noch Bären und Wölfe gab , wurden der Langen-Nauenheimer Jugend von ihr im hintersten Indien gezeigt , womit freilich im Widerspruch stand , daß der Revierförster der zwei Dörfer weiter wohnenden Herrschaft dann und wann noch einen von » da drüben herüber « , dem Rhöngebirge , kommenden Wolf gegen Weihnachten geschossen hatte . Gottlieb Schwarz war schon lange in der Stimmung , zu allem , was ihm das Leben bescherte , nur zu lächeln . Die wilden Verzweiflungen , wo der Mensch sich in die Haare fährt und » Gott ! Gott ! Gott ! ist ' s denn möglich ! « oder dergleichen dumme Redensarten ausstößt , hatte er hinter sich . Er lächelte zu dem Abschied seiner Lucinde . Mußten die Kinder einmal » versorgt « werden , so fängt man ja von oben mit der » Latte « an . Die Nächste nach der » Latte « , ein Kind , das schon mit irdischerm Namen nach der Frau jenes Revierförsters Luise hieß , verstand sich zwar nicht so gut auf Geographie wie Lucinde , aber sie rechnete besser und ihre Eierkuchen brannten nicht an ; Hannchen vollends , die Dritte - wieder nichts Mythologisches - war erst zehn Jahre alt , hatte aber mehr Sinn für die Wirthschaft als die beiden Aeltesten zusammengenommen ; sie ließ sich nie die Mühe verdrießen , nach den geheimen Orten zu suchen , wohin die Hühner ihre Eier legten , sie pflanzte gern und hielt ihre kleinern Geschwister zum Kleiderschonen und Nasenputzen an . Endlich bestand der Rest der Nachkommenschaft des früh gealterten Männleins aus Knaben , und von denen konnten sich erst zwei die Hosen zuknöpfen . Das Rathsame , warum erst Lucinde weggegeben werden mußte , lag besonders darin , daß sie sehr hübsch und etwas hoch hinaus war . Sie hatte kostspielige Liebhabereien . Schwarz von Namen und von Haar und Augen , pflegte sie sich gerade gern mit irgendeinem zinnober- oder purpurrothen Stück Zeug zu putzen , mit Bändern und Lappen , und hätten diese ringsum die Pachterstöchter oder die Frau Pfarrerin selbst schon nahe am Wegwerfen gehabt ; die flocht sie in das dunkle , schwere und etwas rauhe , ja roßmatratzenmäßige , weil ungepflegte Haar . Sie hatte ferner die Liebhaberei , unendlich träge , gerade herausgesagt faul zu sein , sich den Sonnenschein so in den offenen kleinen , rothlippigen Mund scheinen zu lassen , daß dabei die weißen Zähne wie Perlen blitzten . Sie hatte die Liebhaberei , sich in einer Luke des verwitterten Hausdaches einen Taubenschlag zu halten . Kurz , der Vater ließ die Lucinde ziehen , und sie ging gern : ihre Leidenschaft war die Geographie und ihre Träume spielten » jenseit der Berge « . Das halbe Dorf umsteht den Wagen , mit dem Lucinde in die Residenz fährt . Man sieht , was ihr auf ihre Lebensbahn mitgegeben wird ... Zwar nicht die vier Hemden , die sechs Taschentücher , das Dutzend Strümpfe , ihr Sonntagskleid , die ein zugeknöpftes Bündel machen ; aber den selbstgefertigten Seidenhut , für dessen Form ein urweltliches Modell von der Frau Pfarrerin , für dessen Besatz Bänder und Lappen von allen Honoratioren , die hier im Bereich der vier Bäche wohnten , entlehnt worden waren . Ihre Toilettegeräthschaften waren in einem wunderlichen Korbe beherbergt , dessen Erscheinen ein allgemeines Gelächter hervorruft . Es ist ein drahtgeflochtener Bienenhelm , in dem Gottlieb Schwarz , ehe er sich verheirathet hatte , in seinem damals erfreulichern Gartenwesen noch nach dem Leben und Weben in seinen Bienenkörben geschaut und Verwirklichung seminaristischer Ideale getrieben hatte . Manche von den Aeltern , die herumstehen , wissen noch , daß das » Klima « bald äußerlich bald innerlich für Bienenzucht hier zu Lande zu rauh wurde . Dann hatte Lucinde oft diesen Helm benutzt , um der Schuljugend poetische Schauer und Schrecken einzujagen . Als praktische Erläuterung ihres Geschichtsunterrichts über das Mittelalter rannte sie mit vermummtem Kopfe den Kindern nach und veranlaßte Turnierschauspiele , bei welchen mancher Ente der Fuß verrenkt wurde . In diesen dorfbekannten Helm hat Lucinde alle ihre Geheimnisse verpackt , auch ihre Näh- , Strick- und Stickapparate , die ihr leider in jeder Beziehung zu sehr Geheimnisse geblieben waren . Dann kommt ein Sack mit gedörrten Zwetschen von jener Langen-Nauenheimer Art , die erst sechs Stunden im Wasser quellen muß , bis sie ans Feuer kommen darf , und auch dann noch wie ein Gericht Kieselsteine schmeckt ; ferner ein Kober voll Eier , die sehr behutsam im Innern des Wagens untergebracht werden , und zuletzt auf die Höhe des Gefährts , über dem Verdeck , ein großer Waschkorb , den Lucinde sehr feierlich zurückzuschicken versprechen muß . In ihm gurrt , gluckst und gurgelt es durcheinander . Es ist ihr Taubenschlag . Ohne ihre Tauben mochte Lucinde nicht mit in die Stadt , und die vornehme Dame hatte gerade für diese die bequemste und passendste Unterkunft versprochen . Die Abreise Lucindens war gewiß etwas Merkwürdiges und Seltsames . Sie erregte Staunen genug , jedoch nur Staunen . Keine Thräne floß , beim Vater nicht , bei den ältern Geschwistern nicht ; die jüngsten weinten nur , weil sie nicht » mitgenommen « wurden . Die Hauptsorge des Vaters war das baldige Zurückschicken des Waschkorbes ; er schlug den Nacht-Eilwagen , die Fahrpost , die Briefpost , die Diligence und mehrere landeskundige Hauderer als auszuwählende beste Retourgelegenheit vor . Die Tauben gab er leichter hin ; die kosteten ihm ein » Schreckliches « an Erbsen und dem ganzen Hause an Zeit . » Wer sich Tauben hält , ist immer ein verdorbener Millionär « , war einer von den Sätzen , wie er dergleichen vor dreißig Jahren in sein Tagebuch zu schreiben pflegte . Die Kutsche fährt ab ; die Leute sehen ihr nach wie der Thurn und Taxis ' schen Post . Das Fremde kommt , das Fremde geht ... Gottlieb Schwarz steht vielleicht am längsten . Dann nimmt aber auch er