Tweed in lieblicherem Blau als der Neckar und die Donau , sind seine Ufer herrlicher als die Ufer des Rheins ? Sind vielleicht jene Schotten ein interessanterer Menschenschlag als der , den unser Vaterland trägt , hatten ihre Väter röteres Blut als die Schwaben und Sachsen der alten Zeit , sind ihre Weiber liebenswürdiger , ihre Mädchen schöner als die Töchter Teutschlands ? Wir haben Ursache daran zu zweifeln , und hierin kann also jener Zauber des Unbekannten nicht liegen . Aber darin liegt er wohl , daß jener große Novellist auf historischem Grund und Boden geht , nicht als ob der unserige weniger geschichtlich wäre , aber wir haben ja schon seit Jahrhunderten uns angewöhnt , unter fremdem Himmel zu suchen , was bei uns selbst blühte , und wie wir die rohen Stoffe ausführen , um sie in anderer Form mit Bewunderung und Ehrfurcht als teure Kleinode wieder in unsere Grenzen aufzunehmen , so bewundern wir jedes Fremde und Ausländische nicht , weil es groß oder erhaben , sondern weil es nicht in unseren Tälern gewachsen ist . Doch auch wir hatten eine Vorzeit , die reich an bürgerlichen Kämpfen , uns nicht weniger interessant dünkt als die Vorzeit des Schotten ; darum haben auch wir gewagt , ein historisches Tableau zu entrollen , das , wenn es auch nicht jene kühnen Umrisse der Gestalten , jenen zauberischen Schmelz der Landschaft aufweist , und wenn das an solche Herrlichkeiten gewöhnte Auge umsonst die süße , bequeme Magie der Hexerei und den von Zigeunerhand geschürzten Schicksalsknoten darin sucht , ja wenn sogar unsere Farben matt , unser Crayon stumpf erscheint , doch eines zur Entschuldigung für sich haben möchte , ich meine die historische Wahrheit . I Was soll doch dies Trommeten sein ? Was deutet dies Geschrei ? Will treten an das Fensterlein , Ich ahne , was es sei . L. Uhland Nach den ersten trüben Tagen des März 1519 war endlich am 12. ein recht freundlicher Morgen über der Reichsstadt Ulm aufgegangen . Die Donaunebel , die um diese Jahreszeit immer noch drückend über der Stadt liegen , waren schon lange vor Mittag der Sonne gewichen , und immer freier und weiter wurde die Aussicht in die Ebene über den Fluß hinüber . Aber auch die engen kalten Straßen mit ihren hohen dunkeln Giebelhäusern hatte der schöne Morgen heller als sonst beleuchtet , und ihnen einen Glanz , eine Freundlichkeit gegeben , die zu dem heutigen festlichen Ansehen der Stadt gar trefflich paßte . Die große Herdbruckergasse - sie führt von dem Donautor an das Rathaus - stand an diesem Morgen gedrängt voll Menschen , die sich Kopf an Kopf wie eine Mauer an den beiden Seiten der Häuser hinzogen , nur einen engen Raum in der Mitte der Gasse übriglassend ; ein dumpfes Gemurmel gespannter Erwartung lief durch die Reihen , und brach nur in ein kurzes Gelächter aus , wenn etwa die alten , strengen Stadtwächter eine hübsche Dirne , die sich zu vorlaut in den freigelassenen Raum gedrängt hatte ; etwas unsanft mit dem Ende ihrer langen Hellebarde zurückdrängten , oder wenn ein Schalk sich den Spaß machte , » Sie kommen , sie kommen « , rief , alles lange Hälse machte und schaute , bis es sich zeigte , daß man sich wieder getäuscht habe . Noch dichter aber war das Gedränge da , wo die Herdbruckergasse auf den Platz vor dem Rathaus einbiegt ; dort hatten sich die Zünfte aufgestellt ; die Schiffer-Gilde mit ihren Altmeistern an der Spitze , die Weber , die Zimmerer , die Bräuer , mit ihren Fahnen und Gewerbzeichen , sie alle waren im Sonntagswams und wohlbewaffnet zahlreich dort versammelt . Bot aber schon die Menge hier unten einen fröhlichen , festlichen Anblick dar , so war dies noch mehr der Fall mit den hohen Häusern der Straßen selbst . Bis an die Giebeldächer waren alle Fenster voll geputzter Frauen und Mädchen , um welche sich die grünen Tannen und Taxuszweige , die bunten Teppiche und Tücher , mit welchen die Seiten geschmückt waren , wie Rahmen um liebliche Gemälde zogen . Das anmutigste Bild gewährte wohl ein Erkerfenster im Hause des Herrn Hans von Besserer . Dort standen zwei Mädchen , so verschieden an Gesicht , Gestalt und Kleidung , und doch beide von so ausgezeichneter Schönheit , daß , wer sie so von der Straße betrachtete , eine Weile zweifelhaft war , welcher er wohl den Vorzug geben möchte . Beide schienen nicht über achtzehn Jahre zu haben , die eine größere war zart gebaut ; reiches braunes Haar zog sich um eine freie Stirne , die gewölbten Bogen ihrer dunkeln Brauen , das ruhige blaue Auge , der feingeschnittene Mund , die zarten Farben der Wangen - sie gaben ein Bild , das unter unsern heutigen Damen für sehr anziehend gelten würde , das aber in jenen Zeiten , wo noch höheren Farben , volleren Formen der Apfel zuerkannt wurde , nur durch seine gebietende Würde neben der andern Schönen sich geltend machen konnte . Diese , kleiner und in reichlicherer Fülle als ihre Nachbarin , war eines jener unbesorgten immer heiteren Wesen , welche wohl wissen , daß sie gefallen . Ihr hellblondes Haar war nach damaliger Sitte der Ulmer Damen in viel Löckchen und Zöpfchen geschlungen , und zum Teil unter ein weißes Häubchen voll kleiner künstlicher Fältchen gesteckt , das runde frische Gesichtchen war in immerwährender Bewegung , noch rastloser glitten die lebhaften Augen über die Menge hin , und der lächelnde Mund , der alle Augenblicke die schönen Zähne sehen ließ , zeugt deutlich , daß es unter den vielerlei abenteuerlichen Gruppen und Gestalten nicht an Gegenständen fehle , die ihrer fröhlichen Laune zur Zielscheibe dienen mußten . Hinter den beiden Mädchen stand ein großer bejahrter Mann ; seine tiefen strengen Züge , seine buschigen Augenbrauen , sein langer dünner , schon ins Graue spielender Bart , selbst sein ganz schwarzer Anzug , der wunderlich gegen die reichen