zu bestehen . Wie lächle ich manchmal , wenn ich die Bedingungen durchlese , die mir der Verein , die ich mir selbst vorschrieb ! Manches wird gehalten , manches übertreten ; aber selbst bei der Übertretung dient mir dies Blatt , dieses Zeugnis von meiner letzten Beichte , meiner letzten Absolution statt eines gebietenden Gewissens , und ich lenke wieder ein . Ich hüte mich , und meine Fehler stürzen sich nicht mehr wie Gebirgswasser einer über den andern . Doch will ich dir gern gestehen , daß ich oft diejenigen Lehrer und Menschenführer bewundere , die ihren Schülern nur äußere , mechanische Pflichten auflegen . Sie machen sich ' s und der Welt leicht . Denn gerade diesen Teil meiner Verbindlichkeiten , der mir erst der beschwerlichste , der wunderlichste schien , diesen beobachte ich am bequemsten , am liebsten . Nicht über drei Tage soll ich unter einem Dache bleiben . Keine Herberge soll ich verlassen , ohne daß ich mich wenigstens eine Meile von ihr entferne . Diese Gebote sind wahrhaft geeignet , meine Jahre zu Wanderjahren zu machen und zu verhindern , daß auch nicht die geringste Versuchung des Ansiedelns bei mir sich finde . Dieser Bedingung habe ich mich bisher genau unterworfen , ja mich der gegebenen Erlaubnis nicht einmal bedient . Hier ist eigentlich das erstemal , daß ich stillhalte , das erstemal , daß ich die dritte Nacht in demselben Bette schlafe . Von hier sende ich dir manches bisher Vernommene , Beobachtete , Gesparte , und dann geht es morgen früh auf der andern Seite hinab , fürerst zu einer wunderbaren Familie , zu einer heiligen Familie möchte ich wohl sagen , von der du in meinem Tagebuche mehr finden wirst . Jetzt lebe wohl und lege dieses Blatt mit dem Gefühl aus der Hand , daß es nur eins zu sagen habe , nur eines sagen und immer wiederholen möchte , aber es nicht sagen , nicht wiederholen will , bis ich das Glück habe , wieder zu deinen Füßen zu liegen und auf deinen Händen mich über alle das Entbehren auszuweinen . Morgens . Es ist eingepackt . Der Bote schnürt den Mantelsack auf das Reff . Noch ist die Sonne nicht aufgegangen , die Nebel dampfen aus allen Gründen ; aber der obere Himmel ist heiter . Wir steigen in die düstere Tiefe hinab , die sich auch bald über unserm Haupte erhellen wird . Laß mich mein letztes Ach zu dir hinübersenden ! Laß meinen letzten Blick zu dir sich noch mit einer unwillkürlichen Träne füllen ! Ich bin entschieden und entschlossen . Du sollst keine Klagen mehr von mir hören ; du sollst nur hören , was dem Wanderer begegnet . Und doch kreuzen sich , indem ich schließen will , nochmals tausend Gedanken , Wünsche , Hoffnungen und Vorsätze . Glücklicherweise treibt man mich hinweg . Der Bote ruft , und der Wirt räumt schon wieder auf in meiner Gegenwart , eben als wenn ich hinweg wäre , wie gefühllose , unvorsichtige Erben vor dem Abscheidenden die Anstalten , sich in Besitz zu setzen , nicht verbergen . Zweites Kapitel Sankt Joseph der Zweite Schon hatte der Wanderer , seinem Boten auf dem Fuße folgend , steile Felsen hinter und über sich gelassen , schon durchstrichen sie ein sanfteres Mittelgebirg und eilten durch manchen wohlbestandnen Wald , durch manchen freundlichen Wiesengrund immer vorwärts , bis sie sich endlich an einem Abhange befanden und in ein sorgfältig bebautes , von Hügeln rings umschlossenes Tal hinabschauten . Ein großes , halb in Trümmern liegendes , halb wohlerhaltenes Klostergebäude zog sogleich die Aufmerksamkeit an sich . » Dies ist Sankt Joseph « , sagte der Bote ; » jammerschade für die schöne Kirche ! Seht nur , wie ihre Säulen und Pfeiler durch Gebüsch und Bäume noch so wohlerhalten durchsehen , ob sie gleich schon viele hundert Jahre im Schutt liegt . « » Die Klostergebäude hingegen « , versetzte Wilhelm , » sehe ich , sind noch wohlerhalten . « - » Ja « , sagte der andere , » es wohnt ein Schaffner daselbst , der die Wirtschaft besorgt , die Zinsen und Zehnten einnimmt , welche man weit und breit hierher zu zahlen hat . « Unter diesen Worten waren sie durch das offene Tor in den geräumigen Hof gelangt , der , von ernsthaften , wohlerhaltenen Gebäuden umgeben , sich als Aufenthalt einer ruhigen Sammlung ankündigte . Seinen Felix mit den Engeln von gestern sah er sogleich beschäftigt um einen Tragkorb , den eine rüstige Frau vor sich gestellt hatte ; sie waren im Begriff , Kirschen zu handeln ; eigentlich aber feilschte Felix , der immer etwas Geld bei sich führte . Nun machte er sogleich als Gast den Wirt , spendete reichliche Früchte an seine Gespielen , selbst dem Vater war die Erquickung angenehm , mitten in diesen unfruchtbaren Mooswäldern , wo die farbigen , glänzenden Früchte noch einmal so schön erschienen . Sie trage solche weit herauf aus einem großen Garten , bemerkte die Verkäuferin , um den Preis annehmlich zu machen , der den Käufern etwas zu hoch geschienen hatte . Der Vater werde bald zurückkommen , sagten die Kinder , er solle nur einstweilen in den Saal gehen und dort ausruhen . Wie verwundert war jedoch Wilhelm , als die Kinder ihn zu dem Raume führten , den sie den Saal nannten . Gleich aus dem Hofe ging es zu einer großen Tür hinein , und unser Wanderer fand sich in einer sehr reinlichen , wohlerhaltenen Kapelle , die aber , wie er wohl sah , zum häuslichen Gebrauch des täglichen Lebens eingerichtet war . An der einen Seite stand ein Tisch , ein Sessel , mehrere Stühle und Bänke , an der andern Seite ein wohlgeschnitztes Gerüst mit bunter Töpferware , Krügen und Gläsern . Es fehlte nicht an einigen Truhen und Kisten und , so ordentlich alles war , doch nicht an dem Einladenden des häuslichen ,