jetzt verstehe ich ihn ganz , und bei seinen Klaggesängen schweigt mir das Leid im Busen . Oft stehe ich noch abends einsam am Maste gelehnt und betrachte die Gewölke , welche der untergegangenen Sonne nachziehen . Dann will mich ' s oft bedünken , als lagerten die Helden vergangener Zeiten auf ihrem rötlichen Saum . Teure Gestalten ! ihr begleitet Virginia nach dem Lande , wo sie einst ruhen wird unter dem moosigen Steine , den die Hand eines Fremdlings mitleidvoll auf ihren Hügel legt . Doch nicht von meinem Grabe wollte ich mit Dir reden , traute Adele , als ich dieses neue Blatt anfing , sondern von meinem Eintritt in das Leben und wie ich das wurde , was ich bin . Meinen Vater hast Du gekannt , den schönen , herrlichen Mann . Du erinnerst Dich noch seines hohen männlichen Wuchses , seiner stolzen Stirn , seiner Adlernase , der sanften , großen blauen Augen , des freundlichen Mundes . Du weißt noch , wie ernst und fest , wie wild und freundlich er zu gleicher Zeit war . Als jüngerer Sohn des Ritters von Montorin für die Rechtsgelehrsamkeit bestimmt , studierte er auf dem Kollegium zu Aix - als der Freiheitskampf in Amerika alle Herzen der europäischen Jugend in Bewegung setzte . Sein älterer Bruder , schon früher im Militär angestellt , wußte es dahin zu bringen , daß er zu einem Regimente versetzt wurde , welches , im Laufe des Krieges , zur Verstärkung der französischen Hülfstruppen eingeschifft werden sollte . Lange hatte sich ein Oheim , dessen Erbe er war , diesem Wunsche auf das lebhafteste widersetzt . Der jugendliche Enthusiasmus siegte . Vor seiner Einschiffung wünschte der ältere den jüngern Bruder noch zu sehen und nahm einen kleinen Umweg über Aix . Hier ergriff nun meinen Vater das unwiderstehliche Verlangen , den geliebten Bruder in diesen ehrenvollen Kampf zu begleiten . Plutarch und Xenophon hatten den kaum erst sechzehnjährigen Jüngling zum Manne gereift . Er raffte zusammen , was sich ohne Aufsehen fortbringen ließ , und folgte heimlich dem Bruder , um als Freiwilliger den Feldzug mitzumachen . Sie erreichten glücklich den Hafen von Marseille , wo die Flotte bereitlag , sie aufzunehmen . Mit leichtem Herzen verließen sie Frankreich . Dieselben Wellen , die immer hin und wieder kehren , auf deren Rücken unser » Washington « dahintanzt , dieselben trugen sie fröhlich zu dem ersehnten Ziele . Mit hochklopfendem Busen landeten die Jünglinge und begannen den Kampf gegen die Macht des stolzen Englands . Drei Jahre fochten sie nebeneinander , mit wechselndem Glücke , doch umschwebte meistens der Sieg ihre Fahnen . Ihre Heldenherzen rissen sie zu jeder schwierigen Unternehmung voran . Wo die Gefahr war , fochten die Brüder . Bei Eutaw wankte das Bataillon , welches der ältere als Oberst kommandierte , auf einen Augenblick . Ein mörderisches Kartätschenfeuer der Engländer trennte die Glieder ; da entriß mein Oheim dem weichenden Fähnrich das Panier : » Wer mich liebt und die Ehre « , rief er , » der folge mir ! Freiheit und Sieg ! Freiheit und Sieg ! « Mit diesen Worten stürmte er im raschen Laufe gegen die feindliche Batterie vor . » Freiheit und Sieg ! « rief mein Vater ; » Freiheit , Sieg und unser Oberst ! « tönte es durch alle Glieder . Man stürmte ihm nach . Die Batterie war genommen , aber tödlich verwundet erreichte mein edler Oheim das Ziel seiner Anstrengung . Ein Schuß in die Brust hatte ihn schon im halben Laufe getroffen . Er hielt die linke Hand fest auf die Wunde gedrückt , um das fließende Blut noch einige Augenblicke aufzuhalten , pflanzte mit bebender Rechten die flatternde Fahne neben dem feindlichen Geschütz auf und sank dann sterbend nieder . » Mein Wunsch ist erfüllt « , sagte er mit schwacher Stimme , » der Sieg ist unser . Freiheit und Menschenrechte habe ich diesem dereinst glücklichen Lande erkämpfen helfen . Weine nicht , mein Bruder , weinet nicht , Kameraden , ich sterbe den schönsten Tod . « Mit diesen Worten hauchte der jugendliche Held in den Armen des Bruders seine große Seele aus . Nur ein einfacher , kleiner Hügel konnte über seine irdischen Reste errichtet werden , aber sein Pantheon ist der Ort , wo er fiel , und mit heiliger Ehrfurcht , wie die Spartanerin zu dem Passe von Thermopylä , werde ich dahin wallen . Er kämpfte nicht den zweideutigen Kampf für Land und Besitztum , er focht für fremdes Glück , für die Menschheit , für den Gott im Busen . In den Jahren des Genusses ließ er ein glänzendes Los daheim und hohe Erwartungen ; trug in Wüsten alle Beschwerden und Mühseligkeiten des Krieges , um für ein fremdes , gedrücktes Volk zu kämpfen . Indem ich mir ihn so vergegenwärtige , fühle ich , was Ahnenstolz ist und wie er entspringt . Ja , ich bin stolz auf ihn , auf den edlen , nicht auf den adeligen Menschen . Ursprünglich waren beide Worte nur eins . Wehe ! daß man in der Folge Zeichen und Sache trennen mußte . Nach dem Frieden kehrte mein Vater nach Frankreich zurück . Er fand den alten Herzog , seinen Oheim , tief gebeugt über den Verlust seines Lieblings , wurde aber , als nunmehriger Erbe , mit allen Zeichen der Wertschätzung empfangen , bei Hofe vorgestellt , bewundert und mit Schmeicheleien überhäuft . Die Frauen fanden ihn unbeschreiblich schön , den Männern gebot er Ehrfurcht , ein Teil der jüngern , nicht sehr begünstigten , schloß sich mit Begeisterung an ihn an . Der Oheim tat zweckmäßige Schritte und erhielt die sehr nahe Aussicht zu einer ansehnlichen Hofbedienung für ihn . Mein Vater liebte aber den Hof nicht , sowenig man auch hinter seinem gefälligen , zarten Benehmen , welches der Abdruck seines menschenfreundlichen Herzens war , seine Abneigung ahndete . Der Oheim war höchst unangenehm überrascht , als