Tafel , mutwilliger wurden die Scherze , kühner die Blicke der Männer , schalkhafter das Kichern der Damen , und endlich rauschte die Rede in so fessellosen Strömen , daß man nachher wenig mehr davon wußte , als daß man sich » göttlich « amüsiert habe . Und dennoch war der Zauberer , der diese Lust heraufbeschwor , weit entfernt , je ins Rohe , Gemeine hinüberzuspielen . Er griff irgendeinen Gegenstand , eine Tagesneuigkeit auf , erzählte Anekdoten , spielte das Gespräch geschickt weiter , wußte jedem seine tiefste Eigentümlichkeit zu entlocken und ergötzte durch seinen lebhaften Witz , durch seine warme Darstellung , die durch alle Schattierungen von dem tiefsten Gefühl der Wehmut , bis hinauf an jene Ausbrüche der Laune streifte , welche in dem sinnlichsten , reizendsten Kostüm auf der feinen Grenze des Anstandes gaukeln . Manchmal schien es zwar , es möchte weniger gefährlich gewesen sein , wenn er dem Heiligen , das er antastete , geradezu Hohn gesprochen , das Zarte , das er benagte , geradezu zerrissen hätte ; jener zarte , geheimnisvolle Schleier , mit welchem er dies oder jenes verhüllte , reizte nur zu dem lüsternen Gedanken , tiefer zu blicken , und das üppige Spiel der Phantasie gewann in manchem Köpfchen unsrer schönen Damen nur noch mehr Raum ; aber man konnte ihm nicht zürnen , nicht widersprechen ; seine glänzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich hin , sie umhüllten die Vernunft mit süßem Zauber , und seine kühnen Hypothesen schlichen sich als Wahrheit in das unbewachte Herz . Zweites Kapitel Der schauerliche Abend So hatte der geniale Fremdling mich und noch zwölf bis fünfzehn Herren und Damen in einen tollen Strudel der Freude gerissen . Beinahe alle waren ohne Zweck in diesem Haus , und doch wagte keiner , den Gedanken an die Abreise sich auch nur entfernt vorzustellen . Im Gegenteil , wenn wir morgens lange ausgeschlafen , mittags lange getafelt , abends lange gespielt und nachts lange getrunken , geschwatzt und gelacht hatten , schien der Zauber , der uns an dies Haus band , nur eine neue Kette um den Fuß geschlungen zu haben . Doch es sollte anders werden , vielleicht zu unserem Heil . An dem sechsten Tage unseres Freudenreiches , einem Sonntag , war unser Herr v. Natas im ganzen Gasthof nicht zu finden . Die Kellner entschuldigten ihn mit einer kleinen Reise ; er werde vor Sonnenuntergang nicht kommen , aber zum Tee , zur Nachttafel unfehlbar da sein . Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewöhnt , daß uns diese Nachricht ganz betreten machte , es war uns , als würden uns die Flügel zusammengebunden und man befehle uns zu fliegen . Das Gespräch kam , wie natürlich , auf den Abwesenden und auf seine auffallende , glänzende Erscheinung . Sonderbar war es , daß es mir nicht aus dem Sinne kommen wollte , ich habe ihn , nur unter einer andern Gestalt , schon früher einmal auf meinem Lebenswege begegnet ; so abgeschmackt auch der Gedanke war , so unwiderstehlich drängte er sich mir immer wieder auf . Aus früheren Jahren her erinnerte ich mich nämlich eines Mannes , der in seinem Wesen , in seinem Blick hauptsächlich , große Ähnlichkeit mit ihm hatte . Jener war ein fremder Arzt , besuchte nur hie und da meine Vaterstadt , und lebte dort immer von Anfang sehr still , hatte aber bald einen Kreis von Anbetern um sich versammelt . Die Erinnerung an jenen Menschen war mir übrigens fatal , denn man behauptete , daß , sooft er uns besucht habe , immer ein bedeutendes Unglück erfolgt sei , aber dennoch konnte ich den Gedanken nicht loswerden , Natas habe die größte Ähnlichkeit mit ihm , ja es sei eine und dieselbe Person . Ich erzählte meinen Tischnachbarn den unablässig mich verfolgenden Gedanken und die unangenehme Vergleichung eines mir so grausenhaften Wesens , wie der Fremde in meiner Vaterstadt war , mit unserm Freunde , der so ganz meine Achtung und Liebe sich erworben hatte ; aber noch unglaublicher klingt es vielleicht , wenn ich versichere , daß meine Nachbarn ganz den nämlichen Gedanken hatten ; auch sie glaubten unter einer ganz andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter gesehen zu haben . » Sie könnten einem ganz bange machen « , sagte die Baronin von Thingen , die nicht weit von mir saß . » Sie wollen unsern guten Natas am Ende zum Ewigen Juden oder Gott weiß , zu was sonst noch machen ! « Ein kleiner ältlicher Herr , Professor in T. , der seit einigen Tagen sich auch an unsere Gesellschaft angeschlossen , und immer stillvergnügt , hie und da etwas weinselig , mitlebte , hatte während unserer » vergleichenden Anatomie « , wie er es nannte , still vor sich hin gelächelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit seine ovale Dose zwischen den Fingern umgedreht , daß sie wie ein Rad anzusehen war . » Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr länger hinter dem Berge halten « , brach er endlich los , » wenn Sie erlauben , Gnädigste , so halte ich ihn nicht gerade für den Ewigen Juden , aber doch für einen ganz absonderlichen Menschen . Solange er zugegen war , wollte wohl hie und da der Gedanke in mir aufblitzen , Den hast du schon gesehen , wo war es doch ? aber wie durch Zauber krochen diese Erinnerungen zurück , wenn er mich mit dem schwarzen umherspringenden Auge erfaßte . « » So war es mir gerade auch , mir auch , mir auch « , riefen wir alle verwundert . » Hm ! he , hm ! « lachte der Professor . » Jetzt fällt es mir aber von den Augen wie Schuppen , daß es niemand ist als der , den ich schon vor zwölf Jahren in Stuttgart gesehen habe . « » Wie , Sie haben ihn gesehen und in welchen Verhältnissen ? « fragte Frau v. Thingen eifrig , und errötete