kurzes Tischgebet wurde gesprochen , und die Mahlzeit unter fröhlichen Reden vollendet . Die Gesellen erzählten von dem einen Fremden , welchen sie schon kannten , und mit dem der älteste in Augsburg gearbeitet hatte ; man rühmte ihn als geschickt , tadelte aber sein unordentliches Wesen und seine Liebe zum Trunk , wodurch er zu nichts kommen könne , und ohnerachtet seines guten Verdienstets immer nur schlecht in Kleidern einhergehe . Leonhard erzählte manche unglückliche Beispiele ähnlicher Art , und beklagte , daß durch Leichtsinn und schlechte Gewohnheit sich nur zu oft die geschicktesten und sonst fleißigsten Menschen ein trauriges Alter zubereiteten . Der Magister sprach nur selten , und wenn es geschahe , meist in lateinischen Sprüchen , wobei er jedesmal den jüngsten der Gesellen scharf ansah , weil dieser ihn zuweilen lächelnd von der Seite betrachtete , und der Alte Spott in seinen Blicken zu lesen glaubte . Auch war es zu entschuldigen , wenn die Gestalt des Magisters komisch auffiel , und besonders jüngern Leuten Veranlassung zum Lachen gab . Sein altes Gesicht war feierlich und voll Runzeln , und verriet mehr Jahre , als er wirklich verlebt hatte ; er trug noch ( was schon anfing selten zu werden ) eine Perücke , die aber niemals gepudert war , oft ungekämmt und zerzaust schien und fast nie gerade saß , zwei Schleifen eines engen Halstuches hingen ihm über der Brust , die Weste prangte mit schwarzen Knöpfen von Gagat , am langschößigen Rock aber trug er Schleifen nach Art der Wiedertäufer , und zinnerne ziemlich große Schnallen glänzten von seinen Füßen . In allen seinen Gebärden suchte er den Gelehrten darzustellen , und um nicht in den Anstand und die Sprache der Handwerker zu verfallen , die ihm wohl gemein dünken mochten , wurde er hochfahrend und steif , nicht selten linkisch und verlegen , und stieß Gläser und Teller um , obgleich er sich immer beobachtete . Er war in Wittenberg auf der Schule gewesen , und hatte dort studiert und promoviert , hatte nie Glück gehabt , weil es ihm an jedem Talent fehlte , sich in die Welt und seine Umgebung zu schicken , und war nun hieher , in Leonhards Geburtsstadt geraten , wo er Kindern und jungen Leuten in Sprachen und den Anfängen der Wissenschaft Unterricht gab , sich aber immer höchst armselig behelfen mußte , weil er zu jenen gutmütigen Wesen gehörte , welche alles , ohne zu rechnen , wegschenken , und wenn sie einmal etwas zurückgelegt haben , sich bestehlen lassen , sich aber auch darüber nicht verwundern oder Vorkehrungen dagegen treffen , weil sie die Meinung hegen : es müsse so und könne nicht anders sein , er wenigstens hätte lieber selber gebettelt , als einen Dieb beim Gericht belangt , wenn er ihn auch kannte oder erriet . Nächst der Leidenschaft des Trunkes war es die des Spieles , über welche die Tischgesellschaft sprach , und welche Leonhard fast noch gefährlicher schilderte , weil sie schneller zur Armut führt und den Charakter der Menschen untergräbt , so daß nicht selten derjenige , der als ein ehrlicher Mann begann , als Betrüger und Dieb endigen muß . » Es ist eine sonderbare Frage « , fuhr Leonhard fort , » Ob der Mensch immer stark genug ist , den Leidenschaften widerstehen zu können , oder ob nicht vielleicht mancher doch früher oder später erliegen muß und seinem Schicksale nicht entgehen kann , er mag mit noch so vieler Kunst und Festigkeit nach dieser oder jener Seite ausbeugen . « » Est problema periculosissimum , « sagte der Magister , » denn axioma est , quod voluntas nostra libera sit . « Martin , der jüngste Gesell , lächelte wieder . » Das heißt « , fuhr der Magister mit erhöhter Stimme fort , » damit Er es verstehe , mein guter Juvenis Martin , es ist ein Grundsatz , daß unser Wille durchaus frei ist . « » Mir fällt diese Frage nur ein « , sagte Leonhard , » weil ich mich eines sonderbaren Falles erinnere , den ich selber erlebt habe . Als ich noch in der Lehre stand , kannte ich schon einen alten Gesellen , der hier arbeitete . Er war katholischer Religion und sehr fromm , auch war er eitel darauf , daß man ihn in der Jugend zum Geistlichen bestimmt hatte . Bei aller Frömmigkeit aber war er nicht stark genug , dem Getränk Widerstand zu leisten , so daß man ihn gewöhnlich Sonntags berauscht sah . Zwar trank er nicht viel , aber da er sehr lebhaft und von hitziger Einbildung war , stiegen ihm wenige Gläser gleich so in den Kopf , daß er fast nichts von sich wußte , und was das Schlimmste war , so befiel ihn alsdann eine so große Begier zu prahlen und aufzuschneiden , daß er seinen wöchentlichen Verdienst mit vollen Händen ausstreute mochte das Geld nehmen , wer wollte . Daher fanden sich immer einige lüderliche Brüder , die , wenn er in dieser Stimmung war mit ihm Karte oder Würfel spielten und ihn rein ausplünderten , fiel es ihm zuweilen ein , zu zanken , weil er doch Unrecht merken mochte , so trug er zum Überfluß des Unglücks noch Schläge davon . Am andern Tage war derselbe Mensch dann der demütigste , bescheidenste und leutseligste ; ja er hätte vor Scham vergehen mögen , daß er sich so hatte betragen können , und fing doch den nächsten Sonntag wieder an , dieselbe Rolle zu spielen . Diese Art aber , zwischen den beiden Äußersten hin und her zu schwanken , hatte ihm alle Kraft und Festigkeit genommen , so daß er auch niemals den Entschluß fassen konnte , in irgendeiner Stadt das Meisterrecht nachzusuchen , sondern sich lieber , so alt er auch schon wurde , als Gesell durch alle Länder umtrieb . Nach vielen Jahren , als mich der Zufall auf meiner Wanderschaft nach Triest verschlagen hatte , traf