dem Schauplatze unsrer Geschichte . Waiblingen versteckt sich jetzt , wie wir von Reisenden hörten , ungeachtet es an einem Hügel hinangebaut ist , hinter umgebenden Weinbergen . Ehemals ragte am Tore ein hoher Wachtturm hinaus , der mit vier kleinen Türmchen und einem höhern in der Mitte , alle fünf mit Schiefer wohlgedeckt , der Stadt schon aus der Ferne ein wehrhaftes Ansehen gab . Dieser Turm ist die Bühne , welche den Anfang unsrer Geschichten aus den engen Verhältnissen eines kleineren Städtleins zum Seltsamen erhebt ; so verdient er eine nähere Beschreibung . Die vier Türmchen traten an den vier Ecken des Mauerwerks von Werkstücken heraus , auch ein gezähnter Gang zwischen ihnen war zur bessern Verteidigung hinaus gebaut . Unter dem mittleren Turme befand sich das Wachtzimmer , in dessen Mitte eine große Wurfschleuder gegen andringende Feinde aufgerichtet war , während die Wände hinlänglich mit Armbrüsten und Harnischen behangen waren , um bei raschem Angriff gleich eine bedeutende Zahl Bürger zu rüsten . Als Wächter wurde immer ein alter Kriegsmann gelöhnt , der des Schlafes entwöhnt , mit den Seinen abwechselnd eine ununterbrochene Wacht unterhalten mußte . Auf seinem Büffelhorne zeigte er mit allgemein bekannten Zeichen an , wenn sich Not und Sorge , sei es durch Kriegsscharen und Räuber , oder durch Feuer und Wasser dem Stadtgebiete näherten . In solchem Fall kamen viel neugierige Gesellen zum Besuch , sonst mied jeder die enge Windeltreppe des Turms , der nicht besondere Freundschaft zu dem Wächter trug . Eine Winde im Wächterzimmer war zu doppeltem Gebrauche eingerichtet , sie hob in einem großen Eimer von der Stadtseite zu bestimmten Stunden seine Lebensmittel empor , und nahm in demselben Eimer von der Landseite nach dem unerbittlichen Torschluß alle verspätete Sendungen an Rat und Bürger der Stadt gegen mäßigen Lohn auf . Bei dem lebhaften Verkehr , dessen sich die Stadt jetzt als Vorratskammer der Neckarweine für Augsburg , durch Gerbereien und Ankauf von Schlachtvieh erfreute , war diese Art Nebengewinn ein Hauptunterhalt des Wächters geworden , der nach dem frühen Torschlusse mit Sehnsucht nach verspäteten Boten auf die Straße von Augsburg herunter blickte . Von Augsburg war das Tor genannt , so weit Augsburg davon entlegen sein mochte . Augsburg war damals gleichsam ein heiliger Name , weil die sichtbaren Quellen des Wohlstandes , das Geld und die Reisenden , die es brachten , von Augsburg entsprangen und nichtimmer wieder dahin zurückkehrten ; im zweiten Buche führt uns die Geschichte nach diesem Mittelpunkte des Handels , zu den reichen Geschlechtern , die , das neu entdeckte Amerika mitzuerobern , Schiffe ausrüsteten und die Kaiser durch Glanz und Erfindung froher Feste sich zu geselliger Freude verbanden . Erstes Buch Erste Geschichte Die Hochzeit auf dem Turme Der Bürgermeister von Waiblingen , Herr Steller , und der Vogt des Grafen von Wirtemberg , Herr Brix , führten einander in der Neujahrsnacht mit ungewissen Schritten durch die glatten Gassen , nachdem sie einander beim Schlage der zwölften Stunde vor dem Ratskeller den flockig fallenden Schnee vom Barte geküßt und alles gute Glück angewünscht hatten . Der Wein erweicht des Menschen Herz , dachte der Bürgermeister , ich hätte nimmermehr geglaubt , daß ich den Vogt so lieb hätte ; dann fuhr er fort : » Schade , daß es so dunkel am Himmel und so weiß an der Erde ist , kein Sternlein ist zu sehen , das uns ein Zeichen gäbe vom neuen Jahre . « - » Kein Stern « , fragte der Vogt mit schwerer Zunge , » was sind denn das für ein Paar rote Sterne am Himmelsrande ? « - » Das sind die Fenster des Wachtturmes « , antwortete Herr Steller lachend , » kennt Ihr die nicht , aber sie leuchten heute wohl heller als sonst , denn da ist Bettelmanns Hochzeit , der neue Turmwächter , der Martin , hat heute die Witwe des vorigen geheuratet , weil sie oben zu stark geworden , um die enge Windeltreppe herunter zu steigen . Wir konnten doch wahrhaftig der Frau wegen nicht den Turm abbrechen lassen und so mußte sie sich dazu bequemen , sonst hätte sie lieber unsern Schreiber , den Berthold , geheuratet . Der Pfarrer hat sie oben müssen zusammengeben . « - » Aber um Gottes willen « , fragte der Vogt , » wie soll die Frau hinunterkommen , wenn sie erst tot ist , da wird ein Mensch doch noch ungeschickter , als er bei lebendigem Leibe war . « - » Das würde sich finden , wie ' s Sterben , meinte sie « , sprach Steller , » solch armes Volk lebt in die Zeit hinein , wie ' s liebe Vieh , wenn es nur Futter hat . Gute Nacht Gevatter , viel Glück zum neuen Jahre ; Ihr werdet doch allein fortkommen ? « So taumelten sie aus einander , der Vogt ging den beiden roten Sternen nach und der Bürgermeister gab Achtung , daß sie ihm im Rücken blieben und so führte das Glück der Armen die beiden Reichen wie eine Vorbedeutung in ihre Häuser heim . Auf dem Turme saß der alte , trockene Martin , der neue Turmwächter im verschossenen , roten Wams , den er noch aus dem italienischen Kriege mitgebracht hatte , zwischen Frau Hildegard , mit der er heute vermählt war , und Berthold , dem Ratsschreiber , wie auf dem Felde des Schachbretts zwischen Schwarz und Weiß , denn jene war reinlich in weißem , selbstgewebten Leinen , dieser sehr anständig in schwarzem Tuch gekleidet . Martin sprach davon , wie er sonst auf Schlachtfeldern zwischen Tod und Teufel und jetzt wie im Schachspiel fröhlich zwischen Freund und Frau sitze und habe sich das nicht träumen lassen voraus , dabei umfaßte er beide und drückte beiden die Köpfe an einander , daß sie sich küssen mußten und trank dann seinen Wein auf die Erinnerung einer Neujahrsnacht , wo er und Berthold auf den Turm stiegen und Frau Hildegard