Regierung und über die Leute im Dorf . Denn weil im Dorfe fast alle Haushaltungen in Schulden waren , so konnten die wenigsten zahlen . Und weil die Gemeinde selbst seit dem Kriege eine große Schuld von vielen tausend Gulden trug , fiel das Zahlen der Zinsen , der Gemeindesteuern und Landesabgaben nur auf die Vermöglichern . Das machte sie mißvergnügt und zornig . Ueberhaupt war in Goldenthal Einer wider den Andern und beständig Streit und Zank . Keiner traute dem Andern ; Jeder wußte dem Andern etwas Böses nachzusagen . Da war kein Treu und Glauben , sondern eitel Lug und Trug . Die Armen beneideten die Reichen ; die Reichen drückten und plagten die Armen . Die Reichen trieben , wenn sie Geld ausborgten , schändlichen Wucher , und nahmen von armen Leuten , die in der Noth waren , ihre zwölf , zwanzig und mehr Prozent Zinsen , ohne daß sich darüber das christliche Gewissen schämen und grämen wollte . Die Armen hinwieder rächten sich , wie Schelmen es machen ; sie beschädigten den Reichen Bäume und Pflanzungen heimlich , stahlen ihnen Gemüs und Obst , Trauben und Holz und Hühner , und was sonst zugänglich oder leicht nehmbar war . Man konnte sich auf kein Wort , auf keinen Eid mehr verlassen . Selbst zwischen Eheleuten war eitel Haß und Gezänk . Das sahen die Kinder alle Tage und lernten nichts Besseres . Trotz der sichtbaren Verarmung der Gemeinde , und wiewohl jeder über Regierung , Obrigkeit und schlechte Zeiten klagte , und kein Geld hatte , wenn er das Notwendigste zahlen sollte , thaten die Leute doch insgesammt groß . Das Arbeiten ließ man sich nicht allzusauer werden . Die Vermöglichen , wenn sie später aufs Feld gingen , oder früher Feierabend machten , sprachen bei sich : » Gottlob , wir können ' s wohl so haben ! « Und die Armen und Taglöhner , wenn sie bei der Arbeit die Hände fallen ließen und umhergafften , sprachen sie : » Nun unsereins ist auch kein Vieh ! Man muß auch geruht haben . « Aber wenn der Samstag Abend kam , oder der Sonntag , hatte Jeder Geld , um sich im Wirthshaus bei Wein , Bier und Branntwein gütlich zu thun . Da hieß es : » Herr Wirth , noch eine Halbe ! Juchhei , Karten her ! « - Da ward der Wochenverdienst durch die Gurgel gejagt , oft mehr noch . Man spielte . Der Eine verlor sein Geld , der Andere versoff oder vertanzte den Gewinnst . Zwischenein in der Woche ward auch das Wirthshaus nicht ganz vergessen . Diese Leute litten die Kehle nicht ganz trocken . Unterdessen hatten die Weiber und Kinder kaum satt zu essen . War aber Geld im Haus , wenn auch nur wenig , da mußte Kaffee her und mußte geküchelt werden . Dann hieß es : » Lieber Gott , es kömmt an unsereins selten . Man will doch auch einmal seinen guten Tag haben . Was hat man sonst vom Leben ? « An Feiertagen fehlte es nicht , und die wollte man doch gefeiert haben . War im benachbarten Städtlein Jahrmarkt , so mußte man doch auch hin und sehen , wie es in den Wirthshäusern der Stadt sei , und hören , was es Neues in der Welt gebe ? Dann fehlte es außerdem nicht an allerlei Gängen und Läufen , Prozeßhändeln und Schritten und Tritten vor Richter und Obrigkeit . Das brachte viel Versäumniß und Ausgaben , wenig Gewinn und Vortheil . Folglich nahm in allen Häusern das Vermögen eher ab als zu . Und darum fluchte Einer wie der Andere über schlechte Zeiten , über Regierung und über die Leute im Dorf . 3. Was der verständige Müller erzählt . Als Oswald in seinem Dorfe so viel Lasten und Sünden sah , ist ihm vor Zorn das Herz geschwollen . Er ging in die Mühle , wie er allemal that , wenn er voll Unmuths war . Und wenn ihn da die holdselige Elsbeth anlächelte , verschwand sein Verdruß , wie eine Nebelwolke an der Stirn des Berges vor dem Glanz der Sonne . Oswald sprach zum Müller : » Nein , wie sind doch die Leute so gottlos und die Hütten so voll Jammers ! Das ist vor Zeiten nicht so gewesen . Da war der Fleiß auf den Feldern , die Zierlichkeit im Dorfe , die Eintracht in den Häusern und der Reichthum in den Scheuern . Da wurden die Bauern hochgeehrt von den Städtern , und man nannte sie auch wohl die Herren Goldenthaler . Nun ist Alles umgekehrt , und die Armuth sitzt neben der Bosheit unter den Dächern . Wie hat der Krieg so viel Uebels angerichtet ! « Der Müller antwortete und sprach : » Unser Dorf hat vom Kriege viel gelitten , gleichwie andere Dörfer und Städte . Es lagerten sich fremde Völker bei uns ein und verzehrten unsere Vorräthe ; wir mußten den Kriegsleuten dienen und liefern , was sie wollten ; wir mußten der Obrigkeit Zins und Steuern zahlen ; wir hatten schlechten Verdienst , denn Handel und Wandel standen still , alles Gewerb war Verderb , und schlechte Jahre und Witterungen kamen dazu , daß das Gras auf den Feldern , das Getreide auf den Aeckern , das Obst an den Bäumen und die Traube an den Reben umkam . Aber unser Unglück stammt nicht von Krieg und Theuerung her . Denn andere Städte und Dörfer haben gelitten , wie wir , und fangen doch wieder an , heiter aufzuschauen . Aber in unserm Dörflein wird es alle Tage schlimmer . Andere Städte waren in Trübsal und Armuth untergesunken , wie wir ; doch heben sie sich wieder daraus mit Gottes Hülfe hervor . Aber , dem Himmel sei ' s geklagt , wir gehen nun darin unter . « » Das wolle Gott verhüten ! « rief Oswald : » Woher kommt das ? «