Die Fremde setzte sich , ich nahm Platz an ihrer Seite . Da sie schwieg , hatte ich Zeit genug , sie zu betrachten . Ich schämte mich vor mir selbst , daß ich erst jetzt durch einen Zufall diese Frau bemerkte . Sie konnte für ein Ideal moderner Weiblichkeit gelten , denn sie war in Allem , auch dem Aeußern , ein vollkommener Gegensatz der antiken . In dieser hohen , bleichen Stirn , an deren Schläfen die blauen Adern wie hüpfende Schlangen bebten , lag alles Leid , Sinnen und Träumen moderner Weltbewegung . Das Auge schwamm in feuchtem Glanz und verrieth ebensowol eine unbegrenzte Hingebung an die Seligkeit der Liebe , als der Ausdruck schwärmerischer Andacht in ihm zitterte . Und nun diese schlanke Gestalt , der blühende Leib , umhüllt von dem schillernden Seidengewande , das sich verrätherisch schmeichelnd an die üppigen Formen legte ! Du schüttelst mißbilligend den Kopf . Deine Unempfindlichkeit , Dein unerschütterlicher Gleichmuth begreifen nicht , wie die Schönheit des Weibes den Mann zu schwärmerischer Gluth hinreißen kann . Bleibe Dir treu , Rigorist , nur lasse mir die Seligkeiten des Augenblicks ! Mein Himmel kettet sich um die Erde nicht in der gläubigen Schönheit und Kindesanmuth Deiner Dogmen , sondern angethan mit der Fülle natürlicher Grazie . Auch in ihm ist die Liebe das höchste Gesetz , nur nicht vereist und versteinert in der Kaltwassertaufe heilig gehaltener Askese . Meine Schützlingin schwieg noch immer , das Dampfschiff flog , gejagt von dem keuchenden Element , dem Bingerloch zu . Die Wellen tanzten in weißen Schaumbüscheln um den fabelhaften Mäusethurm , überall strudelte der grüne Strom an den Felsenriffen , und Alt und Jung wollte die Gefahren der berühmten Passage mit Augen sehen . Ich fragte meine schöne Nachbarin , wie weit sie den Rhein hinabzufahren gedenke . » Bis Köln . « » Werden Sie sich lange in der alten Stadt aufhalten ? « » Es ist mein Wohnort , « gab sie freundlich lächelnd zur Antwort . » Und Sie ? « » So lange es mir gefällt . Ich bin an keine Zeit gebunden . « » Dann müssen Sie glücklich sein . « » Die Ungebundenheit ist oft der Dieb des Glückes . « » Das sind Gedanken , die ein Mann von Ihrem Alter mit Gewalt verscheuchen sollte . Will die jugendliche Manneskraft schon ihr tiefstes Leben der Laune hingeben , so wird ihr das spätere Lebensziel in unerreichbare Ferne gerückt . « Ein Dritter unterbrach die Ermahnungen der liebreizenden Lehrmeisterin . Wir kehrten dem Schiffsschnabel den Rücken , um die verschwindende Gegend besser übersehen zu können . Eine sonore starke Mannesstimme sprach : » Das ist eine bloße Schwachheit mein Herr ! Sobald ein vernünftiger Mensch die Ueberzeugung gewonnen hat , daß für ihn auf Erden nichts mehr zu thun sei , ist es Pflicht , die Welt zu verlassen . « » Ja , wenn dies in seiner Gewalt stände , « versetzte sein Begleiter . » Leider oder vielmehr glücklicherweise können wir den Tod nicht commandiren , wenn es uns aus Spleen etwa gerade beliebt , mit ihm Bekanntschaft zu machen . « » Ich bin kein Englander , mein Herr , « gegenredete der Erste . » Was ich sage , ist immer Ausdruck tiefster Ueberzeugung . Ich hasse das Schwatzen und Bramarbasiren . « » Dann werden Sie mir auch Recht geben . « » Recht geben ! Als ob es mir nicht frei stände , mich hinabzuschwingen über das Geländer , und diesem Dasein thatenloser Langweiligkeit ein schnelles Ende zu machen ! « » Richard , « rief das Weib an meiner Seite , und ergriff des Redenden Hand . » Sprich nicht so , Du weißt , es ängstigt mich ! « » Warum thun Sie es denn nicht ? « fragte der Andere . Der Fremde von meiner schönen Geretteten mit » Richard « Angeredete zeigte auf die reizende Gestalt und winkte seinem Begleiter , ihn allein zu lassen . » Daß es noch solche Affen geben muß , « fügte er hinzu . » Es thäte noth , ihnen zu Gefallen allemal die Probe auf jede Behauptung , die man aufstellt , gleich mit in den Kauf zu geben . « - Die junge Frau suchte den Blick Richards aufzufangen , er zog ihre Hand an seinen Mund , und schien sein Auge versenken zu wollen in den feuchten Glanz ihrer braunen Pupille . Mir ist noch kaum eine Gestalt so aufgefallen , wie dieser Richard . Denke Dir einen jugendlichen kräftigen Mann , Ferdinand , tief in die dreißig , hoch gewachsen , muskulös , aber hager . Eine Salonfigur seinem Aeußern nach ; die Kleidung aus den feinsten Stoffen , nach dem elegantesten Schnitt , nur mit einem Anfluge genialer Negligenz . Die blüthenweißen Manschetten lose herabfallend über die schöngeformten , weißen Hände . Ein buntes Tuch leicht um den Hals geschlungen , das ovale Gesicht von einem dichten , schwarzen Bart umflossen . Aber welch ' ein Gesicht ! Kaum kann ich es glauben , daß eine Stirn , weiß geglüht von der verzehrenden Flamme des Gedankens , auf so fashionable Hüllung herabschauen mag . Es ist kein Blutstropfen mehr in diesen bleichen , marmorbleichen Wangen , und dennoch flackert in der Sonnenhelle seines Auges nicht das ungewisse , irrende Licht , das gewöhnlich seinen falben Todtenschein über die Trümmer eines verwüsteten Lebens wirft . Erschreckend freilich fliegt die finstere Wolke unergründlicher Melancholie um das tiefliegende Auge , wie die Motte um ein Licht , oder der stille Nachvogel um den kalten Schimmer einer offenen Gruft . Noch weiß ich nicht , was dieser Richard , dessen Geschlechtsname Bardeloh ist , für eine Rolle spielt in der großen Welt . Meine schöne Gerettete ist sein Weib , sein glückliches Weib , und doch scheinen Beide sehr unglücklich zu sein . Ich hielt ihn anfangs für einen Diplomaten , dem aber widerspricht die Offenheit seines Auges