Mutter an Bettine Am 14. März 1807 Ich habe mir meine Feder frisch abknipsen lassen und das vertrocknete Tintenfaß bis oben vollgegossen , und weil es denn heute so abscheulich Wetter ist , daß man keinen Hund vor die Tür jagt , so sollst Du auch gleich eine Antwort haben . Liebe Bettine , ich vermisse Dich sehr in der bösen Winterzeit ; wie bist Du doch im vorigen Jahr so vergnügt dahergesprungen kommen ? - Wenn ' s kreuz und quer schneite , da wußt ich , das war so ein recht Wetter für Dich , ich braucht nicht lange zu warten , so warst Du da . Jetzt guck ich auch immer noch aus alter Gewohnheit nach der Ecke von der Katharinenpfort , aber Du kommst nicht , und weil ich das ganz gewiß weiß , so kümmert ' s mich . Es kommen Visiten genug , das sind aber nur so Leutevisiten , mit denen ich nichts schwätzen kann . Die Franzosen hab ich auch gern - das ist immer ein ganz ander Leben , wenn die französische Einquartierung hier auf dem Platz ihr Brot und Fleisch ausgeteilt kriegt , als wenn die preußische oder hessische Holzböck einrücken . Ich hab recht meine Freud gehabt am Napoleon , wie ich den gesehen hab ; er ist doch einmal derjenige , der der ganzen Welt den Traum vorzaubert , und dafür können sich die Menschen bedanken , denn wenn sie nicht träumten , so hätten sie auch nichts davon und schliefen wie die Säck , wie ' s die ganze Zeit gegangen ist . Amüsiere Dich recht gut und sei lustig , denn wer lacht , kann keine Todsünd tun . Deine Freundin Elisabeth Goethe Nach dem Wolfgang frägst Du gar nicht ; ich hab Dir ' s ja immer gesagt : wart nur bis einmal ein andrer kommt , so wirst Du schon nicht mehr nach ihm seufzen . Frau Rat ! Am 20. März 1807 Geh Sie doch mit Ihren Vorwürfen ; - das antwort ich Ihr auf Ihre Nachschrift , und sonst nichts . Jetzt rat Sie einmal , was der Schneider für mich macht . Ein Andrieng ? - Nein ! Eine Kontusche ? - Nein ! Einen Joppel ? - Nein ! Eine Mantille ? - Nein ! Ein paar Boschen ? - Nein ! Einen Reifrock ? - Nein ! Einen Schlepprock ? - Nein ! Ein Paar Hosen ? - Ja ! - Vivat - jetzt kommen andre Zeiten angerückt - und auch eine Weste und ein Überrock dazu . Morgen wird alles anprobiert , es wird schon sitzen , denn ich hab mir alles bequem und weit bestellt , und dann werf ich mich in eine Chaise und reise Tag und Nacht Kurier durch die ganzen Armeen zwischen Feind und Freund durch ; alle Festungen tun sich vor mir auf , und so geht ' s fort bis Berlin , wo einige Geschäfte abgemacht werden , die mich nichts angehn . Aber dann geht ' s eilig zurück und wird nicht eher haltgemacht bis Weimar . O Frau Rat , wie wird ' s denn dort aussehen ? - Mir klopft das Herz gewaltig , obschon ich noch bis zu Ende April reisen kann , ehe ich dort hinkomme . Wird mein Herz auch Mut genug haben , sich ihm hinzugeben ? - Ist mir ' s doch , als ständ er eben vor der Tür ! - Alle Adern klopfen mir im Kopf ; ach wär ich doch bei Ihr ! - Das allein könnt mich ruhig machen , daß ich säh , wie Sie auch vor Freud außer sich wär , oder wollt mir einer einen Schlaftrunk geben , daß ich schlief , bis ich bei ihm erwachte . Was werd ich ihm sagen ? - Ach , nicht wahr , er ist nicht hochmütig ? - Von Ihr werd ich ihm auch alles erzählen , das wird er doch gewiß gern hören . Adieu , leb Sie wohl und wünsch Sie mir im Herzen eine glückliche Reis . Ich bin ganz schwindlig . Bettine Aber das muß ich Ihr doch noch sagen , wie ' s gekommen ist . Mein Schwager kam und sagte , wenn ich seine Frau überreden könne , in Männerkleidern mit ihm eine weite Geschäftsreise zu machen , so wolle er mich mitnehmen und auf dem Rückweg mir zulieb über Weimar gehen . Denk Sie doch , Weimar schien mir immer so entfernt , als wenn es in einem andern Weltteil läg , und nun ist ' s vor der Tür . Liebe Frau Rat ! Am 5. Mai 1807 Eine Schachtel wird Ihr mit dem Postwagen zukommen , beste Frau Mutter , darin sich eine Tasse befindet ; es ist das sehnlichste Verlangen , Sie wieder zu sehen , was mich treibt , Ihr solche unwürdige Zeichen meiner Verehrung zu senden . Tue Sie mir den Gefallen , Ihren Tee früh morgens draus zu trinken , und denk Sie meiner dabei . - Ein Schelm gibt ' s besser , als er ' s hat . Den Wolfgang hab ich endlich gesehen ; aber ach , was hilft ' s ? Mein Herz ist geschwellt wie das volle Segel eines Schiffs , das fest vom Anker gehalten ist am fremden Boden und doch so gern ins Vaterland zurück möchte . Adieu , meine liebe gute Frau Mutter , halt Sie mich lieb . Bettine Brentano Goethes Mutter an Bettine Am 11. Mai 1807 Was läßt Du die Flügel hängen ? Nach einer so schönen Reise schreibst Du einen so kurzen Brief , und schreibst nichts von meinem Sohn , als daß Du ihn gesehen hast ; das hab ich auch schon gewußt , und er hat mir ' s gestern geschrieben . Was hab ich von Deinem geankerten Schiff ? Da weiß ich soviel wie nichts . Schreib doch , was passiert ist . Denk doch , daß ich ihn acht Jahre