er fühlte sich von ihrem großen , ruhigen und klaren Blick tief und wunderbar ergriffen . Solche Augen - das konnte er sich nicht abläugnen , hatte er niemals noch gesehen . Sie trugen den Himmel in ihrer herrlichen Tiefe , und sprachen in lichtheller Klarheit eine Treue , einen Seelenadel , eine Reinheit aus , vor denen selbst sein frivoler Sinn sich beugte . Doch lange blieb es ihm nicht vergönnt , sich in ihrem Anschauen zu verlieren , denn Verlegenheit , die ihre bleichen Wangen plötzlich mit dem sanften Anhauch einer zarten Rothe färbte , verhüllte schnell mit der süßen Nacht der langen Wimpern den Himmelsglanz , der ihm so leuchtend in die Seele drang . Wahrscheinlich hatte Erna von ihrer Mutter die Weisung empfangen , ihn mit besonderer Auszeichnung zu begegnen , und die schwache Frau , die kein Geheimnis vor der geliebten Tochter verbergen konnte , hatte den mit der Generalin früher besprochenen Plan einer Verbindung zwischen ihr und Alexander , ihr als Perspective ihrer Zukunft gezeigt . IV In ihrer Verwirrung fand er sehr bald seinen Muth und seine Gegenwart des Geistes wieder . Es fing seine Eitelkeit an zu intereßiren , sich die Entscheidung der Frage zu verschaffen , ob Erna etwas wisse von dem Plan der beiden alten Frauen , oder ob seine Persönlichkeit allein sie so sichtbar imponirt habe . Denn es war nicht zu verkennen , daß sie von seiner Anrede gleichsam electrisirt , alle Fassung verlor , und in ihrer linken , blöden und verlegenen Antwort weniger ihre geistige Beschränktheit als eine tiefe Betroffenheit des Herzens verrieth . Er gönnte ihr Zeit , sich ein wenig zu sammeln , und erneuerte dann wieder seine Versuche , ihr Rede abzugewinnen , aber neues glühendes Erröthen , von leisem Beben und einzelnen abgebrochenen , kaum hörbaren Worten begleitet , scheuchten ihn abermals zurück , und erst als er sich nicht mehr um sie zu bekümmern schien , erlangte sie ihre Ruhe und Unbefangenheit wieder . Ob sie nun gleich , trotz der wunderschönen Augen , denen er volle Gerechtigkeit widerfahren ließ , weit unter seinen Erwartungen und Wünschen blieb , so schmeichelte es ihm doch , den tiefen Eindruck zu bemerken , den seine Erscheinung auf ein so völlig neues unerfahrenes Herz gemacht hatte , und er beschloß , sich damit zu belustigen . Um der schüchternen Taube einigermaßen Zutrauen einzuflößen , verbarg er die Habichtsklauen seines Leichtsinns , und stellte sich ernst , fromm und sinnig an . Ohne durch seine Nähe ihr leicht bewegtes Gemüth ängstlich aufzuregen , wußte er doch die Ueberzeugung wach in ihr zu erhalten , daß seine Aufmerksamkeit theilnehmend mit ihr allein beschäftigt sei , und sie vor allen ihren Gespielinnen auszeichne . Die Verehrung , mit der er ihre Mutter behandelte , und die bescheidne liebliche Art , mit welcher er sie zu unterhalten und zu erheitern strebte , erwarb ihm nicht nur den Beifall der Matrone , sondern flößte auch Erna die vortheilhafteste Meinung von seinem Charakter ein , die den günstigen Eindruck seiner einnehmenden Gestalt verstärkte . Seine Tante selbst war entzückt über sein Betragen , und konnte es kaum erwarten , ihn allein zu sprechen , um ihm ihre Zufriedenheit zu bezeugen , und sein Urtheil über Erna zu vernehmen . Alexander hatte durch seine frühere , übel aufgenommene Freimüthigkeit erfahren , daß es bedenklich sei , ihr ganz offen seine innersten Gedanken und Gefühle darzulegen , und da es seine Absicht war , sie nicht abermals zu erzürnen , so unterdrückte er seine satyrischen Bemerkungen , und verbarg ihr , wie lächerlich er das gute Kind in seiner ländlichen Unbeholfenheit und Schüchternheit fand . Er begnügte sich daher , nur im Allgemeinen sich zu äußern , und sehr gemildert und oberflächlich seine wahre Meinung auszudrücken . Gern glaub ich , beste Tante , sagte er , daß in dem Fräulein die Keime aller möglichen Tugenden verborgen liegen , aber es wird schwer halten , sie an ' s Licht zu befördern , da ihre Blödigkeit doch wirklich alle Gränzen übersteigt . Bei dem sorgsamsten , und gewiß nicht zudringlichen und unzarten Bestreben , mit ihr in irgend eine Art von Beziehung zu kommen , hat mir der heutige mühevolle Abend doch kein anderes Resultat gebracht , als daß ich weiß - wie sie erröthet . Sie ist für jetzt , sich und andern , wie mir scheint , noch ein bloßes Fragzeichen im Leben , eine mimosa pudica , die bei der leisesten Berührung krampfhaft zusammenfährt , und man sollte glauben , daß eine Mönchszelle in Georgien sie erzeugt habe , so gesenkten Hauptes , gleichsam gebeugt , wandelt sie einher . Dort , wo die Mönche in nicht völlig vier Fuß hohen Zellen wohnen , um eine demüthige Stellung sich anzugewöhnen , mag ein solcher Anstand auch ganz an seinem Platze seyn . Hier aber unter uns in froher Geselligkeit , und fern von aller klösterlichen Disciplin war es vortheilhafter und vernünftiger , wenn sie das pikante Gesichtchen ein wenig erheben wollte - besonders , da ein paar Augen es schmücken , wohl werth , daß man in ihren Strahlen sich sonnet . Die Generalin war vorläufig mit seiner Charakteristik zufrieden , denn sie mußte im Geiste zugeben , daß er Recht hatte . Auch sie fand heute ihre sonst so ruhige Erna so ungewöhnlich verschüchtert und verlegen , daß sie sie kaum selbst erkannte . Sie wollte jedoch der Eigenliebe des ohnehin eitlen Jünglings nicht durch die Entdeckung schmeicheln , daß sein Anblick die Ursach einer so auffallenden Verwandelung sei , und überließ es der Zeit , und Erna ' s Reizen des Körpers und der Seele , den Flatterhaften zu fesseln , und mit der Unbehaglichkeit des ersten Empfangs zu versöhnen . V Die Stadt , in welcher die Generalin lebte , gehörte zwar eben nicht zu den größten , und war keineswegs frei von den kleinlichen Fehlern eines Tons , der sich oft durch Neugierde und Geschwäzzigkeit