strahl über sein Gesicht ; alles Düstre war verschwunden und ein warmes , hinreißend freundliches Lächeln spielte in den lebensvollen Zügen . Ich habe Dich lieb , sagte der Knabe . Und ich Dich , antwortete Oswald . Da wandte sich Bruno auf die Seite und Oswald hörte an den tiefen , regelmäßigen Athemzügen , daß er wieder fest entschlafen sei . Hat er Dich wirklich gesehen , oder bist Du ihm nur als Traumbild erschienen ? fragte sich der junge Mann , als er , voll von dem Eindruck dieser kleinen Scene , in sein Zimmer zurückschritt . Er stellte das Licht wieder auf den Tisch , trat an ' s Fenster , öffnete es und lehnte sich hinaus . Der Himmel hatte sich mit Wolkendunst bedeckt , durch den der volle Mond , der schon tief am Himmel stand , nur als dunkelrothe Feuerkugel schien . Im Osten wetterleuchtete es . Die Luft war schwül und drückend . In dem Schloßgarten tief unter dem Fenster schimmerten die weißen Blüthenbäume . Tiefer finsterer Schatten lag auf den Buchen und Eichen , die von dem hohen Wall , der den Garten umgab , riesig in den Himmel wuchsen . Nachtigallen schlugen in vollen langgezogenen Tönen ; ein Brunnen plätscherte leise , wie im Schlaf . Oswald fühlte sich seltsam bewegt . Seine Vergangenheit ging in dämmernden Bildern an seinem Geiste vorüber , wie die Wolkenschleier an dem Monde vorüberwallten ; Ahnungen der Zukunft zuckten dazwischen , wie das Wetterleuchten gegen Aufgang . Da rauschte es lauter in den Bäumen , die helle Glocke , die ihn bei seiner Ankunft begrüßt hatte , schlug langsam zwölf . Er fuhr empor . Du wolltest dir ja das Träumen abgewöhnen , sprach er lächelnd zu sich selbst . So schlafe denn , da du , ohne zu träumen , nicht mehr wachen kannst . Zweites Capitel Oswald war jetzt eine Woche auf Schloß Grenwitz , und die Woche war ihm vergangen wie ein Tag . Es lag in seiner Natur , alles Neue mit Leidenschaft zu ergreifen , selbst das Alltägliche , so lange es neu war , und hier hatte er Neues vollauf : eine neue Situation , neue Umgebung , neue Menschen . Das Alles versetzte ihn , wie es bei sanguinischen Temperamenten zu geschehen pflegt , auf eine Zeit lang in die heiterste Stimmung , in welcher es ihm ein Leichtes war , Dinge und Menschen , und Alles und Jedes , womit er in Berührung kam , selbst die Baronin mit ihren strengen , kalten Zügen , selbst den schweigsamen Kutscher , gegen den er gleich am ersten Abend einen Haß gefaßt hatte , selbst den kriechenden , zuthulichen Bedienten mit seinem ewigen : Befehlen der Herr Doctor - ganz liebenswürdig , zum mindesten interessant zu finden . Von dieser heiteren , versönlichen Stimmung gaben auch die Briefe Zeugniß , die er um diese Zeit an seine Freunde schrieb : Da wäre ich denn nun , heißt es in dem einen , auf dieser neuen Station meines wunderlichen Lebens angelangt , und wahrlich , ich glaube es hier , bis Schwager Kronos die Pferde gewechselt hat und wieder in sein ewiges Horn stößt , trotz meiner so oft von Ihnen gescholtenen Ungeduld , wohl aushalten zu können . Ja , wenn ich nicht fürchten müßte , durch voreiligen Enthusiasmus ihren Spott herauszufordern , so hätte ich nicht übel Lust , dem guten Stern , der mich hierher geführt , ein Danklied zu singen . Ich bin durchaus in der dazu nöthigen Stimmung . Ich habe in diesen Tagen schon so viel Wald-und Seeluft geathmet , daß mein armes , vom Staube nichtsnutziger Folianten betäubtes Gehirn schier trunken ist . Wahrlich , wenn die Menschen dieses paradiesischen Aufenthaltes nicht ganz unwürdig sind , so öffnet sich mir für die nächsten Jahre eine schöne Zukunft . Verzeihen Sie mir , mein Freund , daß ich zu dem großen Schritte , der mich hierher geführt , nicht Ihre specielle Erlaubniß eingeholt habe , wie Sie nach dem blinden Gehorsam , mit dem ich Ihrer höheren Einsicht bis jetzt immer gefolgt bin , wohl erwarten konnten . Ich war einmal entschlossen , ihn zu thun . Sie , das wußte ich , würden mir Ihre Einwilligung versagen ; so wollte ich denn Ihren geharnischten Gründen ein eben so geharnischtes fait accompli entgegenstellen , und Ihrem guten Rath das uralte Vorrecht , zu spät zu kommen , nicht