der Satz gilt : was der Dichter liebt , läßt er leiden . Dies zu belegen , braucht man nicht gerade an Heinrich Kleist zu erinnern , der seine Lieblinge förmlich quälen kann , selbst Göthe darf dafür angeführt werden ; denn ruht nicht z.B. unter allen im Wilhelm Meister auftretenden Personen des Dichters Liebe vorzugsweise in Marianen und Mignon ? Es sind diese beiden Gestalten aber auch die schönsten unter allen , wie sie die leidvollsten sind . So wollen wir denn auch unsern Verfasser dieser Dichterneigung ungestört folgen lassen , und statt unbefugt zu tadeln , lieber auf eine besondere Virtuosität desselben aufmerksam machen . Dies um so mehr , weil er sich in so strenge Anonymität zu hüllen gewußt hat , daß selbst dem Verleger , wie ein Vorwort berichtet , sein Name völlig unbekannt geblieben ist ; ein kluger Leser , der sich aufs Rathen legen will , mag vielleicht dadurch einen Fingerzeig erhalten . Es versteht nämlich der Verfasser nicht nur Gemälde mit der größten Gewandtheit und in anschaulichster Klarheit zu beschreiben , sondern er giebt auch von einzelnen Gegenständen so pittoreske Darstellungen , und liebt es besonders , ganze Scenen in so bestimmter anmuthiger Gruppirung zu einem Leben athmenden Tableau zu gestalten , daß er sich als einen in die Geheimnisse der Malerkunst tief Eingeweihten verräth . Wir selbst wollen uns durch diesen Fingerzeig nicht zum Rathen verführen lassen , sondern uns nur des Trefflichen freuen , das die Kunst des Verfassers in dieser Beziehung uns dargeboten hat . Ein Talent , wie der Verfasser es hier zeigt , und wie wir es in anderer Weise an Göthe und Tieck kennen und bewundern , läßt es recht inne werden , daß , wie die Malerei in ihrer großen längst abgeschlossenen Zeit die Poesie in sich trug , so umgekehrt die mündig gewordene Poesie die Malerei einschließt . Und so mag man es wohl als einen richtigen Takt bezeichnen , wenn eine berühmte deutsche Malerschule unsrer Zeit sich so gern an die Dichter lehnt und ihnen in ihren Darstellungen nachstrebt ; wiewol es immer eine bedenkliche Frage bleibt , wozu doch das Streben nach einem bereits Erreichten führen könne , nach einem Erreichen zumal , welches für dieses Streben ein Unerreichbares ist ; denn für eine Anschauung oder Empfindung , die der echte Dichter bereits gestaltet , und der er am Worte einen geistigen , helldurchsichtigen Leib gegeben hat , sind selbst Farbe und Klang zu stoffartige , trübe Darstellungsmittel . Sei dem nun wie ihm wolle , wir , die wir nichts von der Berliner Kunstausstellung abbekommen , wollen uns an unserm Lesepulte der herrlichen seelenvollen Bilder , welche der Dichter von Godwie-Castle uns vorführt , dankbar freuen . Unerwähnt darf nicht bleiben , daß der Verfasser , was ihm sehr hoch anzurechnen , es in echter Dichtervornehmheit vorschmäht hat , den Leser mit der Auflösung der räthselhaften Begebenheit , die den Inhalt des Buches bildet , in beliebter Scottischer Weise möglichst lange hinzuhalten , und so durch Spannung einen vorübergehenden Effekt zu erzielen . Schon am Anfange des zweiten Theiles erhalten wir diese Auflösung , und wenn der Verfasser , wie er selbst sehr schön sagt , es vorgezogen hat , den Leser lieber » in die Stimmung eines besorgten Freundes zu versetzen , der die Gefahren kennt , wie sie zu vermeiden wären , weiß , und doch außer Stand gesetzt ist , schützend oder warnend einzuschreiten « - so ist es ihm mit der Erzeugung dieser Stimmung bei dem Referenten wenigstens vollständig gelungen . Die Sprache des Verfassers hat viel Eigenthümliches ; ein sehr kompakter Periodenbau , in welchem durch eine zuweilen etwas ungewöhnliche Wortstellung ein klingender Rhythmus sich bemerkbar macht , der oft nahe an den Vers streift , zeichnet besonders die beiden ersten Theile aus . Im dritten läßt die auf den Ausdruck gewandte Sorgfalt merklich nach ; einzelne Stellen verrathen Eilfertigkeit , auch Inkorrektheiten laufen mitunter . Diese letzteren indeß zu rügen fällt dem Referenten gar nicht ein , vielmehr freut er sich über so eine Inkorrektheit , wie Tischbein über den Esel . Es ist nämlich in unsern Tagen nichts so wohlfeil geworden , als ein sogenannter guter Stil ; Alles besitzt ihn , ja je bornirter einer ist , desto besser handhabt er ihn ; eine geleckte , geschwätzige , in bestimmter fertiger Phraseologie glatt und ohne Anstoß wie auf einer Chaussee dahinrollende Redeweise ist völlig zum Gemeingut worden . Weil denn nun Alle einen guten Stil haben , und zwar Alle den nämlichen guten Stil , so steht zu befürchten , daß darüber aller Stil zu Grunde gehe , der nämlich , von dem es heißt : le style ce ' st l ' homme ! Ein bedrohliches Zeichen , daß wir uns wirklich dem glänzenden Elend der Klassicität nähern , womit für eine Nation doch nichts anders gesagt wird , als daß sie in ihrer Literatur das Bewußtsein einer großen Vergangenheit ausspricht , ohne eine über sich hinausragende Gegenwart zu haben . Mußten wir ja sogar erst kürzlich , und zwar aus der Mitte des weiland jungen Deutschlands heraus , ein Liedchen singen hören , daß die graue Nebelgestalt des alten Ramler mit den berufenen Wappenschildern von klassischem Muster , Korrektheit , Geschmack u.s.w. aus ihrer Vergessenheit heraufbeschwört . Solcher Richtung gegenüber muß man es noch für ein günstiges Symptom halten , wenn der herrliche Göthe nicht allgemein anerkannt , ja wenn er verunglimpft wird ; besser so , als daß er , was von einer andern Seite her in kurzsichtiger Aesthetik geschieht , zum Musterpoeten verknöchert wird . Es hat indeß mit der Klassicität keine so große Gefahr , so lange es noch Ludwig Tieck in freier unbedrängter Muße zu schaffen vergönnt ist , und so lange noch große Unbekannte , wie der Verfasser von Godwie-Castle , unsere Literatur bereichern . « Braniß . Erster Theil Der Tag neigte sich zu Ende . Leichte Nebel stiegen aus den Thälern und verbreiteten eine seltene