als daß er eine Hauptvermittelung aller wesentlichen Entwickelung werde . Doch was ich Dir hier sage , was Deinem Alter und Deinem Gedächtnis nicht angemessen ist , vergiß es wieder , Liebe , und lasse Dir ins Herz geschrieben sein , daß selbst Jugendspiele und Scherze - kurz alles , was Dir hier dem Gesagten gegenüber vielleicht unbedeutend erscheint , nie unbedeutend sein kann , solange es die in überquellender Lebenslust unverwirrten unverwickelten Gedanken hervorsprudeln . An Clemens Clemente ! Zu Ostern willst Du kommen ? Heute haben wir den 22. März ! - Nein , es sind beinah noch vier Wochen . Aber es wird dann schon sehr schön im Garten sein . Ich habe unsre Rasenbank erhöht , das muß früh geschehen , das kurze Gras muß recht dicht wachsen . Unsre Katze hat Junge , sie sind so allerliebst , Clemens , der Frühling ist nicht mehr zu leugnen , die Reben weinen . Es ist ja auch in wenig Zeit schon Mai , aber doch in vier Wochen erst , denn dann ist gewiß das schönste Wetter . Ich soll von meinem Tagewerk Dir schreiben und was wir Geschwister zusammen treiben . Heut war ich den ganzen Tag im Garten , ich hab ja am Tag , wo Du fort bist , am Abend noch ein Beet umgegraben und hab Salat hineingesäet , er ist schon heraus , ich mußte eine Strohdecke drauflegen gegen unzeitigen Frost . Ich will mir doch nichts mehr von den Menschen weismachen lassen ! Und statt am Abend mir Vorwürfe zu machen , daß ich alles besser wissen will , bin ich am frühsten Morgen schon auf , wo die ganze Welt noch schläft , und beobachte sie , erst kommen die Tauben , sie baden sich und trinken am Brunnen zwischen den Steinen das Wasser , ich hab sie gelockt auf der Haustreppe mit gestohlenem Futter ! Morgenstund hat Gold im Mund , darum soll ich früh aufstehen , meinst Du . - Es war noch ganz nebelig und verschlafen , doch bald fiel das Gold der Morgenstunde schräg in die Straße , in den Hausgiebeln gingen die Fenster auf , da wohnen die jungen Mädchen , die wollen auch Morgenluft schlucken , ich ging um die Ecke am Kanal längs den Gärten , da sind so viel Veilchen , man steckt sie in den Busen , sie duften Dir ein Weilchen , es ist ihre Sprache . Als ich vom frühen Spaziergang heimging , sah ich den Bäckerjungen laufen , er schellte am Haus , wo die Emigranten wohnen , der Duc de Choiseul guckte aus dem Fenster und kaufte Milchbrot , ich wollte ihn nicht beschämen und kehrte wieder um ; als ich zum zweitenmal zurückkam , trat die Milchfrau ans Fenster , die ihm die Milch abmaß . Da kamen noch viele Milchtöpfchen zu allen Fenstern heraus ; einer , der sich von Spitzbuben umringt sieht , kann sich nicht ängstlicher durchschleichen als ich zwischen dem Milchhandel dieser vornehmen Emigranten , ehemals waren sie von einer großen Valetaille umringt , die sich wieder bedienen ließ von allerlei Gesindel , und nun sind sie eingerichtet in eigner Person wie kompendiöse englische Reisenecessaire , wo man alles beisammen hat , selbst das Überflüssige . Ist ' s möglich , daß man ein Heer von Müßiggängern beschäftige mit Angelegenheiten , die nur der Müßiggang notwendig macht ? Sie malen , sie schleifen in Glas , sie sticken Blumen auf Bandschleifen , sie drechseln , sie überschwemmen das Land mit närrischen Künsten , und die Großmama wundert sich , daß unter allen keine Gelehrten sich finden . Deine Bettine Liebe Bettine ! Ich komme in ein paar Wochen wenigstens auf einige Tage nach Frankfurt , und Du bist eigentlich die Ursache , freue Dich darauf und habe mir recht viel zu sagen . - Was Du einmal in Offenbach schriebst , lese ich noch oft mit vielem Genuß , es ist mir wie ein ewiger Brief von Dir . Ich bitte Dich , bring alle jene Gedanken , die Dir selbst auffallen , zu Papier , es ist eine schöne Gewohnheit , und wenn man einstens in ganz andern Verhältnissen ist , so sind solche Blätter liebliche Andenken verfloßner Frühlinge . Ich kannte ein recht liebes Mädchen , die arm und von geringen Eltern war , sie konnte nicht schreiben und bezeichnete alles , was ihr am meisten auffiel , mit Blumenblättern , die sie zu solchen Zeiten gebrochen hatte , diese Blätter hätte sie nachher um vieles nicht gegeben , als sie schreiben konnte und für eine gescheite Frau galt , ja , diese Blumenblätter sind mir lieber als das , was sie nachher schrieb ; denn an denen kann sie ihre Fortschritte sehen , an dem Folgenden nur , wie sie stehenblieb . Dies letztere wird nun nie bei Dir der Fall sein , Du wirst nie stehenbleiben , Du wirst ewig fortfahren , Deine Seele zu bilden . Diese Bildung besteht nicht sowohl in Kenntnissen , die man uns lehrt , als in der eigentlichen Erkenntnis . Eine gebildete Seele ist die , die alle Kenntnisse , die sie hat , wie der bloße Mensch seine Sinne anwendet , alles um sich herum zu vernehmen und zu beurteilen . Der bloße gesunde Mensch hört , sieht , fühlt , spricht ; dem Gebildeten aber wird das Gehör zur Musik , das Gesicht zur Malerei , das Gefühl zur Gestalt und die Sprache zur schönen gebildeten Sprache , alle seine Bildung und seine Liebe zu verkündigen . Drum sei hübsch fleißig und fröhlich , treibe alles recht so von selbst , ohne irgend gleich darauf zu denken , wie das und jenes , was das eigentliche Ende davon ist , dabei herauskomme ; das Ende einer jeden Kenntnis sind wir selbst , die Menschen und unser erhöhtes Talent , sie zu lieben , zu begreifen und uns ihnen verständlich zu machen . Lebe wohl . Dein Clemens Lieber Clemens