fühlte sich errathen , und die schöne Röthe stieg bis zur reinen Stirn empor , indem die Augen sich senkten und Thränen darin hinter den langen Wimpern sich verbargen . Es schmerzte die Gräfin , ihre junge Freundin verwundet zu haben ; sie legte den Arm um ihre Schulter und ging so mit ihr durch das schwach erleuchtete Zimmer , damit Emilie in der größten Entfernung von den Lichtern die Thränen unbemerkt in den Augen zerdrücken konnte . Ich meine , fuhr die Gräfin nach einem kurzen Schweigen fort , es würde mir schmerzlich sein , wenn unser Vermögen so zerrüttet würde , daß der Graf gezwungen wäre , die Unabhängigkeit aufzugeben , die ihm so theuer ist , und dieß könnte geschehen , wenn ein feindlicher Einfall die Güter zerstörte ; doch aber noch ein anderer Kummer liegt mir auf dem Herzen , der mich mehr als diese Sorgen quält . Beide Frauen waren an einem Fenster stehen geblieben und sahen in die dunkle Nacht hinaus ; ein feiner Regen schlug gegen die Fenster , die Sterne waren durch schwarze Wolken verhüllt , und kein Gegenstand ließ sich draußen unterscheiden . Ich hoffe , sagte die Gräfin , wir werden allein bleiben , obgleich die Einsamkeit mir heute sehr drückend ist , denn ich wünsche nicht , daß der Graf , bei dieser unfreundlichen Witterung , in der dunkeln Nacht den Weg über das Gebirge zurück machen möge . Er wollte aber nicht die Nacht in Heinburg bleiben , versetzte Emilie . Es ist unrecht , erwiederte die Gräfin mit kaum bemerklichem Lächeln , daß der gute alte Baron mit seinen unschuldigen Thorheiten ihm so sehr zuwider ist ; ich hoffe aber , er wird heute lieber einige von dessen etwas weitläuftigen und nüchternen Geschichten anhören , als bei diesem Wetter den Rückweg unternehmen wollen . Schimmert nicht ein Licht dort unten im Thale ? fragte Emilie . Wo ? rief die Gräfin . Dort , links vom Schlosse , erwiederte jene , mich dünkt , es bewegt sich aus der Schlucht her , auf dem Wege , den der Onkel kommen muß . Die Gräfin schaute aufmerksam nach der Gegend hin , und in der That bemerkte man nun mehrere Lichter , die sich auf dem Wege um eine dunkle Masse zu bewegen schienen . Die Dunkelheit der Nacht machte es unmöglich , einen Gegenstand zu unterscheiden , da selbst die Lichter nur matt und trübe durch den fallenden Regen schimmerten . Die Gräfin zog heftig die Klingel und befahl dem eintretenden Bedienten , vom Schlosse aus mit mehreren Leuten den Lichtern entgegen zu gehn und eilig zu berichten , Wer da komme , und ob diese unvermutheten Gäste das Schloß zu besuchen gedächten . Aengstlich blieben beide Frauen am Fenster stehen , und man bemerkte nun bald , wie mehrere Menschen aus dem Schlosse mit Laternen dem Zuge entgegen eilten , der sich offenbar dem Schlosse näherte . Einige Diener kehrten bald zurück und berichteten , es sei der Herr Graf , begleitet von mehreren Bauern aus einem nahe gelenen Dorfe , die einen Mann auf einer Bahre nach dem Schlosse trügen . Bestürzt blickte die Gräfin auf Emilie , wickelte sich dann in ihren Shawl und befahl zu leuchten . Emilie folgte der Gräfin ; Bediente gingen mit Lichtern voran , und so stiegen beide Frauen die große Treppe des Schlosses hinunter ; die Flügelthüren des Hauses wurden geöffnet , und in demselben Augenblicke auch mit großem Geräusch das Thor des Hofes ; der Graf sprengte , begleitet von einem Reitknechte , herein und warf sich sogleich vom Pferde , als er die Gräfin bemerkte , die im offenen Thore des Hauses stand , auf Emilie gelehnt , und hinter beiden mehrere Bediente mit vielen Lichtern . Der untere Raum des Hauses füllte sich bald mit der Dienerschaft des Schlosses , die Neugierde , vermischt mit Furcht , herbei führte . Der Graf warf einem Bedienten seinen von Regen durchnäßten Mantel zu , trat dann eilig zu der Gräfin und sagte , indem er ihre Hand faßte : » Es ist nichts , meine Liebe , das Sie beunruhigen dürfte , der junge Mann ist im Walde ohnmächtig und beinahe an seinen Wunden verblutend gefunden worden . Da ich glaubte , daß wir hier am Besten im Stande wären , ihm wirksame Hülfe zu leisten , so habe ich ihn hieher tragen lassen . Er scheint , nach der Uniform zu urtheilen , ein französischer Officier zu sein , also zur feindlichen Armee gehörig , doch kann dieß kein Hinderniß sein , ihm alle Hülfe zu leisten , die in unsern Kräften steht . « Kaum hatte der Graf diese eilige Erklärung gegeben , als sich die Lichter , welche die Frauen vom Fenster des Schlosses ans bemerkt hatten , zum Thore des Hofes hinein bewegten . Voran ging der Schulze des Dorfes , ein junger , kräftiger Mann ; er trug in einer Hand eine Laterne und mit der andern nahm er seine mit Pelz verbrämte sonntägliche Mütze ab , um , indem er sich tief vor der Gräfin verbeugte , zugleich mit einer heftigen Bewegung den Regen davon abzuschütteln . Mehrere Bauern trugen eine Bahre , auf der der Verwundete lag , und welche von andern , die Laternen mit brennenden Lichtern in den Händen trugen , umgeben war . Auf den Befehl des Grafen wurde die Bahre mit dem Verwundeten nun durch das offne Thor des Schlosses getragen ; die Gräfin zog sich an die Mauer zurück , um den Trägern Raum zu lassen , und warf einen Blick auf den Kranken , indem er vor ihr vorbeigetragen wurde . Er lag auf Kissen in Decken gehüllt und schien völlig leblos zu sein ; so wie die Gräfin die Augen auf ihn richtete , zuckte ein schmerzlicher Schrecken durch ihren Körper ; sie bedeckte die Augen mit ihrer Hand , und der fest geschlossene Mund zeigte , daß sie nach Fassung rang .