gänzlich vergessen . Desto mehr Zeit gewann sie , fürs erste Athem zu schöpfen , und dann die neue Welt , in die sie versetzt war , zu betrachten . Zum erstenmal in ihrem Leben befand sie sich unter so vielen , ihr gänzlich fremden Gestalten , und das Gefühl , daß auch sie ihnen fremd sey und es wohl lange noch bleiben würde , machte ihr Herz beklommen . Der Anblick der Gräfin versetzte sie in immer neues Erstaunen , sie erschien ihr um zwanzig Jahre jünger als sie vor wenig Tagen zum erstenmal im Schloß ihres Vaters sie gesehen hatte , dessen Schwester sie war . Dem mit allen Toilettenkünsten unbekannten Kinde kam diese Verwandlung ganz unbegreiflich vor , ja sie hätte geglaubt , daß es gar nicht die Tante sey , wäre Aurelia nicht zugegen gewesen und hätte sie nicht Mutter genannt . Aurelien betrachtete sie mit dem heißen Wunsch , sogar mit dem Entschlusse , solche zu lieben ; dennoch fühlte sie innerlich , daß ihr dieß nie gelingen würde . Der scharfe Blick der großen dunkelblauen Augen , das spöttische Lächeln , welches bei jedem Anlaß um die Rosenlippen der schönen Aurelia spielte , vernichtete jede Möglichkeit herzlichen Vertrauens zu ihr . Endlich wagte es auch Gabriele , den Blick zu Ottokarn zu erheben . Sie konnte es unbemerkt ; er stand hinter Aureliens Stuhl im eifrigen Gespräche mit dieser . Seine hohe schlanke Gestalt , die Anmuth seiner Bewegungen waren von Gabrielen schon früher als heute bemerkt worden . Sie erkannte ihn jetzt daran ; auch die edlen Züge seines Gesichts waren ihr nicht fremd , sie erschienen ihr wie die eines längst Bekannten , obgleich sie sie noch nie deutlich erblickt hatte . Eine Fülle hellbrauner Locken kräuselte sich um seine hochgewölbte Stirn , die blauen , muthig und kühn um sich her blitzenden Augen hatten bei allem Feuer etwas unbeschreiblich mildes und freundliches , und die dünnen Lippen des festgeschloßnen Mundes gaben seinem Gesicht einen sehr ernsten , fast wehmüthigen Ausdruck , der aber beim Sprechen in ein höchst anmuthiges Lächeln verschwebte . Sein ganzes Wesen trug das Gepräge kräftiger , zum Manne herangereifter Jugendblüthe . Er schien etwa achtundzwanzig bis dreißig Jahre alt . Es that Gabrielen heimlich weh , daß er sie so gar nicht bemerkte , obgleich sie sich auch freute , ihn ungestört ansehen zu können . Da stimmte er das einseitige Gespräch zum Allgemeinen um , und sie konnte nun mit der gespanntesten Aufmerksamkeit auf jedes seiner Worte horchen . Er erzählte von seiner eben beendigten Reise , und seine lebendige Darstellung wußte auch dem Allergewöhnlichsten Leben und Interesse zu geben . Dabei entgieng es Gabrielen nicht , daß er dem Gespräch absichtlich diese Wendung gab , um nur die ewigen Spötteleien über die abwesende Eugenia zu beenden , und ihr Gefühl wußte es ihm heimlich Dank . Es lag ein eigener , aller Herzen sich bemächtigender Zauber in dem vollen , reinen Klange seiner Stimme . Gabriele horchte so lange auf diesen Ton , daß sie zuletzt nur ihn hörte , wie man einer lieblichen Musik sich hingiebt , ohne dabei die Worte des Gesanges zu beachten . Alles andere um sich her vergessend , saß sie da , als ganz unerwartet ein ältlicher Mann , ihr Nachbar am Tische , sie durch eine gleichgültige Frage auf eine unangenehme Weise aus dieser süßen Selbstverlorenheit riß . Erschrocken darüber , fuhr sie zusammen , zerbrach beinah ihre Tasse und stammelte endlich hocherröthend eine Antwort , die niemand verstehen konnte . Die Augen der ganzen Gesellschaft wandten sich plötzlich ihr zu , und die Verlegenheit des armen Mädchens war entsetzlich , sie stieg bis zur qualvollsten Pein , als Aurelia nach ihrer schonungslosen Art laut ausrief : » Ich glaube die Kleine war eingeschlafen ; kein Wunder , sie ist müde von der Reise ! « und indem sie aufstehend ihre Hand ergriff , hinzusetzte : » Komm , Liebchen , ich bringe dich zu deiner Bonne , die wohl auch mit Schmerzen auf dich harrt , die Abschiedsknixe kannst du übrigens sparen ; « und damit zog sie das tiefgekränkte Mädchen zur Thüre . Beinahe weinend vor Schaam und Zorn über Aureliens unfreundliches Benehmen und ihre eigne Ungeschicklichkeit , langte Gabriele bei der guten Frau Dalling an , der Pflegerin ihrer Kindheit , und vermochte es kaum über sich , ihr die Begebenheiten dieses Abends nur ganz im Allgemeinen kund zu thun . Alles schwamm in bunter Verworrenheit vor ihrem betäubten Sinn ; nur Ottokars Gestalt , seine Stimme , seine Worte waren ihr deutlich in der Erinnerung geblieben . In ihrer jungen Brust gegen einander ankämpfend , wogten tausend nie zuvor gekannte süße und bittre Empfindungen und machten sie verstummen ; Freude über Ottokars Wiederbegegnen , Schmerz , daß er sie gar nicht bemerkte , und dazu das herbe Gefühl des Alleinseyns , mitten unter fröhlichen Menschen . Noch nie war Gabriele sich selbst so unbedeutend erschienen , nie zuvor hatte sie Demüthigung vor Zeugen , Unzufriedenheit mit sich selbst wie heute empfunden , und es gelang ihr nur mit großer Anstrengung , sich zum tröstenden Selbstbewußtseyn endlich wieder empor zu ringen und den festen Entschluß zu fassen , äußere Zufälligkeiten nicht höher zu stellen als deren eigentlicher Standpunkt es fordert . Eine unaussprechliche Sehnsucht nach ihrer Mutter ergriff ihr tief verwundetes Gemüth , wie ein müdes Kind weinte sie sich endlich spät in den Schlaf ; aber alle die vielen neuen Gestalten des vergangnen Abends umschwirrten sie noch im ängstlichen Traume , und zwischen ihnen hindurch tönte tröstend Ottokars Stimme , mit der er die Worte sprach : » Ich bitte für das junge Fräulein , sie hat wahrlich nicht Unrecht ! « Ehe wir Gabrielen auf ihrem fernern Lebenspfade begleiten , wird es nöthig seyn , den Leser zu ihrer früheren Jugendgeschichte zurückzuführen und ihn mit ihren Eltern bekannt zu machen . Ihr Vater , Baron Aarheim , war schon im frühen Jünglingsalter unumschränkter