. Dresden , am Pfingsttage 1850 . Karl Gutzkow . Erstes Buch Erstes Capitel Das Kreuz und das Kleeblatt An einem heißen Sommernachmittage saß ein junger Mann , von summenden Käfern umschwärmt , das Haupt auf eine über die Knie ausgebreitete Mappe beugend , vor einer einfachen ländlichen Dorfkirche , um sie zu zeichnen . Die Formen des bescheidenen und doch ehrwürdigen Gebäudes wiesen auf einen ziemlich alten Ursprung hin . Leicht und schlank sprang der spitze Thurm in die blaue Ätherhöhe . Die alten grüngerosteten Glocken hingen in Öffnungen , deren Ränder ein zierlich geschweiftes steinernes Blätterwerk schmückte , willkommener Schlupfwinkel für ein Heer von Spatzen , das den Thurm lärmend umschwirrte . Das Schiff wölbte sich mit hervorspringenden Fensternischen mehr rund als länglich um den Glockenthurm , dessen Portal ein großes , halb in das Mauerwerk eingebrochenes Kreuz zierte . Dieser einfache Bau , umgrenzt von grünen Haselnußhecken und gehütet gleichsam von zwei alten Lindenbäumen vor der Eingangspforte , schnitt sich an dem duftreinen Horizont so gefällig , so lieblich ab , daß man dem jungen , über seiner Arbeit träumenden Künstler nicht verargen konnte , sich daraus für sein Skizzenbuch allein schon eine Erinnerung zu erhalten . Aber der alterthümliche Reiz dieser Scene wurde noch durch die Trümmer eines Gebäudes erhöht , das einst dicht an der Kirche mit ihr fast verbunden mußte gestanden haben . Noch waren einzelne verwitterte Mauern hier und da übrig geblieben und nun auf löbliche Weise zum Umbau des Friedhofs verwendet . Überall , wo eins der alten Trümmer aufhörte , begann in der Umzäunung des stillen Ruheplatzes immer ein einfacher , freilich etwas zerfallener Bretterzaun , bis diesen wieder ein morsches Stück alter Mauer mit noch halb erhaltenen Fenstern ablöste , deren Trümmer sich in das innere lauschige Gezweig von weißen , würzig duftenden Fliederbäumen , die sie überschatteten , verloren . Kirche und Friedhof lagen auf einer mäßigen , grasbewachsenen , mit weißen Sternblümchen wie bestreuten Anhöhe , die eine Fernsicht auf diejenige große und berühmte deutsche Hauptstadt erlaubte , welche der Schauplatz der nachfolgenden Mittheilungen sein wird . Der junge Maler war nach einfachem Mittagsmahle auf dies bescheidene Dörfchen - es hieß Tempelheide - von der großen lärmenden Stadt hinausgewandert , hatte sich , rings den Hügel musternd , die günstigste Stelle für seinen Plan auserlesen , und zeichnete die Kirche und den Friedhof aus einem Interesse , das nicht blos ein künstlerisches genannt werden konnte . Er wußte nämlich , daß diese Trümmer Reste eines alten Tempelhofs waren . Das große Kreuz über der Kirche , in eigenthümlicher Form , bewies , daß einst die Tempelritter , die hier gewohnt hatten , auch die Gründer und Erbauer dieser Kirche waren . In seinen Jugenderinnerungen selbst an ein altes Templerhaus , die Zierde seiner im Harz gelegenen Vaterstadt , vielfach gemüthlich verwiesen , nahm er um so lebendigeres Interesse an diesen ehrwürdigen historischen Resten , als ihm auch sein erstes Probestück beim Eintritt in die große Genossenschaft der sozusagen losgesprochenen Künstler , Jakob Molay ' s Feuertod , so brav gelungen war , daß er schon jetzt zu den sichersten Hoffnungen der neuern Malerkunst gerechnet werden konnte . Dankbarkeit auch gegen den glücklichen Gegenstand seines Bildes , den Märtyrertod der alten französischen Tempelherren , hatte ihn hierher nach dem Dörfchen Tempelheide geführt , wo auch einst Tempelherren gehaust , auch einst Tempelherren jene Kirche und das Profeßhaus gebaut hatten , von dem noch jene malerischen in den Friedhof verlorenen Trümmer hinterblieben waren . Wie Siegbert Wildungen - so hieß unser junger Maler - auf einem Stein unter einer Brombeerhecke längst Platz genommen hatte und im nothdürftigen Schatten des stachlichten Gebüsches endlich einmal auch seinen breitrandigen Calabreser lüftete , um die blonden lockig fallenden Haare von der erhitzten Stirn zurückzustreichen , bemerkte er plötzlich , daß er nicht allein war . Aus dem gelben Kornfelde , das die Öffnung zwischen dem Hügel und dem Aufgang zu einem nahegelegenen herrschaftlichen Parke ausfüllte , erhob sich , gähnend und wie nach gehaltener Mittagsruhe sich reckend , eine Gestalt , die weder oben dem herrschaftlichen Wohnhause , noch unten dem Dorfe anzugehören schien . Es war , so weit man sie im Liegen beurtheilen konnte , eine lange hagere Figur im leichten Sommerrock wie Siegbert , aber die Pantalons verwaschen , an den Knieen hervorstehend , das Hemd zerknittert , die Halsbinde weggeworfen und die Weste fast zu kurz und wie verschnitten . Die seltsame Gestalt , die sich aus dem Korn , in dem sie geschlafen hatte , herauswand , war jung und wie es schien verwöhnt bequem . Der Mittagsschläfer gähnte mit mehr Behaglichkeit , als er würde empfunden haben , wenn ihn der Bauer , dem das Kornfeld gehören mochte , in der Verwüstung seines Eigenthums betroffen hätte . Wie er den Maler entdeckte , stützte er , wieder lang sich hinwerfend , den Kopf auf den Arm und schickte sich an , in größter Ruhe seinen Nachbar keck zu beobachten . Die rechte Hand steckte er dabei behaglich in die Seitentasche seiner Pantalons ; die linke kratzte sich die Ähren aus dem etwas röthlich kurzgeschorenen Haar . Statt den Maler anzureden , pfiff er sich eine Melodie , die nicht zu den gewöhnlichen gehörte und Bekanntschaft mit den Modeopern verrieth . Siegbert Wildungen war der neuesten Opern sicher unkundiger , als jener bequeme und in seinen Blicken fast zudringliche dreiste Gesell . Während Siegbert in seiner Zeichnung fortfuhr und das Zifferblatt des Thurmes bald den vollen Schlag der fünften Stunde voraus anzeigte , hörte man einen Wagen in der Nähe . Eine herrschaftliche Kutsche fuhr von der Allee , die zur Stadt führte , die Anhöhe herauf und hielt vor dem Eingangsportal des in Siegbert ' s Rücken liegenden herrschaftlichen Gartens . Er hatte des geschmacklosen kleinen Schlosses , das dem Besitzer von Tempelheide zu gehören schien , anfangs wenig Acht gehabt . Der Park , der es einschloß , schien ihm von vielem Nadelholze fast zu düster ;