legte sich zur Ruhe . Sie überließ sich den Gedanken über die am heutigen Abend gehörten Worte , die ihr anmuthige heitre Bilder vor die Seele zauberten , bis der Schlaf dieselben in wirrer gaukelnder Weise fortsetzte . Aber aus Elisabeth ' s Augen schlich leise eine Thräne nach der andern und bis zum Morgengrauen entwarf sie sinnend einen Plan nach dem andern , wie sie ihren Zweck , Thalheim zu helfen , erreichen könne , und doch ward jeder dieser Pläne wieder von ihr verworfen . - Elisabeth war das einzige Kind eines Grafen von Hohenthal . Schön , begabt mit einem glänzenden Verstande und mannichfachen Talenten war sie der Eltern Stolz ; all ihr Streben , ihr Ehrgeiz war auf diese gerichtet . Schon frühe war es dahin gekommen , daß fast jeder von Elisabeth ' s Wünschen als Befehl galt , daß Alles im väterlichen Hause sich ihr unterordnete . Es konnte nicht anders kommen , als daß sie , dadurch irre geleitet , schon in früher Jugend etwas Herrisches und Gebieterisches annahm , das besonders die schwache , aber engelmilde Mutter zuweilen erschreckte und für das künftige Glück der theuern Tochter besorgt machte . Ein Hauslehrer und eine Gouvernante hatten Elisabeths Erziehung bis zu ihrer Confirmation geleitet ; so war sie einsam , ohne Jugendgespielinnen , ohne Lerngefährtinnen aufgewachsen auf dem einsamen Stammschloß ihres Vaters . Den alten Grafen hielt auf denselben mittelalterliche Grille fest . Er konnte sich nicht mit dem neuen Zeitgeist befreunden , welcher allen alten Vorurtheilen , mithin auch der Würde des alten Adels den Krieg erklärt hat und seinen Feldzug gegen denselben allmälig immer siegreicher fortsetzt . Deshalb lebte er zurückgezogen auf seiner Herrschaft Hohenthal , wo er die ihn Umgebenden noch als seine Unterthanen betrachten und in ehrfurchtsvoller Ferne von sich halten konnte , wo man ihn trotz seines Stolzes , da er gerecht , freigebig und wohlthätig war , wie einen Vater und Fürsten verehrte und aus ehrfurchtsvoller Ferne mit Hochachtung zu ihm aufsah . Er hatte sich besonders , seit der Regent seines Vaterlandes diesem die mehr abgenöthigte als freiwillig verliehene Constitution gegeben hatte , nicht wieder entschließen können , in der Residenz zu erscheinen , welche durch die veränderte Zeitrichtung auch ein ganz verändertes Ansehen und Leben gewonnen hatte . Die Gräfin Hohenthal , die von fürstlicher Herkunft war , theilte die stolzen aristokratischen Ansichten ihres Gatten , doch in ihr hatten sie eine mehr poetische Grundlage und prägten sich auch poetisch und deshalb minder verletzend als bei dem prosaischen Grafen in ihrem sanften Charakter aus . Wenn der Graf mit allen neuen Zeitbestrebungen grollte , welche auf eine Ausgleichung der Verhältnisse , auf das Zunichtwerden veralteter Vorurtheile hinarbeiten , welche der Aristokratie die Uebermacht entreißen und bald jede frühere Willkühr und Ungebühr ihr unmöglich machen , war die Gräfin vorzüglich deshalb mit der Gegenwart zerfallen , weil alle jene äußern Lebensverherrlichungen , welche früher nur bei den höchsten Ständen zu finden gewesen , jetzt auch Eigenthum der bürgerlichen Stände wurden , welche , wie die Gräfin meinte , dieselben misbrauchten . Die Geldaristokratie , diese Geburt der neuen Zeit , die Macht in den Händen der Industriellen war es , welche ihr vornämlich die neue Zeit verhaßt machte , so daß auch sie , halb mit dem Leben zerfallen , es wünschenswerth fand , von seinen weitern Kreisen sich zurückzuziehen . Der nächste Nachbar ihrer Besitzungen trug jedoch noch unausgesetzt nicht wenig dazu bei , sie in der Trauer über die Sitten und aristokratischen Vorrechte entschwundener Zeiten zu bestärken . Es war dies Herr Christian Felchner , welcher vom Vater des jetzigen Grafen Hohenthal , als dieser durch einen Prozeß , den erst der Sohn gewann , seine Vermögensumstände sehr zerrüttet sah , ein ansehnliches Stück der zu den Hohenthal ' schen Gütern gehörigen Ländereien gekauft und sie zur Anlegung einer großen Wollfabrik benutzt hatte . Graf Hohenthal , besonders durch seine Gattin dazu aufgemuntert , hatte dem Fabrikbesitzer enorme Summen geboten , um wenigstens theilweise und so viel , als irgend möglich , wieder den früher zu seinen Gütern gehörigen Grund und Boden in seinen Besitz zu bekommen - allein Christian Felchner war nicht der Mann , der , wo er einmal sich angesiedelt , sich wieder vertreiben ließ , nicht der Mann , der je seine Ansprüche vor den Forderungen einer Aristokratie der Geburt gemäßigt hätte . Auf die Anträge des Grafen gab Christian Felchner nur kurz zur Antwort : er könne durchaus nicht darauf eingehen ; und als jener seine Anerbietungen noch steigerte und nachdrücklicher zu machen suchte , traf er eines Tages an einer Stelle , die seinen Park begränzte und in Felchner ' s Besitz war , eine Menge Arbeiter daselbst beschäftigt . Bald erhob sich an diesem Platz eine neue Spinnerei und bald schallte das Getöse der arbeitenden Dampfmaschinen weit hinüber in die stillsten Plätze des gräflichen Parkes , und die Fabrikarbeiter verzehrten an seinen mit prachtvollen Blumen und majestätischen Baumgruppen verschöntem Ausgang ihr Frühstück unter derben Scherzen oder rohem Gezänke . Der nächste Umgang des Grafen Hohenthal war ein Herr von Waldow , Rittmeister außer Dienst , dessen Rittergut auf der andern Seite das Eigenthum des Fabrikanten begrenzte . Herr von Waldow hatte während eines flotten Militärlebens ungleich mehr ausgegeben , als eingenommen , und um sich seinen guten Namen zu bewahren und zugleich sein glänzendes Leben fortsetzen zu können , ließ er willig von seinem Besitzthum ein Stück nach dem andern an Felchner gelangen , so daß dessen Besitzthum sich immer weiter ausbreitete , und was Hohenthal ihm an seiner Westgrenze gern wieder streitig gemacht hätte , das trat im Osten Waldow mit Vergnügen an Terrain ihm ab . - So verging Elisabeth ' s Kindheit einsam im Schloß des Vaters , ohne daß eine Gespielin dieselbe erheitert hätte . Lehrer und Gouvernanten , welche man ihr hielt , betrachtete sie nicht als Personen , denen sie Gehorsam schuldig sei , sondern als solche , welche ihrem Willen