sollte . Ich hatte eben mein neuntes Jahr vollendet , als eine Bekannte meiner Mutter mir eine Einladung sandte , das Schauspiel in ihrer Loge zu besuchen . Eine Erkältung mit Halsweh verbunden hatte mich seit einigen Tagen ins Zimmer gebannt , und dieser Umstand bewog meine Mutter , mich zu Hause zu behalten ; unglücklicherweise war die Botschaft in meiner Gegenwart ausgerichtet , und das bestimmteste Verlangen ins Schauspiel zu gehen war die Folge . Meine Mutter wendete vernünftige Vorstellungen an , ich beantwortete sie mit ungestümen Bitten , sie wies sie mit entschädigenden Versprechen ab , ich setzte ihnen lautes Weinen entgegen . - Sorge um meine Gesundheit gab diesesmal meiner Mutter Muth zu beharren , sie befahl meiner Wärterin , mich zu entfernen . - Nun brach meine Unbändigkeit los ; ich wehrte mich und erhitzte mich bis zur convulsivischen Heftigkeit , als mein Vater , der dazu kam , die Geduld verlor und zu meiner Mutter sagte : » Das Schreien kann ihrem Hals gefährlicher werden , wie funfzig Schauspiele . « - So wüthend ich war , bemerkte ich doch , daß meiner Mutter diese Aeußerung mißfiel . Mein Vater , der sein Unrecht fühlen mogte , half sich damit , sie anzuklagen , daß ihre Behandlung an meiner Unart schuld sey ; sie erwiederte seufzend , daß ich zu meinem eignen Wohl gebändigt werden müßte , worauf er nachläßig sagte : » Pah ! bei einem Weibe ist ein Bischen Widerspruchsgeist recht nützlich « , ein Spruch , durch den mancher rohe Ehemann die milde Güte seiner Gattin belohnt . - Dieses Gespräch war für mich nicht verloren ; ich schrie noch ausgelassener , wie vorher , bis mein Vater , aus aller Fassung gebracht , mir zurief : » Nun du unbändiges , ausgelassen unartiges Ding , so thu , was du willst , und hör auf zu lärmen . « - Jetzt hatte ich , was ich wollte , ließ mich schnell anziehen und ging ins Theater . Doch die Folgen waren schrecklich . Kaum war ich wieder nach Haus gekommen , so verfiel ich in ein heftiges Fieber ; lange bedrohte mich der Tod . Meine Mutter , meine geliebte , engelgute Mutter , die allein die Empfindung der Liebe in mir erweckte , deren Milde bei aller meiner Unbändigkeit den Begriff von Tugend in mir wach erhielt , deren unaussprechliche Güte doch eine Ahnung von Gewissen in mir begründete , wich nicht von meinem Lager . Sie opferte ihre Gesundheit auf , um mein Leben zu erhalten . Ich genaß ; aber nach einigen Monaten war die Abnahme ihrer Kräfte unverkennbar , nur ich allein verstand deren drohende Bedeutung nicht ; und doch - wenn ich sie von meinem endlosen Geschwätz , meinen lärmenden Spielen gänzlich erschöpft sah , konnte mich der Anblick so ergreifen , daß ich unbewußt meine jauchzende Stimme zu sanften Tönen herabstimmte und auf den Zehen um ihren Sopha einherschlich . Auch das längste Menschenleben kann nicht das Andenken der himmlischen Freundlichkeit schwächen , mit der sie diese kleinen Beweise meiner Achtsamkeit aufnahm . Bald wurde mein beständiger Aufenthalt in ihrem Zimmer täglich auf wenige Stunden eingeschränkt , dann brachte man mich nur noch früh zu ihr , wo ihre Kräfte in einiger Spannung waren , und Abends , um ihren Segen zu empfangen , und endlich - verflossen drei Tage , in denen mir ihr Anblick gänzlich entzogen blieb . Ungeduldig hatte ich sie zu sehen begehrt , leichtsinnig hatte ich mich durch nichtige Kurzweil davon abwenden lassen , als mir der Befehl gemeldet ward , zu ihr zu kommen . Mit kindischer Fröhlichkeit sprang ich in ihr Zimmer . Doch wie schnell verstummte meine Freude , da mich meine Mutter mit laut ausbrechendem Weinen in ihre schwachen Arme schloß , mehrmals versuchte sie zu sprechen , aber ihre Wehmuth verhinderte sie . Da trat ein fremder , ernsthafter Mann , der aufmerksam auf sie blickend am Bette stand , herzu und wollte mich , mit der Bemerkung : » die Kranke schade sich « von ihr wegnehmen . Die Furcht , mich fortführen zu sehen , belebte meiner Mutter schwindende Kräfte , sie sagte mit gebrochner , schwacher Stimme : » Komm , meine Ellen , komm , falte deine kleinen Hände und bitte Gott , daß wir uns wiedersehen mögen ! « Ich verstand den Sinn ihrer Worte nicht , aber wie ich sonst , wenn sie mich beten ließ , zu thun gewohnt war , kniete ich nieder , legte meine gefalteten Hände auf ihre Knie und betete : Guter Gott , laß mich meine Mutter wiedersehen ! Zweimal ließ sie mich diese Worte wiederholen , legte dann ihre gefalteten Hände auf mein Haupt und gab mir mit innigen , heißen Gebeten , in leisem Geflüster ihren letzten Segen . Nur eine der Bitten , die sie in diesem Augenblick zu Gott sprach , ist in meinem Gedächtniß geblieben ; anfangs aus Verwundrung , weil ihr Sinn mir unbegreiflich war , späterhin ward sie durch die Umstände mit unwiderstehlichem Nachdruck in mir aufgefrischt : » Sey , o mein Gott ! betete sie , gütiger , wie ihre irdischen Verwandten , sey ihr ein Vater , wenn du gleich durch Züchtigung dich also erweisest ! « - Noch Manches sagte sie , das mein Leichtsinn bald vergaß , bis ihr erneutes Schluchzen den fremden Mann wieder herbeizog , um mich zu entfernen , welches ich mir denn auch , von der Traurigkeit des Auftritts ermüdet , ziemlich gern gefallen ließ . Noch einmal drückte sie mich an ihr Herz ; wie die Thüre hinter mir sich zuschloß , hörte ich noch einmal den leisen Schrei ihres Schmerzens , und auf ewig war für mich ihre Stimme verhallt . Den folgenden Tag bat ich umsonst , meine Mutter zu sehen . Noch einen , und die Leute eilten traurig und geschäftig um mich her , die Dienstboten sahen mich verstört und mitleidig an