gelangte die ganze Karavane auf die Hausflur , die zwar in Verbindung mit dem Gange stand , aber auch eine Treppe hatte , die , abgesondert von demselben , in den Hof führte . Hier wohnt Wilhelm , sagte im Vorüberkommen Leontine . Sogleich machte der Major Anstalt , in die verschlossene Stube zu dringen . Der Liebhaber warf sich in Todesangst dem Helden zu Füßen und flehte um Schonung . Imbécille ! brüllte der Franzose , indem er ihm einen zweiten Fußtritt gab . Monsieur August hatte dem Flehenden längst einen großen Stubenschlüssel aus der Tasche gezogen , mit dem er ganz gelassen das Zimmer öffnete . Außer dem Bett und Handwerkszeuge des armen Burschen , war nichts in der Kammer zu sehen , und nun wurde der in seinen Erwartungen getäuschte Major alles Ernstes böse , weil er sich genarrt glaubte ; daß der arme Beutler sein Bischen Geld unter den Wurzeln eines abgeblühten Nelkenstockes verborgen , der im Winkel stand , fiel ihm eben so wenig ein wie Allen , die vor ihm da gewesen . Unter vielen , von allen Seiten unverstandenen Reden rückte indessen der kleine Haufe , der jetzt muthig voraneilenden Leontine nach , durch Hof und Schuppen , eine andere Treppe hinan , und plötzlich standen Alle in dem von Frau von Waldau bewohnten Hinterhause , in einer Küche und vor einer appetitlichen dicken Französin von etwa sechs und dreißig Jahren , die mit Hilfe einer Magd Tassen und Gläser aufwusch . Oho ! sagte Madame Sophie , da bekomme ich ja viele Zuschauer beim Gläserspülen . Ist das deine Mutter ? fragte der Major . Das ist ma bonne Sophie ! jubelte Leontine ihr in die Arme laufend . Mein Herr , Madame nimmt jetzt keinen Besuch an , sagte ganz trocken Madame Sophie . Das wollen wir einmal sehen ! donnerte der Major . Sophie erschrak doch ein wenig ; sie versicherte , sie wolle nachfragen , ob Madame zu sprechen sei - da öffnete sich eine gegenüberstehende Thüre . Frau von Waldau ! rief die Bürgermeisterin . Ach , es ist nicht meine Schuld , gnädige Frau ! Frau von Waldau trat den Eindringenden ruhig entgegen . Es war eine stattliche gelassene Erscheinung , nicht schön , nicht häßlich , mit der sichern und vornehmen Würde der Haltung , die man bei unserer weiblichen Aristokratie oft findet und die meistens sogar der Zügellosigkeit imponirt . Rasch hatte sie sich mit der Bürgermeisterin verständigt , und ehe noch der Major das Zudringliche seines Eintritts irgend bevorworten konnte , war diesem St. Luce aus einer offenen Nebenthüre entgegengekommen , hatte seine Hand ergriffen und ihn in aller Form der Frau Baronin von Waldau vorgestellt . Die Scene auf dem Verbindungsgange , die Gewalt , mit welcher er sein Erscheinen hier erzwungen , Alles wurde durch das besonnene Betragen jener Beiden so gänzlich ausgelöscht , daß der Major selbst kaum sich dessen zu erinnern vermochte . Frau von Waldau versicherte sehr höflich , er sei ihr willkommen ; und da in der jetzt Alles umwogenden Unruhe ein friedliches Asyl mehr denn je als Bedürfniß erscheine , so habe sie gesucht , ein solches in ihren Zimmern sich zu bewahren , wobei ihr die Galanterie und Ritterlichkeit seiner Landsleute zu Hilfe gekommen . Wenn es erst gelungen sein würde , die tobenden Massen noch in etwas mehr zu beschwichtigen , hoffe sie ihn bei längerem Verweilen auch bei sich in ihren kleinen Abendcirkeln zu sehen ; für den Augenblick sei freilich noch Alles zu aufgeregt . Der Major stotterte einige unbehülfliche Phrasen und begann Leontinens Liebenswürdigkeit zu preisen , was ihn glücklich in Zug und zu Erwähnung des Liebhabers brachte , der eigentlich sein Kommen veranlaßt haben sollte . Die gnädige Frau lächelte , erklärte in zwei Worten , wie die Liebschaft des geängsteten Beutlergesellen zu einer ihrer Mägde diesem den Spitznamen verschafft habe ; und ehe noch der Major es selbst wußte , hatten er und St. Luce sich beurlaubt und dieser ihn in sein Quartier zurückbegleitet . Und nun , lieber Major , bitte ich Sie , der Baronin , die unter den ganz besondern Schutz des Prinzen Murat gestellt ist , im Nothfall jeden Beistand angedeihen zu lassen , wenn ich selbst meinem Regiment folgen muß , sagte St. Luce , sich anmuthig verbeugend ; es scheint daß diese Dame in großem Ansehen steht ! Daß er selbst mit unsäglicher Mühe und Aufopferung Frau von Waldau den erwähnten Schutz und eine Sauvegarde verschafft , davon sagte er kein Wort . Der Major biß sich in die Lippen und murmelte blos : Ich werde dir ' s gedenken , mein Bester ! Die nächsten Tage führten eine Art Stille herbei , die , wie ein trübes Wasser , ihre Tücke barg . Die Plünderer schienen zur Disciplin zurückgekehrt , auf den Straßen war Alles ruhig ; nur geordnete Regimenter durchzogen sie und glänzende Offiziere des nun angelangten Generalstabes sah man auf- und niederreiten . In den Häusern aber blieb die rohe Gewalt noch eben so entfesselt , als sie früher es gewesen ; einzelne Mishandlungen fanden immer noch statt , nur war der Unfug minder merkbar . In diesen einzelnen Fällen aber zeigten sich Kenntniß der Sprache und billiges Gewähren gleich unwirksam , da die jetzigen Forderungen nicht durch das Bedürfniß des Augenblicks , sondern nur durch Frechheit und Uebermuth erzeugt sein konnten . Leontine war nicht wieder zu Bürgermeister Müllers hinübergekommen . Frau von Waldau ängsteten die rüden Späße und Liebkosungen des Majors , und Madame Sophie , die sich selbst mit vollem Recht Servante-maitresse im Hause titulirte , hatte schon gestern ihre Meinung gesagt , folglich blieb Leontine zu Hause , und Müllers mußten ohne Dolmetscher sich behelfen . Anna war den ganzen Tag betrübt gewesen , am Morgen war St. Luce auf seinem schönen Schimmel fortgeritten mit seinem Regiment . Nun fiel ihr mit einem Male ein , daß er ein Franzose sei und also nach ihres Vaters Ausspruch