sagen . Es ist wohl schön , daß sich so oft am Abend die aufgeregte Natur sänftigt ! alles wird stiller , die Luftzüge wehen wie lange , heilige Seufzer , und ganz zuletzt reißen die Nebel und glänzen in tausend wehmüthigen Thränen auf der Erde ! Sie setzten sich an das Ufer ; den Blick nach dem Harz gewandt , fuhr Mathilde fort : das dunkle Gebürge , das dort wie eine Wolke vor uns aufsteigt , scheint mir in diesem Augenblick die ganze Welt zu umfassen , wie es denn auch wirklich alle Bilder meines Lebens umfängt , die allesammt wie ein Punkt in der hereinbrechenden Nacht verschwinden . Es fließt schon so manches ineinander , was ich nicht mehr deutlich erkenne ; nur der frische Duft einer ungetrübten Jugend durchdringt mich jetzt wie ehemals und läßt mich mit Wehmuth auf die spätere Störungen blicken . Ich erzählte Dir wohl früher von einem geliebten Bruder , den die Lust an den Waffen in fremde Dienste , fernhin nach Italien zog . Es war wenige Tage nachdem ich mich Deinem Vater verlobte , als das Schicksal so über ihn entschied . Meine junge Seele kämpfte zum erstenmal gegen die eigenen Wünsche und das Verlangen meines Bruders , der von je mein ganzes Herz besaß und mir den Verlust einer früh beweinten Mutter allein ersetzte , da mein Vater , in Geschäften versunken , wenig auf mich achtete . Ich hatte indeß nicht den Muth , meinen Schmerz zu äußern , da Eduards laute Freude jedes andre Gefühl überhörte . Ich ging daher bang und verschlossen neben ihm hin , bis endlich am Abend vor unsrer Trennung , als wir allein in seinem aufgeräumten Zimmer standen , und die öden Wände seinen Namen , den er lachend ausrief , dumpf erschallen ließen , sein Herz brach , und er weinend in meine Arme sank . Es war , als rühre ihn die Zukunft warnend an , er blickte zagend um sich her , und wiederholte mehremale : liebe , liebe Mathilde , ich verliere Dich nicht , Du bleibst mir gewiß , Deine treue Liebe begleitet mich unter fremden Himmel und findet unverändert ein deutsches Herz in meiner Brust ! Ich konnte nicht sprechen . Seine Thränen lösten den lang verhaltnen Schmerz unwiderstehlich auf , ich glaubte in seinen Armen zu vergehen . Bald darauf riß er sich von mir los und eilte seiner Bestimmung entgegen . Dein Vater führte mich mit schonender Güte hieher . Allein ich konnte mich an nichts erfreuen , bis ich endlich nach mehrern Monaten einen Brief aus Neapel erhielt . Ich glaubte Anfangs , Worte einer fremden Welt zu lesen . Eduard wogte in dem frischen Strom eines neuen Lebens . Die reiche Natur rauschte wirbelnd durch sein Innres . Alle Worte klangen wie abgerißne Töne , die in innrer Gluth erzitternd , Violas Nahmen heraufbeschworen . Er hatte sie gesehn und ihre Gunst ohne Wissen der Eltern gewonnen . Der lockende Zauber verborgner Seligkeit riß ihn fort , er verlor sich im üppigsten Taumel . Ich konnte lange den Eindruck jener Worte nicht los werden , die unwillkührlich mein Gemüth erschütterten und einen trüben Schein auf die einfache Gestaltung meiner Umgebungen warfen . Traurig blickte ich hinauf zu dem wolkigen Himmel unsers Vaterlandes und maaß beklommen den langen , einförmigen Gang einer farblosen Zukunft . Nach und nach versöhnte ich mich indeß mit meinem Loose , das sich mir in der stillen Wirksamkeit eines thätigen Lebens allmählig freundlicher erschloß . Eduard schrieb jetzt seltner . Sein Glück ward häufig durch äußre Stöhrungen getrübt . Viola sollte die Hand eines reichen Deutschen , den er gleichwohl nicht nannte , nach dem Willen ihrer Eltern annehmen . Ihr standhaftes Weigern erregte Argwohn und setzte sie harten Verfolgungen aus . Nach langem , ängstigendem Schweigen meldete er mir endlich aus Venedig , alles sei entdeckt , Viola habe den Schleier genommen , und er irre , verfolgt , halb sinnlos vor Schmerz , umher , ohne zu wissen , wohin er seine Schritte lenken sollte . Ich bat ihn dringend , zu mir zurückzukehren ; allein meine Briefe blieben unbeantwortet , wie späterhin alle Nachforschungen fruchtlos . Ich sah mit wachsender Angst , bei jedem wiederholten Versuche , Nachricht von ihm einzuziehen , der Gewißheit seines Todes entgegen , und ich versank zuletzt in jene dumpfe Muthlosigkeit , an welcher alle Freuden des Lebens unbemerkt vorübergehn . Eines Abends saß ich einsam in meinem Zimmer und überschaute mein freudloses Dasein , als sich die Thür öffnete , und Dein Vater mit einer verschleiereen Dame hereintrat , welcher ein Mann von hohem Ansehn und ausgezeichneter Kleidung folgte . Der Graf und die Gräfin Falkenstein , sagte er , mit sichtlicher Freude , die kürzlich aus Italien zurückkehrten . Aus Italien ! rief ich , von tausend Ahndungen durchbebt , und eilte der Gräfin entgegen . Sie warf den Schleier zurück , und indem sie sich mit vieler Anmuth zu mir neigte , überzog eine flüchtige Röthe ihr etwas bleiches Gesicht , dessen bewegliche Züge keinen bleibenden Eindruck gestatteten . Aus Italien ! wiederholte ich mit bangem Zagen , haben Sie - - Der Graf trat hier zu mir , und entschuldigte auf eine feine Weise sein unerwartetes Erscheinen mit der unveränderten Anhänglichkeit an meinem Gemahl , für dessen Jugendfreund er sich erklärte , und von welchem , wie er verbindlich hinzusetzte , ihn nur widerstrebend ein vieljähriger Gesandschaftsposten habe entfernen können . Ich sah mich in ein gleichgültiges Gespräch verwickelt , während die dringendste Frage auf meinen Lippen schwebte . Die Gräfin maß mich mit ihren großen vielsagenden Augen , und sagte hinterher , in gebrochnem Deutsch , mit der lieblichsten Stimme , ein schmeichelndes Wort . So hielten mich beide gefangen , und ich verzweifelte fast , irgend etwas Näheres zu erfahren , da des Grafen wortreiche Höflichkeit mich immer mehr in mich selbst zurückdrängte , als dieser hinzusetzte , er habe nicht gehofft , seiner