ehrwürdigen Bücherei des heiligen Gallus und fuhr in schaukelndem Kahn über den Bodensee und nistete mich bei der alten Linde am Abhang des Hohentwiel ein , wo jetzt ein trefflicher schwäbischer Schultheiß die Trümmer der alten Feste behütetA2 , und stieg schließlich auch zu den luftigen Alpenhöhen des Säntis , wo das Wildkirchlein keck wie ein Adlerhorst herunterschaut auf die grünen Appenzeller Täler . Dort in den Revieren des Schwäbischen Meeres , die Seele erfüllt von dem Walten erloschener Geschlechter , das Herz erquickt von warmem Sonnenschein und würziger Bergluft , hab ' ich diese Erzählung entworfen und zum größten Teil niedergeschrieben . Daß nicht viel darin gesagt ist , was sich nicht auf gewissenhafte kulturgeschichtliche Studien stützt , darf wohl behauptet werden , wenn auch Personen und Jahrzahlen , vielleicht Jahrzehnte mitunter ein weniges ineinander verschoben wurden . Der Dichter darf sich , der inneren Ökonomie seines Werkes zulieb ' , manches erlauben , was dem strengen Historiker als Sünde anzurechnen wäre . Sagt doch selbst der unübertroffene Geschichtschreiber Macaulay : Gern will ich den Vorwurf tragen , die würdige Höhe der Geschichte nicht eingehalten zu haben , wenn es mir nur gelingt , den Engländern des neunzehnten Jahrhunderts ein treues Gemälde des Lebens ihrer Vorfahren vorzuführen . Dem Wunsche sachverständiger Freunde entsprechend , sind in Anmerkungen einige Zeugnisse und Nachweise der Quellen angeführt , zur Beruhigung derer , die sonst nur Fabel und müßige Erfindung in dem Dargestellten zu wittern geneigt sein könnten . Wer aber auch ohne solche Nachweise Vertrauen auf eine gewisse Echtheit des Inhalts setzt , der wird ersucht , sich in die Noten nicht weiter zu vertiefen , sie sind Nebensache und wären überflüssig , wenn das Ganze nicht als Roman in die Welt ginge , der die Vermutung leichtsinnigen Spiels mit den Tatsachen wider sich zu haben pflegt . Den Vorwürfen der Kritik wird mit Gemütsruhe entgegengesehen . » Eine Geschichte aus dem zehnten Jahrhundert ? « werden sie rufen , » wer reitet so spät durch Nacht und Wind ? « Und steht ' s nicht im neuesten Handbuch der Nationalliteratur im Kapitel vom vaterländischen RomanA3 gedruckt zu lesen : » Fragen wir , welche Zeiten vorzugsweise geeignet sein dürften in der deutschen Geschichte das Lokale mit dem Nationalinteresse zu versöhnen , so werden wir wohl zunächst das eigentliche Mittelalter ausschließen müssen . Selbst die Hohenstaufenzeit läßt sich nur noch lyrisch anwenden , ihre Zeichnung fällt immer düsseldorfisch aus . « Auf all die Einwände und Bedenken derer , die ein scharfes Benagen harmlosem Genießen vorziehen , und den deutschen Geist mit vollen Segeln in ein alexandrinisches oder byzantinisches Zeitalter hineinzurudern sich abmühen , hat bereits eine literarische Dame des zehnten Jahrhunderts , die ehrwürdige Nonne Hroswitha von Gandersheim , im fröhlichen Selbstgefühl eigenen Schaffens die richtige Antwort gegeben . Sie sagt in der Vorrede zu ihren anmutigen Komödien : » Si enim alicui placet mea devotio , gaudebo . Si autem pro mei abiectione vel pro viciosi sermonis rusticitate nulli placet : memet ipsam tamen iuvat quod feci « . Zu deutsch : » Wofern nun jemand an meiner bescheidenen Arbeit Wohlgefallen findet , so wird mir dies sehr angenehm sein ; sollte sie aber wegen der Verleugnung meiner selbst oder der Rauheit eines unvollkommenen Stils niemanden gefallen , so hab ' ich doch selber meine Freude an dem , was ich geschaffen ! « Heidelberg , im Februar 1855 . Fußnoten A1 Ekkehardi IV. » Casus , S. Galli « , cap . 3. , bei Pertz , » Mon . « , II , 98. A2 Vgl. das Gedicht » Poetennot « , Bd . 1 , S. 244 dieser Ausgabe . A3 Julian Schmidt , » Geschichte der deutschen Literatur im 19. Jahrhundert . « 1. Band , S. 424 ( Leipzig 1853 ) . Erstes Kapitel . Hadwig , Herzogin von Schwaben . Es war vor beinahe tausend Jahren . Die Welt wußte weder von Schießpulver noch von Buchdruckerkunst . Über dem Hegau lag ein trüber , bleischwerer Himmel , doch war von der Finsternis , die bekanntlich über dem ganzen Mittelalter lastete , im einzelnen nichts wahrzunehmen . Vom Bodensee her wogten die Nebel übers Ries und verdeckten Land und Leute . Auch der Turm vom jungen Gotteshaus Radolfszelle war eingehüllt , aber das Frühglöcklein war lustig durch Dunst und Dampf erklungen , wie das Wort eines verständigen Mannes durch verfinsternden Nebel der Toren . Es ist ein schönes Stück deutscher Erde , was dort zwischen Schwarzwald und Schwäbischem Meer sich auftut . Wer ' s mit einem falschen Gleichnis nicht allzu genau nimmt , mag sich der Worte des DichtersA1 erinnern : » Das Land der Alemannen mit seiner Berge Schnee , Mit seinem blauen Auge , dem klaren Bodensee , Mit seinen gelben Haaren , dem Ährenschmuck der Auen , Recht wie ein deutsches Antlitz ist solches Land zu schauen . « - wiewohl die Fortführung dieses Bildes Veranlassung werden könnte , die Hegauer Berge als die Nasen in diesem Antlitz zu preisen . Düster ragte die Kuppe des hohen Twiel mit ihren Klingsteinzacken in die Lüfte . Als Denkstein stürmischer Vorgeschichte unserer alten Mutter Erde stehen jene schroffen malerischen Bergkegel in der Niederung , die einst gleich dem jetzigen Becken des Sees von wogender Flut überströmt war . Für Fische und Wassermöven mag ' s ein denkwürdiger Tag gewesen sein , da es in den Tiefen brauste und zischte , und die basaltischen Massen glühend durch der Erdrinde Spalten sich ihren Weg über die Wasserspiegel bahnten . Aber das ist schon lange her . Es ist Gras gewachsen über die Leiden derer , die bei jener Umwälzung mitleidlos vernichtet wurden ; nur die Berge stehen noch immer , ohne Zusammenhang mit ihren Nachbarn , einsam und trotzig wie alle , die mit feurigem Kern im Herzen die Schranken des Vorhandenen durchbrechen , und ihr Gestein klingt , als säße noch ein Gedächtnis an die fröhliche Jugendzeit drin , da sie zuerst der Pracht